Kunstwerk der Zukunft

Markus Thiel: Täter der Klamotte; Kultur 27. Juli

Schmerzhafter Abschied der Meistersinger aus meiner Jugendzeit! Richard Wagner hat sich in seinem Grab herumgedreht, angesichts dieser „Meistersinger von Nürnberg“ in Bayreuth. Was für eine Blasphemie, denkt man nur an die tiefgründigen sanglichen Monologe des Hans Sachs. Stellt sich weiter die Frage, ob bei dieser Regie die Texte der Oper stimmig sind? Herr Kosky hat eine der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte in diese Oper eingearbeitet. Wozu, warum? Was hat diese Oper mit Naziprozessen zu tun? Warum klatscht dann das „hohe Haus“ nach dieser Düsternis? Wollte Herr Kosky uns Deutschen einen hässlichen Spiegel vorhalten? Nein, man kann nur entsetzt und traurig über diese Inszenierung sein, die zur reinen Interpretations-Oper verkommen ist. 

Margot Fürst München

Wagner hatte damals auf den Rat von Freunden gehört und ein „Lustspiel“ geschrieben. Herr Kosky hat das gleich erkannt und umgesetzt. Den kapitalen Fehler bei dieser Inszenierung hat er zur Freude des Publikums gleich mit eingeschlossen. Wagner schreibt in seiner Partitur: Ort: Nürnberg. Zeit: 15. Jahrhundert, da gab es keine Juden, denen man die Position eines Stadtschreibers überantwortet hätte. Beckmesser kann also auf keinen Fall Jude sein. Auch war Hanslick kein Jude, für den er die Oper auch gar nicht konzipiert hatte. Beckmesser wird auch nicht von der Gesellschaft ausgegrenzt oder verjagt. Er kann die Stenografie von Sachs nicht richtig lesen und singt auf der Festwiese miserabel. Dafür wird er ausgelacht. Darüber macht er coram publico Sachs heftige Vorwürfe, dieser hätte ihm das schlechte Lied aufgedrängt. Sachs holt sich den Zeugen Stolzing in die Mitte, und dieser führt - entgegen des üblichen, fürchterlichen Kunstgesanges der Meister - Wagners erweiterte Liedform ein. Der Komponist weist damit auf sein „Kunstwerk der Zukunft“ hin. Dann liest man in Wagners Regieanweisung: „Beckmesser verliert sich in der Menge“. Niemand verjagt ihn. An den theaterwissenschaftlichen Instituten wird dies anscheinend nicht vermittelt. Herr Kosky will es nicht wissen, die Sänger dürfen es nicht wissen, und das Publikum kann es nicht wissen. Die Medien, die darüber berichten, sollten es aber wissen. 

Prof. Dr. Bernd Weikl der den Sachs 163X gesungen hat Hamburg

Auch interessant

Kommentare