Längst überfällige Diskussion

Julius Müller-Meiningen: Warum der Papst mit dem Vaterunser hadert; Im Blickpunkt 8. Dezember

Das Aramäische hat für manche Worte mehrere Begriffe, sodass es unterschiedliche Übersetzungen geben kann. Warum fragt man nicht einmal die noch lebenden Aramäer, welcher Text Sinn macht? Der Originaltext im Vater-unser-Gebet Jesu lautet: „Wela tachlan l’nesjuna ela patzan min bischa“ (nach der Fassung von G. Lamsa). Wörtlich: „Lass oberflächliche Dinge uns nicht irreführen, sondern befreie uns von dem, was uns zurückhält.“ Keine Rede von gottgewirkter Versuchung. Wenn aber die aramäische Ursprache ins Griechische, das Griechische ins Lateinische und das Lateinische ins Deutsche übertragen wird, geschehen Fehler. Wie wär’s denn mit einer kleinen Änderung: „Und führe uns aus der Versuchung“?

 Jörg Müller Freising

Papst Franziskus stößt eine längst überfällige Diskussion an mit seinem Vorschlag, den Passus „und führe uns nicht in Versuchung“ des Vaterunsers zu ändern. Das hat nichts zu tun mit Bibel oder Gebete zwanghaft moderner zu machen, wie Susanne Breit-Keßler meint. Sondern mit der Grundaussage, die dieser Absatz des Gebets vermittelt: Gott als Versucher? Hoffentlich ein Übersetzungsfehler. Allerdings finde ich die vorgeschlagene Änderung in „lass uns nicht in Versuchung geraten“ nicht zielführend, da dieser Wunsch nicht nur fernab jeder Realität ist, und vermutlich auch zu Zeiten Jesu war, sondern auch sprachlich keine Meisterleistung. Um den Gebetsfluss nicht zu beeinträchtigen, würde ich eine Änderung in „und führe uns in der Versuchung“ befürworten. Ein liebender Gott, ein Vater, der einen in schwierigen Situationen an der Hand nimmt und hilft, einen neuen Weg zu finden. 

Christine Wölfle Schongau

Es gibt viel zu tun, wenn wir die Sprache der Evangelien genauer betrachten, nicht nur die Übersetzungen des Vaterunsers. Natürlich gelten die Grundlagen unseres Glaubens auch heute noch. Aber die Sprache und unser Wissen haben sich verändert– viele Wörter haben eine ganz andere Bedeutung. Vor tausenden von Jahren wurde in Gleichnissen geschrieben, damit sie die damaligen Menschen verstanden haben. Jetzt sind diese Beispiele nicht mehr nachvollziehbar. Es fängt schon bei den 10 Geboten an. Heute ist „Du sollst nicht....“ keine eindringliche Mahnung mehr – was sollten wir alles nicht und tun es doch. In manchen Fällen müsste es heißen: „Du darfst nicht…“ oder sogar „Es ist bei Strafe verboten…“. Auch die vielen Namen in der Bibel sind für uns bedeutungslos und nichtssagend. Wir können die Sätze lesen, aber sie sprechen nicht mehr zu uns. Änderungen würden aber sicher sehr viele unterschiedliche Meinungen hervorrufen. 

Ilse Bub Höhenkirchen

Wir wissen heute, dass Jesus sich bei der Unterweisung seiner Jünger der damals in Palästina am weitesten verbreiteten Sprache, des Westaramäischen bediente. Bekanntlich hinterließ er nichts Schriftliches. Alle schriftlichen Aufzeichnungen, die in den Kanon des Neuen Testaments Eingang fanden, vor allem die vier Evangelien, wurden in Griechisch verfasst und zum Teil später ins Hebräische und Aramäische übersetzt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Jesus ebenfalls dieser Sprache, die zu seiner Zeit Amtssprache im Ostteil des Römischen Reiches war, mächtig war, ist groß, schließlich unterhielt er sich mit „Heiden“ ohne Dolmetscher. Insofern dürfte am Originalcharakter der beiden Vater-Unser Versionen kein Zweifel bestehen. Matthäus (6.9-13) ist ausführlicher während Lukas (11.2-4) bestimmte Worte verwenden, die wenig Spielraum für Interpretationen lassen. (kai mè eisenengkès eîs peirasmòn) Griechisch eisengelkès bedeutet hinein- hinführen, wobei der Wortbestandteil anangke = Zwang, Notwendigkeit, mitklingt sowie ho peirasmós = Versuchung, Prüfung bedeutet. Nur bei Matthäus findet sich der Nachsatz und errette uns aus / von dem früher „Übel“ heute „Bösen“. Dafür steht hier das Wort to ponèron. Dieses Wort zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichtsbücher des Alten Testaments (AT) (Richter, Könige, Chroniken) und hat immer die Abkehr von Volk und Herrscher von Gott und seinen Anordnungen (entolé) oder seinem Vertrag mit den Menschen (diathèke) zum Gegenstand. Poneron ist, „was Gott nicht gefällt“, ist also das „Schlechte“, „Üble“, „Böse“. Von einem Satan oder Teufel, der dies bewirken soll, ist hier nicht die Rede. Wem der in Versuchung führende Gott nicht gefallen mag (was man ja durchaus verstehen kann), sollte sich einmal der Mühe unterziehen und das Alte Testament aufmerksam durchlesen. Es ist voller derartiger Vorgänge, am prominentesten wohl in Exodus (7.3) wo es heißt „das Herz des Pharao will ich verhärten, um Wunder zu tun in Ägypten…“. Dennoch ist vor einem Ausblenden des AT zum Verständnis des Christentums zu warnen, ist man doch schnell dann an der Stelle der „Deutschen Christen“ die aus dem Juden Jesus einen Arier machen wollten. 

Bernd Hertling Grafing

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