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Lieber im Westen

Verständnis für Russland; Leserbriefe 4. April

Mit großer Bestürzung habe ich die Zuschriften gelesen, die sich einerseits regelrecht hasserfüllt gegen Amerika richten, andererseits aber von Verständnis für russische Aggressionen geradezu triefen. Empört rufe ich den Verfassern zu: Wie geschichtsvergessen, naiv und arrogant seid ihr eigentlich? Geschichtsvergessen: Als Nazideutschland kapitulierte, war es Russland (damals Sowjetunion), welches einen eisernen Vorhang niederließ und Europa in zwei Teile spaltete. Während im westlichen Teil (vom ach so bösen Amerika beeinflusst und finanziert) Demokratie und Wohlstand aufblühte, versank der im sowjetischen Machtbereich liegende östliche Teil in Armut; jegliche Opposition wurde grausam verfolgt und niedergehalten. Naiv: Die Nato, als Verteidigungsbündnis gegründet, hinderte und hindert auch jetzt noch niemand daran, auszutreten, wie es Frankreich in den sechziger Jahren tat, als sich der damalige französische Ministerpräsident de Gaulle von den USA zu sehr bevormundet fühlte. Im Gegensatz dazu stand der von den Russen initiierte Warschauer Pakt, der seine Mitglieder mit eiserner Hand kontrollierte und jegliches demokratische Aufbegehren mit Waffengewalt eliminierte, wie die Aufstände in der damaligen DDR (17. Juni 1953), Ungarn (Oktober 1956) oder Tschechien (Prager Frühling, Frühjahr 1968) beweisen. Arrogant: Es ist völlig gleichgültig, ob dieses – angeblich mündlich abgegebene – Versprechen, die Nato würde sich nicht nach Osten ausdehnen, jemals ausgesprochen wurde. Was für eine (typisch deutsche) Arroganz und Verständnislosigkeit spricht aus der Haltung, dass man den osteuropäischen Staaten, nachdem sie nach Jahrzehnten russischer Besatzung endlich ihre Freiheit erlangt hatten, den von ihnen selbst ersehnten Beitritt zu einem Verteidigungsbündnis verweigern wollte? Die durch Russland erfolgte völkerrechtswidrige Annexion der Krim sowie die nachweisbaren Kampfhandlungen russischer Soldaten in die Ostukraine gibt ihnen ja im Übrigen auch Recht. Man muss die USA durchaus nicht mögen und viele kritische Anmerkungen zu ihrer Außenpolitik sind richtig, aber in einer Welt, die sich wieder zunehmend in Ost und West zu polarisieren scheint, lebe ich – wie damals meine Eltern nach dem zweiten Weltkrieg – auf jeden Fall lieber im westlichen Bereich, in dem Kritik nicht zum Schweigen gebracht wird (siehe Boris Nemzow, Anna Politkowskaja und viele andere).

Gerhard Braß Poing

Selbstverständlich weiß ich, dass Leserbriefe nicht auf der Linie der Redaktion liegen (müssen). Ich habe aber sehr begrüßt, dass in dieser Ausgabe unter dieser Überschrift einmal mehrere Leser zu Wort kamen, die sich der verbreiteten Meinungsmache gegen Putin, Putins Russland entgegenstellen und die viel zu nachsichtige Bewertung der USA, ihrer heutigen Rolle, kritisieren. Nachdem ich die SZ über 50 Jahre im Abonnement bezog, habe ich sie wegen in verschiedener Hinsicht einseitiger Meinungsmache vor kurzem gekündigt und den Münchner Merkur abonniert. Sein Studium in den letzten vier Wochen hat mir gezeigt, dass die Entscheidung richtig war.

Gottfried Müller Putzbrunn

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