Interpretationen zu Gutmensch

„Gutmensch und guter Mensch“; Leserbriefe 14. Januar

Jedem einzelnen der Leserbriefe zum Thema Gutmensch stimme ich zu. Besonders Herr Max Westermair hat die Ursache der häufig vorkommenden, mitmenschlichen Kälte unserer Zeit benannt. Kinder, die im Wohlstand aufwachsen, deren elterliches Vorbild ihnen die Notwendigkeit einer Anhäufung von materiellen Werten suggeriert, deren berufstätige Mütter ihnen kaum etwas käuflich zu erwerbendes verwehren, im irrigen Glauben, damit einen Ausgleich für fehlende, mentale Zuwendung und Geborgenheit zu schaffen, sind oft nicht imstande, Empathie für ihre Mitmenschen zu entwickeln. Als junge Erwachsene sehen sie sich dann als Mittelpunkt der Welt und verachten jene, welche sich aufopfernd für Bedürftige einsetzen. Nur ein kleines Beispiel: Schon im Kindergarten wurde uns beigebracht, in einer vollbesetzten Räumlichkeit älteren Menschen unseren Platz zu überlassen. Und noch heute stehe ich auf, um einer weniger rüstigen Person als ich es bin, meine Sitzgelegenheit anzubieten. Schaut man dann in die Gesichter der sitzengebliebenen jungen Leute, zeichnet sich in diesen keinerlei Bewusstsein hinsichtlich ihrer Unhöflichkeit ab. Stellt sich da nicht die Frage, ob dieser Mangel an Sensibilität die Folge einer wenig sozialen Erziehung ist? Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass heutzutage die sachliche Bildung einen weitaus höheren Stellenwert einnimmt als die humane.

Annemarie Fischer Wielenbach

Der Begriff „Gutmensch“, erkoren zum Unwort des Jahres 2015, ist ein Spottbegriff, der von der Jury aus hochmögenden Sprachwissenschaftlern völlig fehlgedeutet wurde. Dieser Fehldeutung gehen nun viele in den Leserbriefforen und sozialen Medien auf den Leim. Mit „Gutmensch“ sind keinesfalls die vielen Ehrenamtlichen gemeint, die sich Tag für Tag für das Gemeinwohl abrackern. Ich versuche es einmal mit einer simplen Definition: Der „Gutmensch“ ist jener, der ständig gute Taten fordert, die Arbeit dafür aber anderen überlässt, diese Arbeit dann auch noch kritisiert, wenn sie nach seinem Empfinden nicht gut genug verrichtet wurde. Die vielen Ehrenamtlichen hingegen, die für Gottes Lohn tagtäglich häufig bis an den Rand ihrer Möglichkeiten arbeiten, sind gute Menschen. So einfach – andererseits aber auch kompliziert – ist die deutsch Sprache.

 Hanns Peter Wagner Sauerlach

Aus den Leserbriefen zur Debatte um das Unwort des Jahres 2015, dem Gutmenschen sticht die Erklärung von Herrn Dr. Max Breitschaft in überragender Weise heraus. Insbesondere mit seiner Einfügung über die dümmliche Aussage von Frau Göring-Eckardt über die „Beschenkung“ mit Zuwanderern stellt er der Wahl der „Sprachkritischen Aktion“ das ihr zustehende Zeugnis aus. Im Schulalltag würde es dazu lauten: setzen, sechs! Thema nicht verstanden! Geradezu kongenial dazu übrigens die Karikatur („Schau an: ein Gutmensch“) in der Ausgabe vom 13. Januar, sofern man eine Karikatur auch zu lesen vermag.

Georg Schuster Penzberg

Da haben wohl sowohl die Herren Preisverleiher als auch etliche Leserbriefschreiber was gründlich missverstanden. Ich habe noch nie gehört, dass einer der Ersthelfer, Unterstützer oder sonst ehrenamtlich tätigen Personen, die die ankommenden Flüchtlinge betreuen, von irgendjemand als „Gutmensch“ bezeichnet wurde. Diese Leute tun ja tatsächlich was Gutes. Der ironisch als „Gutmensch“ bezeichnete Mensch hat ja nicht nur in Bezug auf die Flüchtlingssituation, sondern bei allen anderen Problemen, bei denen der normal denkende Bewohner dieses Landes eben auch auftauchende Schwierigkeiten mitbedenkt, eine meist nicht nachvollziehbare, vollkommen einseitige Meinung, die jede Diskussion über andere Ansichten ausschließt und den Vertreter dieser Bedenken in irgendeine, bevorzugt rechte Ecke stellt. Beispiele hierzu sind die oft nicht nachvollziehbare Nachsicht mit Straftätern, die bei jedem Verbrechen zuerst an die Opfer gerichtete Mahnung, doch ja nicht überzureagieren oder das Verständnis für völlig idiotische Verhaltensweisen, wie die Behinderung polizeilicher Ermittlungen wegen angeblichen Datenschutzes, ständige Beschwerden gegen Lehrer und Erzieher u.ä.. Gemeint ist mit dem Gutmenschen also auf keinen Fall der tatsächlich Gutes tuende Helfer, sondern derjenige, der sein Verhalten als einzig wahre gute Art ansieht, jedoch die Zusammenhänge oftmals einfach völlig verkennt und sich jeglicher Argumentation verschließt. Alleine die Leserbriefe, die dem Normalbürger schon wieder erklären wollen, was gut ist und welche Ansichten sich andere gefälligst aneignen sollen, zeigt, dass die Ironie des Wortes „Gutmensch“ schon wieder völlig verkannt wird. Vielleicht würde es ja helfen, die Bedeutung des Wortes Ironie zu erklären.

 Rudolf Fischer Peißenberg

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