Täter–Opferspiele

Ja, geht’s noch?; Leserforum 9. März

Bezugnehmend auf die Leserbriefe vom 9. März, sehe ich noch eine weitere Gefahr, auf die ich hinweisen möchte, und die viel, viel tiefer geht, als lediglicher, sinnfreier, politischer Zeitvertreib: Indem sog. „Political Correctness“ zu gesellschaftlicher, ethischer Verpflichtung gemacht wird, werden unter Umständen Bürger, die bislang arglos und gutmeinend, ohne jeglichen diskriminierenden Hintergedanken, allgemein gebräuchliche Worte verwendet haben, von politisch korrekten Rettern als Täter abgestempelt, die arme Opfer diskriminieren würden, obgleich das niemals ihre Absicht gewesen war. Damit wird von den Rettern, die oft auch den Schaden, den sie möglicherweise damit anrichten können, gar nicht begreifen, ein Täter–Opferspiel eröffnet, die Dynamik eines fatalen Drama-Dreiecks in Gang gesetzt, das auf der einen Seite zu Schuldbewusstsein bei den deklarierten Tätern führt, wodurch diese sich ungerecht behandelt fühlen. Auf der anderen Seite bekommen die von den Rettern zu Opfern erklärten das Gefühl vermittelt, berechtigt zu sein, für die ihnen angeblich angetane Schmach Ausgleich in Anspruch nehmen zu dürfen, oder einzufordern. So entsteht auf Initiative der korrekten Retter häufig erst ein Problem, das vorher noch gar nicht vorhanden war. Die Gemüter echauffieren sich. Oft geht dieses Procedere mit der Uminterpretation des ursprünglichen Wortsinns durch die Retter einher. Das Wappen des Landkreises Garmisch-Partenkirchen und das der Gemeinde Mittenwald wird königlich von einem gekrönten „Mohren“ als ehrenvollem Repräsentanten geschmückt, wie das auch in zahlreichen süddeutschen und österreichischen, auch klerikalen Wappen, der Fall ist, deren Ursprung oft bis ins Mittelalter zurückgeht. In Schweden haben geschichtlich uninformierte, hochmotivierte politisch korrekte Retter die Vernichtung von Astrid Lindgrens Büchern durchgesetzt, um die vermeintlich angekratzte Ehre des afrikanischen Kontinentes zu retten, da darin der „Mohrenkönig vom Takatukaland“ vorkommt, da das Wort „Mohr“ als neuerdings politisch unkorrekt deklariert wurde. Die Menschen müssen sich solcher Mechanismen bewusst werden und sie verstehen lernen, um derartige Täter–Opferspiele nicht mehr zu spielen. Dies heißt aber keineswegs, dass man Sprache unbewusst und sorglos gebrauchen sollte. „Heimatland“ ist das Land, in dem ich zuhause bin, in dem ich geboren und aufgewachsen bin – aber „Vaterland“ ist nicht nur meine Heimat, es ist das Land meiner Väter, meiner Vorfahren, meiner Ahnen – die archaische Bindung geht noch viel tiefer, viel weiter zurück zu den Wurzeln, zum Geist der Vorfahren, die mit der Heimaterde schon verbunden waren. Es ist das Land, das mich gleich einem starken Vater beschützt, der seine geliebte Frau und seine geliebten Kinder beschützt, dem ich zutiefst vertrauen kann, der mir innere Stabilität und Stärke verleiht. „Brüderlich“ ist geschwisterliche Bindung, Zusammengehörigkeit, gemeinsame Wurzeln, drückt tiefes Geborgensein in der vertrauten Familien der Landsleute, Zusammenhalt aus, das Urbedürfnis des Menschen. Sollen wir das so achtlos wegwerfen? „Couragiert“ kann auch ein entwurzelter egoistischer Einzelkämpfer in einer Ellenbogengesellschaft sein. Mein Vorschlag: Die Hymne so lassen wie sie ist – sie ist wunderschön - und eine Zusatzstrophe für die Mutter und Töchter des Landes – „wohl behütet im Mutterschoß“ - mit aufnehmen. 

Claudia Reich Oberammergau

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