Es gibt keine Vögel mehr bei mir

Böllerei: Weniger ist mehr; Leserforum 4. Januar

Ohrenbetäubende Knallerei, Kanonenschüsse, Donner gleich von zwei Seiten, von vorn am Gartentor, von links am Gartenzaun, beide Seiten durch eine Thujahecke mit einander verbunden, worin Amseln ihre Schlafplätze haben. Da wurden nachbarliche Rivalitäten ausgetragen, wer knallt rascher und am lautesten? Mal Knall unisono, mal dicht auf einander in Sekundenfolge, Schlag auf Schlag. Ich hatte mich aus dem Haus gewagt, verharrte im Schutz meiner Veranda. Der Gartentorbereich war eingehüllt in Nebelschwaden, dort sah ich schemenhaft Gestalten hantieren. Ich traute mich nicht weiter vor, bin bald zurück ins Haus, ich hielt die Knallerei nicht aus. Denk ich zurück in die neunziger Jahre, da bin ich Silvester, an den Reihen der Raketenstarter vorbei, mit meinem Hund hinaus gewandert in die offene Wiese, da konnten wir mit dem Blick zurück auf Dorf und Berge ringsum das farbenfrohe, friedliche Spektakel beobachten und genießen. Welche Freude bringt den Leuten heute die Knallerei, die so trostlos hirnlos ist? Haben die in ihrem Nachbarkräftemessen auch nur eine Sekunde an die Tierwelt gedacht, an die geängstigten Vögel um sie herum? Das ist Frevel an Natur und Umwelt, was da inszeniert wurde, das war Krieg. Flakhelfer im zweiten Weltkrieg trugen einen Gehörschutz. Freilebende Tiere sind ohne Schutz dem Getöse ausgesetzt, sie können auch nicht fliehen – wohin? Der Lärm ist überall. Ich füttere die Amseln in meinem Garten mit ihrer Lieblingsspeise Rosinen; das gibt jedes mal ein heftiges Gekämpfe und Gedränge um den besten Futterplatz. Seit der Silvesternacht – seit inzwischen vier Tagen – ist der Futterplatz verwaist, ist keine Amsel mehr da. Auch keines der vielen anderen Vögel, der Meisen, Finken, Spatzen, die sich sonst um ihre Futterplätze herum tummeln. Nur ein einzelner Ruf einer Rabenkrähe aus lichter Höhe war vernehmbar, bisher das penetrante Gekrächze aus mehreren Rabenkehlen. Die Vogelzählung, die dieser Tage stattfindet, findet ohne mich statt, es gibt keine Vögel mehr bei mir. Am Neujahrsmorgen habe ich die Rückstände des nächtlichen Treibens vor meinem Gartentor entfernt.

 Michael Gerke Farchant

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