Leserbrief zu 20 Jahre Rechtschreibreform

Rechtschreib-Deform – wirklich ein Erfolgsmodell ?

Gisela Gross: Vereinfachung oder Zerstörung?; Kultur 1. August

Anlass und Motive der Verantwortlichen, die mit der Wiedervereinigung Deutschlands auch den Zeitpunkt gekommen sahen, die Schriftsprache im deutschsprachigen Raum umzukrempeln, bleiben in den „Bilanz“-Berichten weitgehend unerwähnt. Das dem MM-Beitrag „Vereinfachung oder Zerstörungerstörung?“ beigefügte Tafelbild ruft manchem ins Gedächtnis, was dem Zeitungsleser, vor allem aber Lehrern, Schülern, Eltern und Journalisten zum 1. August 1998 von Sprachschöpfern zugemutet wurde.

Was 1997/98 von der Kultusministerkonferenz durchgedrückt wurde, wollte das bis dahin gelehrte und gelernte Schriftdeutsch bis 2005 zum „Altschreib“ abkanzeln (mit Punktabzug bei Verstößen) – parallel zum „Neusprech“ der Innovatoren. Damit war eben mehr als nur 2 % der Handhabung eines (Grund-) Wortschatzes betroffen, denn jenen, die gegen die „Verhunzung der Sprache“ auftraten, wurde in einem Akt behördlicher Schnappatmung einfach mal „Altes Denken“ vorgeworfen, was die Innovation ja nur blockieren wolle. Als Chefredaktionen, Schriftsteller und Literaturkritiker die „Beendigung der staatlich verordneten Legasthenie“ forderten, wurde die zwischenstaatliche Kommission kurzerhand aufgelöst und durch einen 41-köpfigen Rechtschreiberat (2004) ersetzt, der die „Reform der Reform“ einleiten musste.

„Krank schreiben“ wurde wieder zu „krankschreiben“, „Leid tun“ darf wieder als „leid tun“ lauten und die schlimmsten Auswüchse wurden rückgängig gemacht. Verschlimmbesserungen wurden entschärft: „Grundschüler sollen sich die korrekte Schreibweise selber herleiten können“, meint man im Westermann-Schulbuch-Verlag in Anlehnung an eine inzwischen auch schrittweise zurückgenommene didaktische Finte des „kindgemäßen Schreibens nach Gehör“.

Wenn nun 2018 das „Gendersternchen“ als „geschlechtergerechte“ Schreibweise nach ideologischer Prämisse hochgelobt wird, um ggf. in den Rechtschreib-Duden aufgenommen zu werden, kann dies der emeritierte Germanist und Linguist Peter Eisenberg (FUB, Hannover, Potsdam bis 2005) und Mitglied der Darmstädter Sprachakademie (seit 1998) kommentieren: „Einfach so ein Zeichen zu erfinden und dann auch noch die Leute dazu zwingen, es zu verwenden, wie es in Teilen der Berliner Verwaltung geschieht – das geht in einer demokratischen Gesellschaft gar nicht“. Wer sich erinnert, welches Schicksal das „ß“ erfahren hat, mokiert sich vielleicht über den Satz: „Erlaubt ist auch, was nicht gefällt!“

Willi Eisele

OStD i.R., Wolfratshausen

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