Ideale verraten

Die Verfassung gibt Halt; Kultur 28. Juli

Ein ahnungsvoller Hauch kommender dramatischer Veränderungen und Verwerfungen des politischen Gefüges der Demokratien westlichen Gepräges scheint über dieser inhaltsschweren denkwürdigen und rhetorisch brillanten Festrede des Juristen und Erfolgsautors Ferdinand von Schirach zu liegen. Es geht um die digitale Revolution unserer Tage und ihre Auswirkungen auf die politischen Entscheidungsprozesse und die Repräsentanten der politischen Macht. Bürger seien nicht länger nur Empfänger von Nachrichten: „Sie sind sehr mächtige Sender.“ In den sozialen Medien, aber auch in der wachsenden Zahl von Volksentscheiden und Referenden manifestiere sich zunehmend der Hass und die Wut der Bürger, die sich von der Politik abgehängt fühlten. Dennoch sieht von Schirach die Zukunft demokratischer Staatswesen durch die Stabilität und Flexibilität ihrer Institutionen, durch die Gewaltenteilung und ihre auf rechtsstaatlichen Prinzipien beruhende Verfassung gewährleistet. Ferdinand von Schirach, dessen Großvater Baldur von Schirach als Protagonist der NS-Diktatur in die Verbrechen des Dritten Reiches verstrickt war, begegnet den Manifestationen des Volkszorns, den Schmähungen und vulgären verbalen Exzessen gegen die Politik mit entschiedener Skepsis. Er hinterfragt den Begriff der Macht und wie von ihr in der Geschichte der Neuzeit und der Omnipräsenz des Internets in der Gegenwart Gebrauch gemacht wurde und wird. Schon im Verlauf der Französischen Revolution von 1789 wurden die Ideale der Aufklärung von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Toleranz verraten zugunsten einer Diktatur der Gewalt und des Unrechts. Und die auf die Weimarer Republik 1933 folgende Diktatur des Nationalsozialismus und der Inhumanität zeigt die Problematik des Machtmissbrauchs und der Abschaffung des kategorischen Imperativs der Toleranz und des Rechtsstaates. Mit seiner Skepsis gegenüber Mehrheitsvoten der Masse befindet sich Ferdinand von Schirach in bester Gesellschaft mit dem deutschen Dichter und Historiker Friedrich Schiller (1759 bis 1805), dem zeitgenössischen Beobachter der Französischen Revolution und ihrer Folgen. Mehrheit hielt er für „Unsinn“: „Verstand ist stets bei wen´gen nur gewesen...Ein Staat muss untergehen, früh oder spät, wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet.“ Wer dächte da nicht an das Regiment Donald Trumps oder Recep Erdogans? 

Karin Motz-Glasow Schongau

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