Mehr scheinen als sein

Malerei damals und heute; Leserbriefe 22. Juli

Die kritische und sehr aufschlussreiche Leserzuschrift von Josef August Neuberger über „Malerei damals und heute“ veranlasst mich zu einigen Anmerkungen. Herrn Mannheimer hat offensichtlich das Malen aus therapeutischen Gründen zur Bewältigung seines schweren Schicksals geholfen, so wie dem Kaiser Wilhelm II. nach seinem Thronverzicht einst angeblich das Holzspalten in Holland geholfen hat, ohne dass dadurch der eine wirklich als Künstler und der andere als Holzarbeiter zu bezeichnen wären. Ein anderes Beispiel, das eine Verwechslung zwischen einem handwerklichen Machen oder Tun und Kunst aufzeigt: Wenn jemand – wie im Merkur kürzlich berichtet – drei Jahre lang Pollen von Kiefern sammelt und diese dann auf dem Boden eines Raumes der Pinakothek der Moderne in München auf einem begrenzten Arial aufstreut, dann ist das eine Einmaligkeit bzw. eine neue, bisher noch nie verifizierte Idee; man könnte das als originelles Machwerk bezeichnen, aber doch wohl nicht als Kunstwerk im überkommenen Sinne? Wenn die Begriffe Kunst und Künstler in so unterschiedlicher Weise zur Anwendung kommen, dürften dafür nach Herrn Neuberger die Medien wesentlich beteiligt sein. Dem möchte ich zustimmen: Wenn heute ein Fernsehsender junge Talente fördern will, dann sagt er das nicht in einfachen, zutreffenden Worten, sondern mit dem Slogan „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS in RTL), also nicht nur ein Starlet oder ein Star, sondern gleich ein Superstar soll es sein. Und wenn in einer Schule ein Zeichenwettbewerb ausgeschrieben wird, dann wird der Gewinner oder die Gewinnerin in der Lokalpresse als „junger Künstler“ apostrophiert. Durch solches Hochloben werden die Bezeichnungen Kunst und Künstler verwässert oder degradiert. Ähnlich läuft es mit dem Begriff Wissenschaftler. Wenn ein Fachmann etwas ermittelt, berechnet oder sonst wie dargestellt hat, dann wird er in den Medien oft als Wissenschaftler vorgestellt, wohl um der Nachricht eine größere Bedeutung zu geben nach dem Motto: Mehr scheinen als sein. Diesem Motto begegnen wir heute leider sehr oft. 

Dr.- Ing. Helmut Künzel Valley

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