Leserbriefe

Richtgeschwindigkeit als Kompromiss

Mann muss Abstand halten; Leserforum 15. Oktober,Längerer Bremsweg bei höherer Geschwindigkeit; Leserforum 14. Oktober

Irgendwelche Leserbriefe zu kommentieren ist ja nicht so mein Ding, aber als ich heute früh mal wieder zur letzten Seite kam und mir die Kommentare zu dem Thema hohe Geschwindigkeit, Brems-, Anhalte- und Reaktionsweg anschaute, musste ich wie so oft ziemlich grinsen. Den Leserbriefen von den Herren Fuchshuber und Kögler stimme ich voll zu. Was die Tage zuvor geschrieben wurde, da kann ich nur fragen: Haben die Herren einen Führerschein? Waren sie in einer Fahrschule? Das ist doch Grundwissen, dass man wissen sollte, wenn man sich in ein Kraftfahrzeug setzt. Aber das ist die Mentalität vieler Autofahrer, ich bin der Hecht, ich mache keine Fehler nur die anderen, das Hirn habe ich sowieso zu Hause gelassen. Ich bin beruflich fünf Mal die Woche zu jeder Tageszeit in München unterwegs und was da so abgeht, spottet jeder Beschreibung. Das Verhalten gegenüber anderen Verkehrsteilnehmer, an Kreuzungen, am Zebrastreifen, an Haltestellen, an öffentlichen Nahverkehrsfahrzeugen sehr fragwürdig und ich geh mal einen Schritt weiter und meine, wenn jeder Autofahrer 10 prüfungsrelevante Fragen zu den oben genannten Verhalten beantworten müsste und davon sein Führerscheinbesitz abhängig wäre, würden optimistisch gesagt, 60 bis 70 % der Münchner Autofahrer zu Fuß gehen. Im Internet gibt es genügend Seiten, wo man sein Wissen auffrischen kann. Ich mach das regelmäßig, da ich beruflich damit auf dem Laufenden bleibe.

Helmut Eberhart

Kreuth

Für eine kurze begrifflich-rechnerische Klärung zum Thema Bremswege und Tempolimit hier ein Griff in die Mottenkiste Physikunterricht und/oder Fahrschule: Anhalteweg(A)=Reaktionsweg(R)+Bremsweg(B). Sicherheitsabstand=“halber Tacho“ ist was anderes, siehe weiter unten. Der Reaktionsweg wird in der Regel gleich v*3/10 berechnet, (mit v=Geschwindigkeit), hängt aber sehr stark vom Fahrer ab. Ein Bremsweg von 33,5 m bei 100 km/h (etwa beim Audi Q7, 2200 kg schwer) ist ganz ordentlich, aber das schaffen viele andere Marken auch, auch nicht-deutsche. Setzt man diese Zahlen für den Q7 ein, ergeben sich zum Beispiel: A (bei 100 km/h) =30 + 33,5 = 63,5 Meter; A (140) = 42 + 66 = 108 m; A (200) = 60 + 134 = 194 m. Merke: A steigt linear mit v, aber B steigt quadratisch mit v! Zusammen geben A+B eine ordentlich lange Bremsstrecke bei hohem Tempo. Daraus ergibt sich: Wenn ein Q7-Fahrer mit 140 km/h ein stehendes Hindernis circa 75 Meter vor sich sieht und so schnell wie möglich reagiert, dann knallt er mit immer noch mit Tempo 100 km/h auf das Hindernis drauf. Oder bei Tempo 200 noch krasser: Wenn der Q7 Fahrer mit 200 km/h ein Hindernis 137 m vor sich sieht und so schnell wie möglich reagiert, trifft er auf das Hindernis mit immer noch 130 km/h! Des Weiteren ist auch die kinetische Energie eines Autos, nämlich die Zerstörungsenergie, in Abhängigkeit vom Tempo im Quadrat von Bedeutung, denn sie entscheidet über die Schwere eines möglichen Unfalles. Ein Q7 hat bei Tempo 100, 130 bzw. 200 ca. 850, 1.430, bzw. 3.400 Kilojoule Zerstörungsenergie. Ein Golf Sportvan etwa (ca. 1300 kg) dagegen hat lediglich ca. 500, 850, bzw. 2.000 Kilojoule Zerstörungsenergie bei den gleichen Geschwindigkeiten. Bei diesen Unterschieden in kinetischer Energie sieht man, dass bei hohem Tempo kleinere Autos in einem schweren Unfall keine großen Chancen gegenüber großen SUVs haben. Zum Sicherheitsabstand: Wie der Name sagt, ist das nur der Abstand zum Vordermann, der bei übersichtlicher Fahrbahn gute Chancen bietet, beim plötzlichen Bremsen des Vordermanns nicht hinten darauf zu fahren, hat aber wenig mit den obigen Bremswegen zu tun. Das sind alles Fakten, die meiner Erfahrung nach die wenigsten Menschen sich klar machen. Das sind auch die Gründe, warum wie jetzt kürzlich in Brandenburg bei neuerdings durchgehenden Tempolimits festgestellt worden ist, dass obwohl die Zahl der Unfälle leicht gestiegen ist, die Zahl der schweren Unfälle mit Toten und Schwerverletzten signifikant zurückgegangen ist. Und es hat gar nichts mit der läppischen Bemerkung vom (sonst sehr geistreichen) Tucholsky über Statistiken zu tun. Viele Leserbriefe reiten darauf rum, dass die deutschen Autos so toll sind und dass die deutsche Industrie untergehen würde, würde man Tempolimits auf Autobahnen einführen. Ich wundere mich immer wieder darüber, wie lächerlich dieses Argument ist. Dann dürften ja konsequenterweise keine ausländischen Autos hier fahren oder Tempolimits nur für die gelten, und alle ausländischen Fahrer mit ihren ausländischen „Schrottautos“ müssten an den Grenzen aufgehalten und heimgeschickt werden, usw. usw. Ganz zu schweigen von den Ausländern die nicht in deutschen Fahrschulen das schnelle Fahren gelernt haben, was im Übrigen die Deutschen auch nicht lernen. Tempo 130 scheint mir ein vernünftiger Kompromiss zu sein, denn die deutschen Autobahnen sind für die Richtgeschwindigkeit gebaut, mit Kurven so übersichtlich, dass man meist Strecken von den genannten Anhaltewegen bei 130 überblicken kann. Es ist beim Tempolimit wie beim Rauchverbot in Lokalen und geschlossenen Räumen. Am Anfang waren viele dagegen. Es hat sich aber gezeigt, dass das Verbot sinnvoll ist und viele Menschen von schweren Krankheiten geschont hat. Ähnliches ist von einem Tempolimit zu erwarten.

Dr. Sven Nissen-Meyer

Seefeld-Hechendorf

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