Leserbriefe

Das Gefühl, das Leben zu verpassen

Folge des Lockdowns: Mehr Depressionen bei Kindern: Im Blickpunkt; 12. Februar

Gebt der Jugend ihr Leben zurück

Es hat erstaunlich lange gedauert, bis in den Medien zaghafte Hinweise auf die schlimmen Folgen des Lockdowns bei der jungen Generation aufgetaucht sind. Nun müssen wir aber schwarz auf weiß lesen, dass „ein knappes Jahr nach Beginn der Pandemie fast jedes dritte Kind in Deutschland psychische Auffälligkeiten zeigt“ und dass „die Pandemiefolgen für unsere Kinder insgesamt wesentlich gravierender sein werden“. Nach 36-jähriger Lehramtstätigkeit weiß ich, wie wichtig für die Jugendlichen das soziale Miteinander im schulischen Umfeld ist. Das Heranreifen zu einer eigenständigen Persönlichkeit braucht die ständige Auseinandersetzung mit den Werten und Maßstäben der Gleichaltrigen, natürlich auch der Erwachsenen außerhalb des eigenen häuslichen Bereichs. Isolation hemmt in jeder Hinsicht die Persönlichkeitsentwicklung. So ist es kein Wunder, wenn eine 16-Jährige äußert: „Was mich am allermeisten stört, ist das Gefühl, das Leben zu verpassen.“ Es fehlt ja nicht nur das schulische Umfeld, sondern auch die Möglichkeiten, die Freizeit nach individuellen Bedürfnissen in Geselligkeit zu gestalten. Sport und Kultur haben geschlossen, genauso wie Cafés, Bars und Kneipen, die für junge Erwachsene in ihrer Lebensphase, die ja auch von der Suche nach dem richtigen Partner bestimmt ist, eine wichtige Rolle spielen.

Die bisherige Coronabekämpfung wird also insbesondere auf dem Rücken der jungen Generation ausgetragen, die in der Zukunft unseren Staat tragen und auch uns Ältere unterstützen soll. Es wird deswegen allerhöchste Zeit, dass wirklich sinnvolle Maßnahmen ergriffen werden, um mit dem Virus, das durch eine beliebige Zahl an Lockdowns nicht von der Bildfläche verschwinden wird, leben zu lernen: Das kann auf Dauer nicht durch die Schließung der Gesellschaft erreicht werden, sondern durch Regeln, die mit Verstand und Umsicht die Bedürfnisse aller Altersgruppen und Gesellschaftsschichten berücksichtigen. Dazu gehören meiner Ansicht nach die durchgehende Öffnung der Schulen zunächst im Wechselverfahren, verbunden mit einem raschen Impfangebot an alle Lehrkräfte, und das Öffnen von Sport, Kultur und Gastronomie, soweit sich die notwendigen Hygienestandards umsetzen lassen. Der jungen Generation kann man in zunehmendem Maße nicht mehr erklären, warum man mit der Dampfwalze über unser Land fährt; nur durch tragfähige Perspektiven wird man die Jugend dazu bringen, Verantwortung für unser aller Zukunft zu übernehmen.

Eva-Maria Kerscher Penzberg

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