Leserbriefe

Zukunftsorientiert und trotzdem traditionsbewusst

Dominik Göttler: Vocke: „Bin mir keiner Schuld bewusst“; Bayern 12. September

Dass eine politische Partei öffentlich Anspruch auf die Besetzung des Präsidentenamtes eines Verbandes erhebt, der sich selbst als unabhängig bezeichnet, scheint offenbar eine der seltsamen Blüten des Zeitgeistes zu sein.

Herr Aiwanger verhält sich in diese Punkt wesentlich diplomatischer und professioneller. Leider hat er nicht angemerkt, worin das „Viele“, das Herr Vocke für die bayerischen Jäger erreicht haben soll, besteht – hier wird der Referenzindex schmerzlich vermisst. Aktive Jäger – also solche, die tatsächlich regelmäßig jagen und im Jagdbetrieb rundum firm sind – wüssten bei solchen Gelegenheiten gerne mehr. Manchmal entstand der Eindruck, der Verband würde jagdpolitische Themen mit brennender Aktualität ohne größere Reflexion angehen – also schießen, ohne vorher zu zielen!

Auffällig unter Herrn Vockes jahrzehntelanger Ägide schienen mir hauptsächlich folgende Aspekte: ein Kommunikationsverhalten, welches das ohnehin schon emotional aufgeladene Verhältnis zwischen Verband sowie Vertretern der Land- und insbesondere der Forstwirtschaft, durch semantische Spiegelfechtereien häufig unnütz negativ verstärkte. Die gesetzlich vorgegebene Prämisse „Wald vor Wild“ bedeutet eben nicht Wald ohne Wild! Ein Verkennen des Umstandes, dass Jagd immer schon ein Abbild der Gesellschaft war. Deren Wandel verändert die Jagd, nicht umgekehrt! Die Jagd ist untrennbar mit den jeweiligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – zum Beispiel beim Tier-, Natur- und Landschaftsschutz verbunden. Ein Verband kann den stetigen Wertewandel nicht ignorieren. Die gesellschaftliche Akzeptanz bildet den Gradmesser dafür, in welchen Ausprägungen das Kulturgut Jagd in Bayern Bestand haben wird.

Einige Positionen der Jagd können keinesfalls aufgegeben werden und bedürfen deshalb auch professioneller Kommunikation. Was der Bürger nicht kennt oder verstanden hat, wird er auch nicht verteidigen. Naturbegeisterung alleine beinhaltet die Kenntnis der Strategien, auf welche Weise die Natur intakt gehalten werden muss, nicht! Derzeit beobachte ich die hohe Zeit der Minderheiten. Annähernd alle Gruppen und Grüppchen werden politisch und gesellschaftlich hofiert und mit ihren Forderungen ernst genommen. Wir Jäger – ebenso eine Minderheit – gehören nicht dazu. Möglicherweise hat uns der Verband zu wenig Gehör verschafft. Egal zu welchem Ergebnis die Juristen letztlich in der Causa Vocke gelangen, der Verband sollte die Zeit des Stillstandes und der Rückwärtsgewandtheit schnellstmöglich beenden. Die Devise muss lauten: Zukunftsorientiert und trotzdem traditionsbewusst!

Manfred Huber

München

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