Leitkultur – Futter für Kabarettisten

Jetzt kriegen wir eine Leitkultur in Bayern! Aus was wird sie bestehen? Schön hört sich an, dass es Hilfe für Schwache und Respekt gegenüber Frauen festschreiben soll.

Leitkultur ist ein sehr schwammiger Begriff, denn was sind zum Beispiel bayerische Traditionen? Leberwurst oder Schäufele, Gstanzerl oder das Fliegerlied, die Besoffenen hinterm Bierzelt oder Stadlfeste? Ausländer verbinden mit Bayern zumeist alkoholische Ausschweifungen und Frauen in kurzen Dirndln. Vermitteln wir mit Bildern von unserem weltberühmten Oktoberfest Respekt gegenüber Frauen? Oder vermitteln wir positive Werte, wenn wir die vielen Millionen Liter getrunkenen Bieres nach dem Fest bejubeln? Wo ist die Grenze zwischen Leitkultur-Wunsch und Wirklichkeit? Die Sache mit der Leitkultur ist schon mal schief gegangen, sie wird bundesweit, wenn nicht sogar weltweit vielen Kabarettisten Futter spendieren - auf unsere Kosten. Es gibt erfolgreichere Leitkultur-Kataloge, das sind zum Beispiel die 10 Gebote, unsere Verfassung oder die UN-Charta der Menschenrechte. Das könnte auch uns Bayern Regelwerk genug sein.

Friederike Vogel Weilheim

Es ist recht einfach, Leute darin zu vereinigen, was sie nicht wollen. Sätze, die mit „Wir wollen nicht, dass…“ anfangen, werden auf politischen Versammlungen jeglicher Couleur regelmäßig mit großem Jubel belohnt; im Bekannten-, Freundes- und Kollegenkreis wird man schnell ähnliches feststellen können. Schwierig wird es hingegen schnell, wenn man eine Gruppe darin vereinen möchte, etwas zu wollen, anstatt etwas nicht zu wollen – dramatisches Beispiel in den letzten Jahren: der arabische Frühling. Deswegen wird es auch bei uns mit einer Leitkultur schwer: Man müsste eine Schnittmenge der Lebenseinstellungen der Bevölkerung erstellen, und diese dürfte am Ende sehr klein, wenn nicht gar leer sein. Sie ist ja oft schon innerhalb von Familien leer, in denen spätestens die Enkel komplett andere Lebensweisen und Weltanschauungen haben als die Großeltern. Außerdem gibt es ja schon einen gesellschaftlichen Konsens: das Grundgesetz und nachfolgend alle anderen Gesetze unseres Landes. Wäre es nicht das beste, man würde sich erst einmal an diese halten?

Christian Funke Erding

Gut, ich bin über viele Wortneuschöpfungen (aus höchsten Munde gesendet) mehr als enttäuscht und verunsichert – nämlich das geht damit an, dass man Deutschland als Einwanderungsland kürte, dass man weiter faselt: „Der Islam gehört zu Deutschland“. Und da taucht einmal noch schnell das Wort „Leitkultur“ auf – das bestimmt nicht zu der Lawine wird, wie angedacht, wenn man überhaupt gedacht hatte. Die CSU hat Kulturen genug – braucht nichts dümmliches einem ums Maul zu schmieren: Gscheidhaferl brauchen wir gerade nicht. Nockherbergpredigten zum Bieranstich von einer Mama Bavaria auch nicht – bleiben wir das, was wir sind, oder besser gesagt was wir waren.

Hannes Heindl Freising

Integration verlangt zuerst, dass sich der Asylant gleich nach der Aufnahme im Freistaat Bayern bemüht, deutsch sprechen zu lernen. Das wird ein ganzes Jahr erfordern, aber es muss unbedingt Punkt 1 sein. Zugleich muss er versuchen, sich der landesüblichen Sitten und Gebräuche (Kultur) anzupassen, wie es jeder Reisende im Ausland tut. Er muss etliche einheimische Gepflogenheiten achten und, falls Moslem, die Gleichberechtigung der Frau verinnerlichen, auch an Weih- nachten, Silvester und demnächst im Fasching und im Karneval. Endlich traut sich mit dem CSU-Politiker Kreuzer einer, den Begriff Leitkultur anzumahnen. Er gehört nicht unbedingt gleich in die Bayerische Verfassung, aber der vierteilige Wertekanon (freiheitliche Grundordnung, Umgangsformen, Eigenverantwortung und Solidarität, Westbindung und wirtschaftliche Ausrichtung) ist jedem Zuwanderer vermittelbar.

Wie? Ein konkretes Beispiel: Es gehört zur Alltagskultur, deutsche Lieder zu singen, etwa die lehrreiche 2. Strophe des Deutschlandlieds. Schon die Melodie von 1796 (des Österreichers Joseph Haydn aus Rohrau an der Balkanroute) und ihre Übernahme in die deutsche Nationalhymne. Auch die korrekte Aussprache einzelner Wörter wie Sang/ Klang (nicht Sank/Klank!) sind für Deutschlernende wertvoll. Der Sinn weckt Nachfragen beim gebildeten Sprachlehrer, kann zu Diskussionen führen.

Fritz Werner Weilheim

Gesetze mit Gesetzesauslegungen, Vorschriften und Richtlinien sind in Papier gefasst und sollen unser Leben, das Zusammenleben unserer Gesellschaft regelnd vereinfachen. Daneben gibt es unsere ungeschriebene Leitkultur, die in vielen Details flexibel über Generationen gewachsen ist und ebenfalls unser Zusammenleben regelt und vereinfacht. Auch bei anderen Ländern ist es ähnlich, aber nicht so wie bei uns, da dort durch eine andere Religion, eine andere Staatsform, andere Bräuche bis hin zum anderen Klima vieles anders ist als bei uns. Menschen aus diesen anderen Ländern, egal aus welchen Gründen sie zu uns kommen, müssen das akzeptieren und praktizieren was unsere Gesellschaft prägt und zusammen hält, andernfalls Parallelgesellschaften mit all den bekannten Negativerscheinungen entstehen. So lange die Neubürger mit ihren Bräuchen und Gewohnheiten sich anpassen, sollten sie ihr Anderssein pflegen, denn damit tragen sie zu einer Bereicherung unserer Gesellschaft bei, aber festhalten an nicht in unsere Gesellschaft passenden mittelalterlichen Ritualen kann nicht akzeptiert werden (Scharia, Ehrenmorde, Zwangsverheiratungen, Ausschluss aus Schulveranstaltungen usw. usw.). Obwohl in den USA vieles nicht besser ist als bei uns, hinsichtlich Integration von Zuwanderern können wir von den USA vieles lernen. Hier lautet der Leitspruch frei übersetzt: „Passe dich an oder verlasse unser Land“. Leider gibt es Polit- und Interessengruppen, die sich aus unserer Leitkultur nur das herauspicken, was in ihr Konzept passt und die das Andere verurteilen und damit unsere Neubürger verunsichern. Auch wenn einigen Deutschen Details unserer Leitkultur fremd sind, heißt es noch lange nicht, dass wir keine Leitkultur haben. Der Begriff Leitkultur sollte, damit er auch von unseren Zuwanderern verstanden wird, nicht überfrachtet werden und sich primär auf das tägliche Leben beziehen. Dazu gehören unter anderem: Abfall gehört in die dafür vorgesehenen Behälter, kein Vordrängen beim Anstehen, zum Beispiel bei Bussen, Bahnen, die Lautstärke bei Unterhaltung und Musik darf andere nicht stören, anquatschen und belästigen Fremder, vornehmlich von Frauen, ist primitiv, kein schmatzen beim gemeinsamen Essen, Machoverhalten ist grundsätzlich unerwünscht, Schimpfworte sind zu unterbleiben, Problemlösungen mit Gewalt sind verabscheuungswürdig und ggf. strafbar, Gemeinschaftsanlagen wie Treppenhäuser, Grünanlagen u. ä. sind sauber zu halten, auch auf Bürgersteigen gelten unsere Verkehrsregeln, erwünscht sind Mitgliedschaft und Mitarbeit in Vereinen und Sozialverbänden, unsere christlichen Feiertage sind wie Sonntage zu akzeptieren, ebenso sind Kreuze in öffentlichen Gebäuden zu akzeptieren, da diese unsere christliche Tradition symbolisieren, in Kindergärten und Schulen wird christliche Toleranz gelehrt, wir haben viele aus dem Christentum herrührenden Bräuche von Faschingsumzügen bis hin zu Fronleichnamsprozessionen, Trachtenumzüge sind Traditionspflege, ein Biergarten ist ein Ort der Erholung und nicht ein Ort für Alkoholsünder, Sport wird von Frauen und Männern betrieben, auch Frauen in Bikinis sind anständige Frauen, Männer und Frauen sind uneingeschränkt gleichberechtigt.

Kurt Kugler Markt Indersdorf

„Erst einmal ,Leitkultur‘ definieren“; Leserbriefe 20. Januar, Carina Zimniok: „Was ist eigentlich ,Leitkultur‘“, Interview mit Irene Götz; Im Blickpunkt 19. Januar

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