Herzensangelegenheit Vaterunser

Und führe uns nicht in Versuchung; Leserforum 11. Dezember, Julius Müller-Meiningen: Warum der Papst mit dem Vaterunser hadert; Im Blickpunkt 8. Dezember

Hat nicht Gott selbst im Alten Testament (Genesis 21,1-19) Abraham aufgefordert, zur Bestätigung seines festen Glaubens seinen Sohn Isaak zu opfern und ihn dann vom letzten Schritt durch einen Engel zurückgehalten! Diese Versuchung wurde mehrfach von Malern dargestellt. Ich sehe daher keinen Grund, diese Bitte im Vaterunser zu ändern, zumal seit längerer Zeit die beiden großen christlichen Religionen den gleichen Text mit den Lobpreisungen verwenden. 

Manfred Greulich Germering

Frau Ingeborg Fanger argumentiert für eine Neuformulierung der Vaterunserbitte, weil heute auch kein vernünftiger Mensch mehr daran glaube, dass die Erde eine Scheibe sei. Aber an den Unsinn, dass die Erde eine Scheibe sei, hat nie ein Mensch geglaubt. Zumindest gibt es keinen Beleg dafür. Als man sich in der Zeit der Aufklärung vom Mittelalter absetzen wollte, war man darauf bedacht, das Mittelalter als möglichst finster und dümmlich darzustellen, ohne auf die Wahrheit zu achten. Dass die Kugelgestalt der Erde immer bekannt war, schreibt beispielsweise Thomas von Aquin um 1250 in seiner questio 1 ganz beiläufig, dass die Astronomen ja beweisen würden, dass die Erde eine Kugel sei „rotundus est“. Auch die salvator muni- Darstellungen zeigen seit etwa 1300 das Jesuskind mit der Erde als Kugel. Und nicht zuletzt der mittelalterliche Reichsapfel, ein Teil des Wappens im mittelalterlichen Kaiserreich, symbolisiert die Erde in Kugelgestalt. Es ist Zeit, das angestaubte Märchen von einer Erde als Scheibe zu vergessen. Es eignet sich auch nicht als Argument für die Neuformulierung der Vaterunser-Bitte. 

Dr. Eduard Werner Andechs

Diesen Beitrag im Münchner Merkur , fand ich auch sehr gut und besonders den Leserbrief von Herrn Brunner, das heißt, alle Beiträge regen zum Nachdenken an. Die Passage „und führe uns nicht in Versuchung“, ja dieser Satz kann flexibel benutzt werden. Ich habe innerlich schon oft in Auseinandersetzungen und „führe mich nicht in Versuchung“ als Drohkulisse meinem Gegenüber benutzt. Eine Hilfestellung, nicht seinem ganzen Zorn und seiner Wut freien Lauf zu lassen, sondern hier auch wieder dir Bremse zu finden. Das Vaterunser ist aber auch eine Herzensangelegenheit und ich hoffe, dazu noch viele Meinungen und Beiträge lesen zu können.

 Inge Glas Seeshaupt

Ob Papst Franziskus die Übersetzungsdiskussion gerade jetzt anstoßen musste – „endlich“ um wieder einmal „anzupassen“ - möchte ich doch sehr bezweifeln. Die deutsche Lösung „Und führe uns in der Versuchung“ ist theologisch korrekt: Der Vater führt uns im Falle der Versuchung, welche der Böse veranlasst. Allerdings wird anstelle von sed „sondern“ jetzt et „und“ nötig: „… und erlöse uns von dem Bösen“. Das ist aber nur für uns Deutsche eine rasche Lösung. Was sollen andere europäische Sprachen tun, wenn sie nicht mit dem bestimmten Artikel präzisieren können? Unser deutscher Papst Benedikt XVI, Joseph Ratzinger, verweist in der sechsten Vaterunser-Bitte auf das Buch Job, das zu einer Unterscheidung zwischen Prüfung und Versuchung verhilft. Wir Christen müssen die Medien, die vielen fehlbaren Politiker und andere Mitmenschen, an erster Stelle aber und selbst prüfen, wenn wir andächtig beten wollen. Es gibt viele Baustellen! 

Fritz Werner Weilheim

Papst Franziskus bedarf in der Tat, keinen Mut zur Ausübung seiner Aufgaben. Im Gegenteil, er ist geradezu aufgefordert wie jeder, egal welchen Beruf sie/er annimmt in bester Absicht auszuführen. Aber das ist nicht der Kern der Diskussion. Das Vater unser ist für mich nicht in Bittform verfasst, viel-mehr in Befehlsform und es richtet sich nicht ausschließlich an Gott, sondern an die Gottenergie in mir selber. Gott hat uns mit dem freien Willen ausgestattet, und es liegt an uns, was wir unserem Selbst bewusst befehlen. Wer und was will ich sein? Die Konsequenz davon werden wir selber tragen müssen. So ist es ein absolut klarer Befehl: „Lass mich nicht in Versuchung geraten“ Zitat vom Papst Franziskus. Denn heute sind wir ohne Unterlass mit Versuchungen traktiert. Mein täglicher Befehl an mich: „Ich wähle Bewusstheit und Mitgefühl.“ Ich wünsche allen Gesundheit und Frieden. 

Sopi von Sopronyi Gmund 

Nachdem Papst Franziskus seine Meinung nicht als kirchliche Lehrer ex Cathedra verkündet hat, darf ich ihm widersprechen. Jesu Gebet bezieht sich natürlich auch auf die alttestamentliche Heilsgeschichte. Er möge uns nicht auf die Probe stellen, wie er es bei Abraham oder Hiob getan hat, weil Jesus weiß, dass nicht alle den starken Charakter dieser Heiligen haben. Wenn Franziskus Gott als den liebenden Vater definiert, der einen nicht prüft, dann ist das eine gefährliche Engführung. Wie jeder Vater, anders als die Mutter, seine Kinder auch einmal auf die Probe stellt, so haben auch die zahlreichen Menschen der Bibel die Erfahrung gemacht, dass Gott Rechenschaft darüber verlangt, wonach wir unser Leben ausrichten. Das oben Gesagte wird nicht nur vom hebräischen Begriff „nasah“ und dem griechischen „epeirazen“ gestützt, sondern auch vom deutschen Begriff „Versuchung“. Was ist das eigentlich? Das Wort hängt mit „suchen“ zusammen und kommt von der indogermanichen Wurzel „sag-„, die „wittern, nachspüren“ bedeutet. Wir sollen nicht in die Versuchung geraten, Gott nachspüren zu wollen, ihn ausmessen, beschreiben, definieren zu wollen. Er, der ganz anders ist, als alles im Universum, ihn sollen wir nehmen, wie er ist (wie es jeder tut, der liebt). Wenn wir festlegen, wie Gott sei, dann maßen wir uns an, das zu wissen und stellen uns selbst höher als Gott. Dann reden wir aber von einem Fantasieprodukt und nicht mehr von Gott. Vielmehr bitten wir doch im Vaterunser weiter oben: Dein Wille geschehe! Das ist unser Ziel. Wir sollen Gottes Willen erforschen, der die Liebe ist, und danach handeln. Nicht was Trump will oder Putin, Erdogan oder Merkel, nicht einmal, was Papst Franziskus meint oder gar Georg Glonner, sondern was Gott will, zählt. Würden wir tatsächlich tun, worum wir so fromm bitten, wäre unsere Welt mit einem Schlag ein ganzes Stück besser.

 Dr. Georg Glonner München

Papst Franziskus hat mit seinen Bedenken ein Problem angeschnitten, das viele Christen seit Langem beschäftigt. Mit dem klaren Denken eines Jesuiten stellt er fest, dass es absurd ist, zu glauben, dass Gott uns in Versuchung führt. Es gibt, Gott sei Dank, verschiedene Quellen, welche aufzeigen, wie die vorletzte Vaterunserbitte sinngemäß lauten muss. Zwei Arbeiten sollen nachfolgend zitiert werden: Der katholische Pfarrer Johannes Greber (1874-1944), evangelischen und katholischen Theologen nicht unbekannt, hat um 1930 mit geistiger Belehrung das Neue Testament aus der griechischen Urfassung völlig neu übersetzt. Dabei wurden versehentliche Übersetzungsfehler und auch absichtliche Fälschungen erkannt und bereinigt. Die fragliche Bitte des Vaterunsers in dieser Greber-Übersetzung lautet bei Matthäus 6,13: „Und sei du, o Herr, doch unser Führer in den Versuchungen,...“ und bei Lukas 11,4: „Und lass uns nicht los von deiner Hand, damit wir nicht der Versuchung zum Opfer fallen“. Der evangelische Pfarrer und Philologe der Aramaistik Dr. Günther Schwarz (1928-2009) hat die Evangelien rückübersetzt aus dem Griechischen ins Aramäische und daraus ins Deutsche. Jesus sprach bekanntlich Aramäisch. Diese 40-jährigen Arbeit, die von Franz Alt in seinem Buch „Was Jesus wirklich gesagt hat“ geschildert wird, hat viele Irrtümer zutage gebracht und Klarheit geschaffen. In dem „Jesus-Evangelium“ von Günther Schwarz heißt die fragliche Bitte „Lass und retten aus unserer Versuchung“ (aramäisch: „schezeb lan minnisjonan“). Kürzlich las ich, dass der große Arzt, Theologe und Organist Albert Schweitzer (1875-1965) die umstrittene Vaterunserbitte so sprach: „und führe uns in der Versuchung“. Seit vielen Jahren bete ich es ebenso. Diese Version hat den kleinen Vorteil, dass der gewohnte Sprechrhythmus erhalten bleibt und die Bitte inhaltlich doch stimmig ist. Sie entspricht der christlichen Auffassung vom „bedingungslos liebenden Gott“ nach Eugen Biser und der „Barmherzigkeit“ unseres Vaters im Himmel, dem Leitbild von Papst Franziskus. 

Peer Prechtel Weilheim

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