Leserbrief

Verschickung war eine Hilfe und Erholung in Zeiten unendlicher Not

Katrin Woitsch: Das Schicksal der Verschickungskinder; Im Blickpunkt 8. April

Die detailliert dargestellten Schicksale und die Postkarte zeigen, dass Schlimmstes geschehen ist. Trotzdem möchte ich diese Behauptung, Millionen Kinder seien gequält, geschlagen und gedemütigt worden, so nicht stehen lassen.

Mein Vater, Jahrgang 1935, ist ein Verschickungskind, Nachbarskinder und Schulfreunde von ihm auch. Aufgewachsen ist er damals in München, mit vielen Geschwistern in einer kleinen Stadtwohnung, mit Krieg, Bomben, bitterer Armut und großem Hunger. Seinen Eltern wurde nach Kriegsende vom Hausarzt eine Verschickung vorgeschlagen. Unglaublich mager und zunächst mit dem Verdacht auf Schwindsucht, der sich nicht bestätigt hatte, sollte er auf Erholung. Nach reiflicher Überlegung stimmten die Eltern zu. Bei Bad Tölz war dann in den Ferien seine Verschickung, betreut im Eisenbahnerheim von Rotkreuzschwestern, offen für Besuche durch die Eltern, was mein Großvater damals auch soweit möglich, genutzt hat. Ein strenges Regiment mit festen Regeln, aber genauso mit Erlebnissen und Spielen im Wald, Fahrten nach Bad Tölz etc. Fürchterlich fanden die Kinder damals nur, dass sie täglich einmal Lebertran einnehmen, ein Glas „Jodwasser“ zu trinken bekamen und zum Frühstück eine schreckliche Kartoffelsuppe essen mussten.

Mein Vater sagt, das hat man halt runtergewürgt, aber ansonsten war gut und reichlich zu essen. Schlagen, Quälen, Misshandeln hat er nie erlebt. Aber es gab, um die Kinder möglichst mit Gewichtszunahme wieder heimzuschicken, feste Mittagsruhe und erst danach war der Toilettengang erlaubt. Wenn Kinder dann in die Hose gemacht haben, weil sie die Zeit bis zum Toilettengang nach für sie damals ungewöhnlich viel Essen und Trinken nicht ausgehalten haben, dann gab es dafür eine demütigende Maßregel. Die „Hosensch...“ mussten am nächsten Tag beim Mittagessen am Tischende auf Eimern sitzen. Da hat es irgendwann jeden mal erwischt, der so bloßgestellt wurde, erzählt mein Vater. Das sieht er heute noch als die gröbste Demütigung bei der Verschickung. Genauso erinnert er sich aber an das für ihn unglaubliche Sattessen. So beeindruckt ihn noch heute, dass für die Heimfahrt mit dem Bus am Ende der Verschickung, jedes Kind als Brotzeit eine Regensburgerwurst und eine Semmel mitbekommen hat. Das war damals ein so wertvolles Geschenk, dass Wurst und Semmel unberührt für die große Familie daheim mitgebracht wurden.

Mein Vater hat auch noch die Postkarte seines Freundes, die dieser aus der Verschickung vom Heim in Mittenwald an ihn geschickt hat. Seine Karte ist original und von dem Buben persönlich geschrieben (anders als im Artikel die Karte des Mädchens). Den tiefsten Eindruck bei mir hat seine Feststellung hinterlassen, dass es jeden Tag ein Essen gibt und er satt wird. Diese Postkarte könnte ich auch gerne mit der Erlaubnis meines Vaters als Foto nachreichen, da sind alle Daten perfekt belegbar. Er kann auch noch viel mehr Details berichten.

Meinem Vater als unmittelbar Betroffenen liegt viel daran klarzustellen, dass die Verschickung eine Hilfe und Erholung in Zeiten unendlicher Not gebracht hat, dass die Behauptung, Millionen von Kindern seien gequält, geschlagen und misshandelt worden, dass unausweichliche Zwangsmaßnahmen üblich waren, seiner Erfahrung so nicht entspricht und den Gesamteindruck zu sehr verzerrt.

Inge Linder

München

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