Leserbrief

Lebendige Tradition der Volksmusik

Markus Thiel: „Der Vulkan ist explodiert“, Gesprächmit Christian Gerhaher;Kultur 23./24. Mai

Als regelmäßiger Konzertbesucher schätze ich Christian Gerhaher als einen der besten Sänger der Gegenwart, aber auch als unerschrockenen Kämpfer in kulturpolitischen Dingen. Umso mehr hat mich eine Passage in seinem Interview im Merkur über die „vermaledeite Kulturhoheit“ gewundert. Er bezeichnet darin „die föderalen Ansprüche der Länder“ lediglich „als historische Gegebenheit, aber nicht in kultureller Hinsicht“ und plädiert für ein „Kunst- und Erziehungsministerium auf Bundesebene“. Das eine schließt das andere nicht aus, jedoch kann ein zentrales Bundesministerium kaum der immensen Bedeutung föderaler Kulturförderung gerecht werden. Schließlich verdanken wir den reichen deutschen Kulturschatz der Vielfalt der früheren staatlichen Gliederung in Fürstentümer und freie Reichsstädte. Entschieden widersprechen muss man Gerhahers Behauptung, dass „Brauchtum keine schützenswerte Kultur, sondern eine gelebte Tradition, die im Vergleich zu den Künsten inhaltsarm ist“. Er hängt wohl dem überholten elitären Kulturbegriff des 19. Jahrhunderts nach und kennt offenbar die inhaltsreiche Vielfalt der Volkskultur nicht, wenn er diese auf Tracht und Tänze reduziert und den in Bayern besonders ausgeprägten großen Bereich der Volksmusik nicht erwähnt. Deren kulturelle Bedeutung zeigt sich beeindruckend in der Aufnahme zum Beispiel des Zwiefachen in das immaterielle Kulturerbe der Unesco. Schon allein musikhistorisch ist die Abgrenzung nicht richtig, war doch vor allem die Musik der Klassik eng mit der Volksmusik verwoben. Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert haben bezaubernde Ländler und deutsche Tänze komponiert. Dass Volksmusik und Kunstmusik keine kulturellen Gegensätze sind, beweisen heutzutage viele Volksmusiker, die ganz selbstverständlich in beiden Bereichen zuhause sind. Bayern hat 1978 als erstes Land in Deutschland einen Musikplan herausgegeben. Darin hat die bayerische Staatsregierung u. a. ein Entwicklungsprogramm für den Profi-, Laien- und Volksmusikbereich festgelegt und dieses Programm 1989 und 2010 aktualisiert. Obwohl die Förderung der Volksmusik seitens des Staates prozentual eher marginal ist, zeigt sie doch eine Wertschätzung, die schon die Wittelsbacher auszeichnete. Die Volksmusik hat seit 1998 ihr wichtigstes Forum in dem alle zwei Jahre an Pfingsten in Regen stattfindenden Volksmusiktreffen drumheru. Dort demonstrieren tausende Sänger, Musikanten und Tänzer über die ganze Stadt und das nähere Umland verteilt, einzeln und in kleinen und großen Ensembles vor zigtausend begeisterten Besuchern eindrucksvoll die lebendige Tradition der Volksmusik – eine gute Gelegenheit, die Volksmusik in ihrer ganzen kulturellen Vielfalt kennenzulernen. Leider fällt das Drumherum heuer coronabedingt aus.

Dr. Erich Sepp

Siegertsbrunn

Abteilungsleiter Volksmusik a. D. beim Bayerischen Landesverein für Heimatpflege e.V.

Auch interessant

Kommentare