2 Leserbriefe

Wir schulden den Tieren ein gutes Leben

Sascha Meyer undErich Reimann: DerStreit um die Billig-Schnitzel;Im Blickpunkt 4. Februar

Thema Billigfleisch Stell Dir vor, es ist Angebotstag bei ALDI und keiner geht hin. Kein Witz. Um die Tiertragödie zu stoppen, wäre es ein großer Schritt in die richtige Richtung. Eigentlich müssten es die Konsumenten wissen, müssten selbst auf die Idee kommen: Umso billiger ein tierisches Produkt, desto erbärmlicher das Leben der Kreatur! Kommen sie aber nicht. Würden sie sonst zu Dumpingpreisen Fleisch von meist kranken Tieren kaufen? Es sind „Produktionskrankheiten“, ein systembedingtes Leiden in den Ställen. In den Ställen der großen Mastbetriebe. Bereits im Frühjahr 2015 präsentierte der wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik ein 400 Seiten starkes, schockierendes Gutachten. Innerhalb eines Jahres wurde am Beispiel Brandenburg gezählt, wie viele Milchkühe u.a. an ihren Eutern, Beinen und Klauen erkrankt waren. Es waren rund 90%. Eine noch größere Zahl an Schweinen hatte geschwollene Gelenke mit Schleimbeutelentzündungen. Bei einem Projekt in Niedersachsen im Jahre 2009 beteiligten sich 10 Betriebe. Auch hier war die Bilanz fatal: Nur 52 % der untersuchten Organe waren gesund. Der Rest hatte Leberschäden durch Spulwürmer oder Entzündungen an Lunge, Herzbeutel, Brust bzw. Bauchfell. In NRW wurden 2012 Daten von 18 Mio. Masthühnern ausgewertet. Mehr als 91% bekamen Antibiotika verabreicht. Durch Züchtung auf maximalen Fleischansatz werden Gelenke und Organe überlastet und deformiert. Die Tiere humpeln und lahmen, können sich wegen der Schmerzen gar nicht mehr richtig fortbewegen. Sie hocken dann am Boden und vegetieren in meist dunklen Ställen. Dass die Tiere zusätzlich durch nicht artgerechte Haltung millionenfache Verhaltensstörungen aufweisen, ist bewiesen: Durch verbissene Ringelschwänze bei Schweinen. Durch Schnabelpicken verletzen oder töten sich Hühner gegenseitig. Auch wenn Ministerin Klöckner aktuell es als unanständig bezeichnet, Billigfleisch zu kaufen, wird das System der Tierquälökonomie weiter „prächtig“ funktionieren. Wer ist eigentlich schuld an diesem Elend? Der Staat, der sein selbst beschlossenes Tierschutzgesetz missachtet. Die Konzerne, die sich gegenseitig pushen und keine Scham und Skrupel haben, die Erzeuger zur unmenschlichen Produktion der Massenware Fleisch zu „zwingen“. Und schließlich wir alle, die Konsumenten. Wir sind es, die das geschundene und leidende Nutztier als Wohlstandsmaschine betrachten. Aus Respekt schulden wir es dem Tier, wenn wir es schon für unsere Zwecke benutzen, ihm wenigstens ein gutes Leben (wenn auch viel zu kurzes) zu ermöglichen.

Peter Huber

Schongau

Nach dem vergangenen Jahr bin ich es gewohnt, dass in den Diskussionen über unsere Landwirtschaft das Wissen und die Fakten ins Hintertreffen geraten und in die Bedeutungslosigkeit versunken sind. Und scheinbar faktisch fundamentale Fehler weder von unserer Politik, noch von unserer Gesellschaft erkannt werden. So auch in dem bezeichneten Beitrag. Ich möchte hier eine Aussage in dem Artikel wortgenau zitieren: „Von einem Euro, den Verbraucher für Nahrung Zahlen, kommen beim Erzeuger im Schnitt noch knapp 21 Cent an, wie das bundeseigene Thünen-Institut nach Daten für 2018 ermittelte. Vor 20 Jahren waren es mehr als 25 Cent“. Aussagen! Aber Fakten? Die will ich Ihnen nachfolgend anhand einer Semmel aufzeigen. Nach dem Marktbericht des Bayerischen Landwirtschaftlichen Wochenblattes lag der Erzeugerpreis für Brotweizen in der KW 5 am 31.01.2020 bei ca. 16,00 € / 100 kg für übliche konventionelle Ware. Nach Aussage von Wikipedia liegt der Ausmahlungsgrad von Weizen beispielsweise beim gebräuchlichen Weizenmehl-Typ 405 bei ca. 60%. Dies ergibt also ca. 60 kg Mehl aus einem Doppelzentner (100 kg) Weizen. Macht also umgerechnet 27,00 € / 100 kg Mehl für den ´Weizenanteil‘ des Bauern! Bis 1957 galt die gesetzliche Vorschrift, dass eine Semmel 50g wiegen muss. Jetzt gilt dies nicht mehr. Aber lassen sie uns dennoch diese 50g/Semmel als Rechenbasis zugrunde legen. Und gar noch, dass auch 50g Mehl in einer Semmel wären! Was in der Realität aber nicht so ist. Dann ergäbe dies eine ´Semmelausbeute‘ von 2000 Semmeln aus 100 kg Mehl! Dies sind bei unserem Bäcker mit einem Semmelpreis von 40 Cent/Semmel exakt 800,00 € für den Verbraucher! Bei einem Anteil von 27,00 € für den Weizen des Bauern! Ergibt also für jeden Rechenlaien nachvollziehbar 0,8 Cent / Semmel für des Bauer‘s Weizen! Und somit einen Anteil von rechnerisch 2,0 % an der Semmel! Also nicht 21 Cent von einem Euro des Verbrauchers für den Bauern, sondern 2 Cent! Ein Fehlerfaktor von über 10 in diesem Fall. Vielleicht wäre es angebracht, die Mitarbeiter in diesem bundeseigenen Thünen-Institut in der Beherrschung der Grundrechenarten prüfen zu lassen!? Die Realität ist noch dramatischer und verschiebt sich noch weiter zu Ungunsten von uns Bauern. Mit dem Ergebnis, dass selbst ein ´Verschenken‘ unseres Brotweizen wohl zu keinem Rückgang des Semmelpreises mehr führen würde. Da er ja kalkulatorisch vollkommen außer Acht gelassen werden kann! Übrigens wäre der energetische Wert von Weizen, der ´Brennwert‘ in einem Ofen aber deutlich höher! Ein ´Verheizen‘ von Brotweizen lehnen wir aber natürlich aus ethischer Sicht ab! Beim ´Verheizen‘ beschränkt man sich lieber auf die Bauern! Unser täglich Brot gib uns heute!

Simon Kistler

Landwirt,Sulzemoos

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