Und führe uns nicht in Versuchung

Julius Müller-Meiningen: Warum der Papst mit dem Vaterunser hadert; Im Blickpunkt 8. Dezember

Man kann sich nur darüber freuen, dass der Münchner Merkur sich journalistisch immer wieder einer Themenverengung entzieht und diesmal dem Vaterunser seine ganze Seite Drei widmet. Und man darf dem Papst dankbar sein, dass er diese Passage des Gebets, über die wohl jeder christliche Beter schon gestolpert ist, problematisiert. Papst Franziskus ist eben ein ganz und gar unkonventioneller Geist und Papst Benedikt hat ja in seinem berühmten Gespräch mit August Everding gesagt, der Heilige Geist gebe die Auswahl der Päpste nie ganz aus der Hand. Es muss sich also niemand aufregen. Was die schwierige Gebetsbitte betrifft, ist sie bei mir von der Deutung begleitet: Und überfordere mich nicht! Ich brauche deshalb keinen neuen Text, zumal die deutsche Übersetzung, wie alle Fachleute sagen, dem griechischen Urtext wortgenau entspricht und es keinen Übersetzungsspielraum gibt. Dass Jesus es auf aramäisch ebenso gesagt hat, darauf kann ich vertrauen. 

Manfred Brunner München 

Jesus hat aramäisch gesprochen. Wenn man dies berücksichtigt, heißt der angesprochene Passus: „Und führe mich in der Versuchung“. Zur Erinnerung: Auch Jesus wurde versucht und sein Gott ist ein Gott der bedingungslosen Liebe, bedingungslos, nicht verhandelbar. Wenn man nun daran geht, das Vaterunser zu überarbeiten, noch einen Hinweis: Wenn Jesus gebetet hat, sprach er den Vater auf Aramäisch mit Allaha an, was übersetzt Vater/Mutter heißt. Danach würde man beten: Vater/Mutter, der Du bist im Himmel. Im Deutschen grammatikalisch nicht ganz richtig, für das Herz aber stimmig. 

Dr. Peter Röschlau Seeshaupt

Das Christentum, wie es sich heute darstellt, tut so, als wäre alles seit Jesus so gewesen, wie es heute ist. Nichts ist falscher als diese Annahme. Alles wurde in harten Auseinandersetzungen nach und nach erkämpft. Und die heutige Kirchensprache ist wie vieles andere überholt und nicht mehr verständlich. Papst Franziskus geht es darum, den Kern des Christentums vorzuleben und verständlich zu machen. Darum die geplante sprachliche Änderung im Vaterunser, damit wir nicht Wörter nachplappern, die nicht mehr verständlich sind. Papst Franziskus packt hiermit ein heißes Eisen an: Wie denken wir über Gott? Die Reaktionen: Informiert wird man primär durch Rundfunk und die Presse. Und die Kirche? Bischof Vorderholzer von Regensburg meint: Es gehe nicht an, Jesus zu korrigieren. Er bildet sich offenbar ein, wortgetreu zu haben, was Jesus vor knapp 2000 Jahren sagte. Von Überlieferungs- und Übersetzungsproblemen scheint er nichts zu wissen, zumal Jesus aramäisch sprach, wovon fast nichts überliefert ist. Ich frage mich: Muss man wirklich so naiv sein, um Bischof werden zu können. Nicht weniger gut ist Frau Breit-Keßler. In kindlicher Naivität ist sie dagegen, Bibel und Gebete zwanghaft moderner zu machen. Papst Franziskus ist es zu verdanken, dass er der veralteten Kirche immer wieder einen kleinen Anschubser zu geben versucht.

 Lorenz Huber Altomünster-Asbach

Gott sei Dank hat Papst Franziskus nun diesen schon längst überfälligen Denkanstoß formuliert. Dem Leserbrief von Frau Christine Wölfle aus Schongau stimme ich voll und ganz zu. Ich bitte schon immer: „Und führe uns in der Versuchung“, denn wir alle haben ein Gewissen, den freien Willen, aber damit auch Verantwortung, uns pro oder contra, gut oder schlecht, zu entscheiden. So kann ich auch nicht glauben, dass Gott gesagt haben soll, macht Euch die Erde untertan, sondern: Bewahret meine Schöpfung! Denn dieses Gebot muss in der heutigen Zeit absolute Priorität haben, wir konnten im Lauf der Jahrhunderte eben vielen Versuchungen nicht widerstehen.

 Olga Lechner Tutzing

Die Diskussion über die Formulierung der letzten Bitte des Vaterunsers ist nicht neu. Diese Bitte muss schlicht komplett gelesen werden, denn in der zweiten Satzhälfte steckt die wesentliche Aussage. Gott, der die Liebe ist (1 Johannes), führt in der Tat nicht in Versuchung, schon gar nicht in die Versuchung. Der Clou der Bitte liegt im Begehren, Gott möge doch alle Übel abschaffen. Diese radikale Lösung ist folgerichtig zur Bitte am Anfang („dein Reich komme“). Denn wenn wir, die Menschen, vom Übel der irdischen Welt, dem Bösen, befreit werden, beginnt das endgültige Reich Gottes, dieses ist aber allein Gottes Werk. 

Peter Schröder Höhenkirchen-Siegertsbrunn 

Endlich! Ich beglückwünsche Papst Franziskus zu seinem mutigen Vorstoß! Welcher vernünftige Mensch glaubt heute noch, die Erde sei eine Scheibe und Eva aus einer Rippe Adams entstanden? Man hat es also geschafft, das alttestamentliche Welt- und Menschenbild den gegenwärtigen Erkenntnissen anzupassen. Warum nur tut man sich mit einer Korrektur des gleichermaßen veralteten Gottesbildes so schwer? Wenn Jesus selbst seinen himmlischen Vater mit „Abba“, „Papa“, anspricht, wie mag man sich ihn dann als einen Gott vorstellen, der seine Kinder in Versuchung führt und zum Bösen anstiftet? Das ist absurd. Eine so missverständliche Formulierung wie diese Vaterunser-Bitte zu revidieren ist weder Kritik an Jesus noch eine unangebrachte Modernisierung. Es ist einzig die Verdeutlichung seines bedingungslosen Vertrauens. Die Kernbotschaft des Evangeliums ist einfach und klar. Gedankenakrobatik lag Jesus fern, die einfachen Menschen in seiner Gefolgschaft hätten eine solche sicherlich gar nicht verstanden. Die Argumentation der Bischöfin Breit-Keßler in diesem Zusammenhang erschließt sich mir nicht. Die Evangelisten haben ihre Werke Jahrzehnte nach dem Tod Jesu verfasst, keiner von ihnen hat ihn persönlich gekannt. Wie will man also auf einem genauen Wortlaut bestehen? Ganz zu schweigen von den Klippen, über die man bei den diversen Übersetzungen gestolpert ist. Wer sind nun die Verursacher der so zahlreichen Versuchungen? Man muss nicht lange suchen, sie liegen im Menschen selbst: in seinen Ängsten, seinem Stolz, seiner Gier. Und weil jeder Mensch etwas davon in sich trägt, wird er auch immer wieder in Versuchungen geraten. Zur Erklärung brauche ich weder Gott noch einen Teufel. Ich habe viele Jahre katholischen Religionsunterricht erteilt. Und jedes Mal habe ich mich mit meinen Schülern darauf verständigt, die Bitte für sich selber so umzuformulieren: „Führe uns in der Versuchung.“ 

Ingeborg Fanger Niederding

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