Leserbriefe

Der Ton im Alltag wird rauer

Georg Anastasiadis: Problemfall Europa; Kommentar 20./21. März; Sebastian Horsch: Testen gegen die Ohnmacht; Kommentar 22. März

Vor ein paar Tagen bat ich um einen kurzfristigen Termin für einen Schnelltest. Grund: Die Geburt meines zweiten Enkels, ich war als Babysitterin des älteren Enkels im Einsatz, und das Baby war nicht „terminkonform“. Ich wurde unnachgiebig abgewiesen. Schnelltest nur gegen Online-Anmeldung. Ich tat es, und als ich die Woche drauf (schneller ging nicht) zum Test ging, musste ich feststellen, dass zwei Personen bereits in meinen Termin hineindrängten, ohne Anmeldung, und den Test auch erhielten. Aha, es ging also doch, wenn man nur dreist genug war. Ich protestierte, und es entspann sich ein unschönes, lautstarkes Streitgespräch, in dem ich von einem der beiden auch noch mit „Ach ja, Sie sind wohl Rentnerin“ angepöbelt wurde.

Normalerweise hätte ich das als ungebührliches Benehmen abgehakt, wäre mir nicht bewusst geworden, wie sehr dieser kleine Vorfall die gegenwärtige Situation in unserer Gesellschaft widerspiegelt. Man ist genervt, gestresst, fühlt sich übergangen, ungerecht behandelt, der Ton im Alltag wird rauer. Von Sohn und Schwiegertochter in Schweden, die beide Patienten betreuen, erfuhr ich, dass sie längst geimpft sind, mit Biontech, da man sogar dort Astrazeneca (britisch-schwedisches Vakzin!) kritisch beäugt. Dort impft man das Personal im medizinischen Bereich, bei uns scheint man noch weit davon entfernt. Ich (71), Risikopatientin, bin auch im Impfzentrum und in der Hausarztpraxis angemeldet, warte geduldig und halte mich an die Regeln. Natürlich will ich auch ein gutes, verlässliches Vakzin und nicht eines, das nur gut geredet wird. Diese ständige Unsicherheit, hin und her, hü und hott, auf und zu, Skandale, die schon kriminell erscheinen (Masken), Mallorca, die Ohrfeige für alle verantwortungsbewussten Hoteliers in Deutschland. Es wird immer schlimmer. Auch die Polizei streicht schon die Segel, wie kürzlich in Kassel. Wirtschaftsminister Altmaier hat sich im Mai letzten Jahres mit Bezug auf Homeoffice gegen „staatliche Gängelei“ ausgesprochen. Aber was erleben wir denn mittlerweile auf der ganzen Linie anderes als staatliche Gängelei?

Curevac, ein neues, in Deutschland entwickeltes Vakzin ist in Erprobung. Wird das auch gleich wieder ins Ausland verkauft, so dass bei uns der Impfnotstand weitergeht? Man kann doch Versprechungen nicht mehr glauben. Meine Familie ist international aufgestellt und denkt überhaupt nicht nationalistisch. Aber ein wenig „Germany first“ wäre zumindest mir inzwischen schon sehr recht. Wie kann die Kanzlerin von „impfen, impfen, impfen“ reden, wenn der Impfstoff fehlt?

Längst gibt es die Todesfälle nicht mehr nur auf den Intensivstationen, sondern im übertragenen Sinn auch in der Gesellschaft. Wie anders ist es zu erklären, wenn die Beschädigung beruflicher Existenzen bis hin zur Vernichtung, ganz besonders im kulturellen Bereich, billigend in Kauf genommen wird? Esskultur gehört auch dazu. Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben, ob uns das passt oder nicht. Das geht aber nicht, wenn man sich nur von einem Lockdown zum anderen hangelt. Mein Appell an die Verantwortlichen: Macht endlich Hotels, Restaurants, Cafés, Konzertsäle et cetera wieder auf, unter strengen Auflagen und Kontrollen zwar, aber macht sie auf! Die Bevölkerung hat die AHA-Regeln inzwischen kapiert! In Abwandlung des Lieblingssatzes unserer Kanzlerin vor fünf Jahren sage ich jetzt einfach mal „Wir können das!“

Barbara Riedl Oberschleißheim

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