Warum streiten wir uns?

Gelassenheit wäre an- gebracht; Leserforum 4. Mai, Georg Anastasiadis: Öl ins Feuer; Kommentar, Söders Ärger mit dem Kreuz; Leserforum 3. Mai

Die CSU lässt Kreuze aufhängen. Man könnte es für bloße Folklore halten, wenn Markus Söder das christliche Kreuz nun wieder für eine symbolische Aktion missbraucht, Lederhosen, Maßkrüge, Blasmusik, das Kruzifix, ist doch alles irgendwie bayerisch, was soll’s. Doch Söder bedient sich damit bei der äußeren Rechten, die in ihrem Kampf um das Abendland besonders auch die Insignien und Bräuche der christlichen Kultur einsetzt – oder zumindest die Symbole, die sie für irgendwie abendländisch hält. Doch es geht um mehr, als nur um den rechten Glauben, es geht um Macht. 

Rudolf Frank Gmund am Tegernsee

1802 und 1803 fand in Bayern die Säkularisation, die Trennung von Kirche und Staat, statt. Der Glauben ist hohes Gut des Menschen und wird durch unser Grundgesetz (GG) Art. 4 geschützt. Natürlich damit auch der Nichtglaube. Befremdlich ist, dass der Einzug der Kirchensteuern nach wie vor kostenfrei vom Staatsapparat erbracht wird. Auch die Gehälter der Bischöfe und deren prunkvolle Residenzen zahlen nicht die Gläubigen, sondern alle Bürger aus ihren Steuern. Der regelnde Artikel 140 des GG wurde von den Klerikern aus der Verfassung von 1919 übernommen. Das Lutherjahr war Abschluss einer ganzen Luther-Dekade, die den Steuerzahler 250 Millionen Euro gekostet hat. Folgt man den Medien, dann war das Lutherjahr in Sachen Teilnehmern ein Reinfall. Nur ein paar Hunderttausend nahmen an den Feierlichkeiten im ganzen Land teil. Die massiven Kirchenaustritte folgen der biologischen Kurve. Nachwuchs gibt es nur in kleinsten Dosen. Regelmäßig berichtet der Merkur von sehr kleinen Kommunionsgruppen. Per Regierungserlass (nicht Gesetz) wird nun eine grausame Folterszene, Kern des christlichen Glaubens, vor der wir unsere Kinder im TV und Internet schützen, proaktiv in die Fläche des Landes getragen. Kann sein, dass Herr Söder damit Wähler am rechten Rand fischt. Der Freiheit hat er damit jedoch einen Bärendienst erwiesen. Mit diesem Akt wird klar, dass auch in Zukunft mühsam erarbeitete Steuergelder nicht den Bürgern, sondern den Kirchen und vor allem dem skandalträchtigen Vatikan zu Gute kommen werden. Wie sagte der Fürst sprichwörtlich zum Bischof? „Halt Du sie dumm, ich halt sie arm!“ 

Dr. Horst Lüning Seeshaupt

Entschiedener Widerspruch zum Leserbrief von Fuchs- Müller vom 4. Mai. Mich tröstete das Kreuz beim hinausschieben des Patientenbetts Zu einer mehrstündigen Operation in München schon vor 70 Jahren sowie bei der Rückkunft (es gab damals noch keine Wachstationen). In der Reha diesen März in Oberammergau fühlte ich mich geborgen, wenn das Kreuz am Kofel von der Sonne früh und abends erleuchtet wurde. - Nach meiner Zählung verzeihen zwei Drittel der Leser unserem Kardinal und Bedford-Strohm nie mehr das Verbergen ihrer Halskreuze in Jerusalem voriges Jahr. 

Fritz Werner Weilheim

Der Kommentar, dass ein Kreuz im Krankenhaus stört, ist für mich nicht nachvollziehbar, wenn man katholisch erzogen wurde. Gerade wenn man körperlich oder psychisch beeinträchtigt ist, gibt ein Kreuz das Gefühl der Behütung. Es bedeutet für mich nicht Tod, sondern Anwesenheit. Und das nicht nur im Krankenhaus, sondern auch in allen öffentlichen Institutionen. Darum, Daumen hoch für Söder! 

Monika Kotter Hohenlinden

Herr Marx übt Kritik ohne Überlegung. Das Kreuz verbindet Glauben und Leben, sollte damit auch der Kirche dienen. Die Kirchgensteuer ist längst überfällig sowie viele Feiertage, zum Beispiel Christi-Himmelfahrt, die der Staat und die Unternehmen als Lohnfortzahler und Nebenkosten finanzieren. Dies kostet im Jahr hunderte Millionen. Dies wird von Muslimen und Andersgläubigen genauso in Anspruch genommen. Hier müssten doch mal diese Feiertage an Sonntage und Samstage verlegt oder abgeschafft werden. Auch ich als Katholik kann diesen kirchlichen Festen nicht zustimmen und hoffe, dass hier ein Wandel vollzogen werden kann. 

Manfred Betz München

Aus keinem aktuellen Anlass wäre das Thema Kreuz zurzeit nötig und sinnvoll gewesen. Warum streiten wir uns? Es geht letzten Endes gar nicht ums Kreuz als heiliges Zeichen der Liebe Jesu. Mich erinnert es massiv an den Judaskuss in Gethsemane. Judas wollte mit seinem Liebeszeichen etwas bezwecken: Wird Jesus sich endlich als Messias outen, oder muss er ausgeliefert werden an die römische Staatsmacht. Das Liebessymbol Kuss“wird missbraucht. Dasselbe geschieht jetzt mit dem Zwangsaufhängen der Kreuze in öffentlichen Gebäuden. Es geht nicht um ein Für und Wider des Kreuzsymbols, sondern ganz allein ist es Wahlwerbung, dass wir Wähler unser Kreuz an die richtige Stelle setzen und noch denken, wir haben jetzt für das Kreuz gestimmt. Man kann alles missbrauchen, wenn es eigenen Zwecken dient. Man muss nur die Einfältigkeit der Wähler benützen, die von Hintergründen und Absichten nichts wahrnehmen wollen.

 Christl Bierschneider Planegg

Es ist schon ein Kreuz mit dem Kreuz – und dies über Jahrhunderte hinweg! Ob man es nun auf- oder abhängt, immer haben Aktionen dieser Art die Menschen wieder herausgefordert, sich Deutungen zu diesem großartigen Symbol zu erschließen. Das ist bereits ein Wert an sich und setzt aktuell dem schleichenden Nihilismus und praktizierten Opportunismus in unserer Gesellschaft etwas entgegen. Wer Demokratie als Gesellschaftsform verantwortlich leben und mitgestalten will, muss sich um stete geistige Erneuerung bemühen. Wenn nun das Kreuz in der Mitte des derzeitigen Meinungssturmes steht, hat es seinen Zweck bereits erfüllt. Dem amtierenden bayerischen Ministerpräsidenten danke ich für diesen Anstoß. 

Roswitha Wiesheu Zolling

Welch großartige Leserbrief von Karl Sölch, der in ein paar Zeilen die Situation unseres Atomzeitalters und daraus sich ergebenden Konsequenzen auf einen Nenner bringt. Solch klare eindringliche Beschränkung auf das Wesentliche würde ich mir statt des unendlich langen Diskutierens auch von unseren Politikern öfters wünschen. 

Gabriele Rittaler München

Jetzt hat der Ministerpräsident Söder genau das erreicht, was er mit seiner medienwirksamen Show bezwecken wollte, die ungeteilte Aufmerksamkeit. Er kann damit von allen anderen Baustellen, die es auch in Bayern reichlich gibt, ablenken. Seine Kritiker, die ja vor allem die Art der Ankündigung des Beschlusses und damit den Missbrauch des Kreuzes für den Wahlkampf kritisieren, werden nur verkürzt und damit verfälscht dargestellt und dann von Herrn Blume als religionsfeindlich beschimpft. Auch mir ist wie einer großen Mehrheit der Bayern jedes Kreuz recht, aber als christliches Symbol. Christliches Handeln unterscheidet sich leider oft von den scheinheiligen christlichen Reden in der Öffentlichkeit, da ist mir jemand, der sich im Sinne des Christentums hilfsbereit und barmherzig für andere einsetzt, wesentlich lieber als einer, der sein Christsein nur im Kirchgang erfüllt sieht, im Alltag aber egoistisch und voll Hass und Neid auf alles Fremde ist und nie daran denkt, dass er vielleicht auch selber einmal unverschuldet Hilfe benötigen könnte. Herr Söder ist so klug, dass er sicher gewusst hat, welche Reaktionen er mit dieser Aktion hervorruft und gehofft, dass er damit die folgenden Kritiker damit als Religionsfeinde bezeichnen kann und hat dies mit Hilfe der Medien auch erreicht, die vielen zustimmenden Leserbriefe, die am Kern der Sache vorbeigehen, zeigen ja, wie viele ihm hier auf den Leim gehen, manche vielleicht aus Naivität. 

Elsa Schwaiger Hohenpeißenberg

Was zum Teufel soll dieser Blödsinn mit dem Kreuzdekret? Ich hätte einen viel sinnvolleren Vorschlag: Hängt doch ganz groß den ersten Satz unseres Grundgesetzes auf. Dort steht, dass alle Menschen gleich sind – nicht nur die Männer wie im Islam. Und wenn sich dann alle danach richten, könnten wir biblischen Zeiten entgegengehen. 

Margot Riedel Penzberg

Fast zwei Drittel der Landbevölkerung und fast die Hälfte in den Städten findet das Aufhängen der Kreuze gut. Dahinter steht eine tiefe Genugtuung angesichts der Demütigung religiöser Gefühle durch das Kruzifix-Urteil von 1995, was psychologisch durchaus verständlich ist: In Bayern findet Christentum noch eine Heimat. Viele der abgedruckten Leserbriefe zeigen aber darüber hinaus deutlich, wie weit es bei uns in Bayern mit dem Populismus schon gekommen ist. Selbst in höchsten akademischen Kreisen wird das sachliche Argument von Spezialisten (in diesem Fall eindeutig die Bischöfe) in den Wind geschrieben. Marx hat ja Recht: Spaltung, Unruhe, Gegeneinander – zahlreiche Zuschriften beweisen das. Aber man folgt heute lieber den alternativen Fakten der Mächtigen. Denn man muss danach fragen, was Söder zum jetzigen Zeitpunkt mit seiner Aktion bezweckt. Fünf Monate vor der Landtagswahl hat es den Anschein, dass die Karikatur vom 2. Mai den Nagel auf den Kopf trifft: Söder will mit seinen Kreuz-Erlass vor allem Wähler für sich gewinnen. Dann aber missbraucht er das Kreuz tatsächlich für seine politischen Zwecke. Ginge es ihm um ein echtes christliches Anliegen, hätte er den Erlass erst nach der Wahl herausgeben können. Und will er bayerische Identität stärken, dann hätte unser Mittelpunkts-Ministerpräsident ja das Aufhängen seiner eigenen Bilder verfügen können. 

Dr. Georg Glonner München

Auf Initiative von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte das bayerische Kabinett beschlossen, dass in allen Behördengebäuden unter der Verwaltung des Freistaats im Eingangsbereich ein Kreuz angebracht werden soll. Herr Anastasiadis resümiert in seinem Kommentar die Diskussion, welche diese Entscheidung ausgelöst hat, sehr treffend mit einer „Art von Kulturstress“ und „Provokation“. „Natürlich ist das Kreuz in erster Linie ein religiöses Symbol. Aber im Symbol des Kreuzes bündelt sich auch die Grundidee eines säkularen Staates, sagte Söder im Tagesthemen-Interview am 26. April und an anderer Stelle: Hinter dem Kruzifix stehe auch ein ideelles Wurzelgeflecht, zu dem zum einen die Religion an sich gehöre, aber auch das, was unser Land geprägt hat: die Kirchen. Warum beschließt das Kabinett nur das Symbol der „Grundidee eines säkularen Staates“, des „ideellen Wurzelgeflechts“ aufzuhängen? Der Diensteid nach § 38 Gesetz zur Regelung des Statusrechts der Beamtinnen und Beamten in den Ländern (BeamtStG) hat folgenden Wortlaut: „Ich schwöre Treue dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland und der Verfassung des Freistaates Bayern, Gehorsam den Gesetzen und gewissenhafte Erfüllung meiner Amtspflichten, so wahr mir Gott helfe.“ Damit wird Artikel 1 des Grundgesetzes als Konstitutionsprinzip zur Handlungsmaxime aller Bediensteten und aller Bürger in den Behördengebäuden: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.“ Betrachten wir die Rechtlosigkeit in vielen Ländern dieser Erde, so wäre für jeden Bürger und Bediensteten bei uns, ob Christ, freigläubig, ungläubig, Asylant oder Flüchtling, parteilos oder parteizugehörig, CSU, AfD, SPD usw. mit dem Betreten einer Behörde ein Symbol durchaus sinnvoll - aber ein Symbol das nicht nur auf eine „Grundidee“ bzw. ein „ideelles Wurzelgeflecht“ hinweist, sondern ein Symbol, das eine Verbindung zu dem Grundgesetz und damit zu den Rechten und Pflichten aller Bürger herstellt, ein Symbol das letztlich in der staatlichen Behörde an die Begrenztheit staatlicher Macht und die Verpflichtung aller zum Gemeinwohl erinnert. Unsere Vorfahren mussten für dieses besondere Privileg kämpfen und viele dafür sterben. Mit der Symbolik der Bundesflagge werden wir an das Erreichte erinnert. Warum dann ein Kreuz? 

Karl Walter Karlsfeld

Das Kreuz – nicht das Kruzifix mit dem Korpus Christi – ist in vielen Länderfahnen Europas und auch in Städtefahnen Deutschlands enthalten, also keine religiöse oder kirchliche Indoktrination. Für unsere empörten Kirchenväter oder Politiker ein Zitat von Mahatma Gandhi: „Ich möchte, dass die Kulturen der Welt so frei wie möglich in meinem Haus (Land) umherwehen können. Aber ich bin nicht bereit, mich von irgendeiner davon von den Füßen wehen zu lassen.“ 

Christiane Dolch Starnberg

Kruzitürken, wie weit lässt sich Ministerpräsident Söder (CSU) noch von der AfD jagen? Jetzt ist er schon im 11. Jahrhundert angekommen: Mit dem Kruzifix an der Behördenwand soll also der AfD-Satan ausgetrieben werden! Da flattern aber die Lederhosen im Münchner Franz Josef Strauß-Haus ganz schön heftig, weil die Umfrageergebnisse auf dem Laptop-Bildschirm den CSU-Exodus aus der „50 % plus X“-Komfortnische mit Mia-san-mia-Allein-herrschaft signalisieren. Jetzt geht’s um das Beste für Bayern – äh, für die CSU: Um Mandate, Macht, Polit-Karrieren, Posten, Pöstchen und Pfründe. Da ist jede Schmutzelei recht. Wie eben Söders Kruzifix-Ukas nach KPdSU-Manier. Weil aber die bayerische Verfassung den politischen Einsatz eines Religions-Symbols verbietet, hat Söder skrupellos das christliche Kreuz zu einem Folkloresymbol à la Wiesn-Krug und Wiesn-Outfit versepperlt. Wohl in der Annahme, dass das Wahlvolk den Unterschied eh nicht merkt, ganz nach dem Motto: Vox populi – vox Rindvieh. Was für eine Watschn für jeden gläubigen Christen. Und die Reaktion der Kirchen? Null! Erzbischof Marx und Landesbischof Bedford-Strohm hüllten sich mit der gleichen Gschamigkeit in Schweigen, mit der sie beim Tempelberg- und Klagemauerbesuch in Jerusalem ihre Amtskreuze ablegten und damit Jesus Christus verleugneten wie Simon Petrus. Erst unter dem Druck kritischer Meinungsäußerungen mündiger Christen in Print- und e-Medien bequemten sie sich 11 Tage nach Söders Regierungserklärung zu einer Stellungnahme. Den Glauben leben und Flagge zeigen bei Gegenwind ist halt doch a bisserl schwerer als bei Staatsempfängen mit einem Wein- oder Bierglas in der Hand, gell hochwürdige Herrn? Da Söders Kruzifix-Winkelzug allein wohl nicht ausreichen wird, um den Mehrheits-Exit im Oktober zu verhindern, empfehle ich ergänzend ein praxiserprobtes Instrument: Wer sein Kreuzerl auf dem Landtagswahl-Stimmzettel bei der CSU setzt, erhält den totalen Sündenerlass, also quasi die Eintrittskarte ins Paradies. Papst Urban II. erzielte mit dieser Auslobung einen Hammer-Erfolg, als er zum ersten Kreuzzug aufrief. 

Edgar Kubetschka Erding

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