Ausbürgerung ist eine Verharmlosung

„Einige durften bleiben“; Leserbriefe 28. August

Vor kurzem bin ich wieder einmal an der KZ-Mauer in Dachau vorbeigefahren. Einem beklemmenden Gefühl kann man sich nicht entziehen. Unfassbar, dass es Leugner der Vernichtungslager und des Holocaust gibt. Wer die historisch längst aufgearbeitete Vertreibung als Ausbürgerung beschreibt, rückt gefährlich in die Nähe der Personen, die geschichtliche Wahrheiten und Tatsachen, meist ideologisch, verdrehen. Die durch die Bene(s)-Dekrete gerade in der Tschechoslowakei brutale Vertreibung der Sudetendeutschen zu verniedlichen und zu rechtfertigen, ist unverantwortlich und unanständig. Dumm nur, dass Herr Junghans zwei Städte nennt, die für große Verbrechen in die Geschichte der Vertreibung eingegangen sind. Da muss an den 60 km langen Todesmarsch von 27 000 meist alten und jugendlichen Brünnern (Brno) mit mehreren tausend Toten erinnert werden. Gesichert sind über 2700 Tote. Auch die Zahl von über 5000 wird genannt. In Ostrau (Ostrava) wurden im Gefängnis 200 Deutsche ermordet. Der Bene(s)-Regierung zu bescheinigen, sie wollte deutsche Familien nicht auseinanderreißen, muss nicht nur bei den noch wenigen Lebenden von der Erlebnisgeneration, sondern auch bei allen zur Wahrheit verpflichteten Historikern Entsetzen hervorrufen.

Reinhold Schmid München

Es ist immer eine sehr beliebte Methode, den Zeitabschnitt für historische Ereignisse so einzuengen, dass er zur eigenen Argumentation passt. So verfährt auch Herr Junghans, indem er die Vertreibungsereignisse geschickt mit den Ereignissen im Zeitabschnitt von 1938 bis 1945 verknüpft. So kann man leicht zeitgeschichtlichen Ereignissen den historischen Hintergrund entziehen und sie dadurch manipulieren. Die Vertreibung, nicht Ausbürgerung, von rund 3 Millionen Sudetendeutschen, dabei kamen rund 240 000 ums Leben, war ein langer Wunschtraum der Tschechen. Dazu nur einige Zitate: Bereits 1850 äußerte die tschechische Dichterin Bozena Nemcova in einem Brief, Zitat: „Die Tschechen sollen eine ordentliche Revolution gegen die Deutschen machen und sie über die Grenzen treiben, wohin sie ohnehin gehören.“ Der Staatsgründer der Tschechoslowakei, Prof. Thomas G. Masaryk, äußerte im Januar 1919 in einem Interview mit der französischen Zeitung „Le Matin“: „Im Übrigen bin ich davon überzeugt, dass eine rasche Entgermanisierung dieser Gebiete (gemeint sind die Siedlungsgebiete der Sudetendeutschen) vor sich gehen wird.“ Der erste Außenminister und spätere Präsident, Edvard Benesch, hatte sich im November 1918 deutlicher ausgedrückt (Zitat): „D.. die Deutschen seien nicht unersetzlich, und die Enklaven können getilgt werden.“ Das Jahr 1918, das Staatsgründungsjahr des ersten tschechoslowakischen Staates, von diesem Datum müssen wir ausgehen. Im Dezember 1918 ließ die tschechische Regierung unter Präsident Masaryk die deutschen Siedlungsgebiete überfallartig besetzen, natürlich gab es dabei Tote und Verletzte. Die Siegermächte des I. Weltkrieges, Frankreich, Großbritannien und Italien, erteilten dieser Besetzung nachträglich die Genehmigung, die USA verweigerten diese und schickten ihren Diplomaten Archibald Coolidge zum Studium der Bevölkerungsverhältnisse. Es sprengt natürlich den Rahmen eines Leserbriefes, auf die Vorschläge des Diplomaten Coolidge näher einzugehen. Die tschechischen Vertreter Masaryk und Benesch versprachen schließlich einen Staat zu errichten, der der Schweiz ähnlich sei, und gestanden das Selbstbestimmungsrecht den Deutschen zu. Als die Deutschen dies einforderten, wurden am 4. März 1919 54 friedlich Demonstrierende erschossen, das jüngste Opfer war ein 11-jähriger Bub. Die folgende Politik der tschechischen Regierung benachteiligte die Deutschen erheblich, so dass im Jahre 1938 der englische Gesandte, Lord Runciman, im Schlussbericht an seinen Premierminister Sir Neville Chamberlain feststellte: „Es ist ein schweres Los, von einem fremden Volk regiert zu werden.“ Abschließend ein letztes Zitat aus einer rückblickenden Rede des tschechoslowakischen Politikers Dr. Ivo Duchacek im Jahre 1946: „Ripka (ein tschechischer Minister) arbeitete am Abschub der Deutschen und hielt den Krieg, der soeben ausbrach, für eine wirklich historische Gelegenheit, unsere Länder von dem perfiden deutschen Ballast zu reinigen.“ Ich hege keinen allgemeinen Groll gegenüber den Tschechen. Ich habe inzwischen einige kennengelernt, manchen bin ich sogar in Freundschaft verbunden. Ich kenne auch Landsleute, die zu Hause bleiben durften bzw. mussten, weil sie als Arbeitskräfte gebraucht wurden. Aber ich bedanke mich nicht für die „humane“ Geste der tschechischen Regierung, dass ich zusammen mit meiner Mutter in einem Viehwaggon abtransportiert wurde.

Ernst Heidenreich Grafing

In seinem Leserbrief spricht Herr Junghans von der Ausbürgerung vieler Deutscher aus der damaligen Tschechoslowakei nach dem Krieg. Dies ist eine Verharmlosung der Ereignisse und eine Verfälschung der Geschichte. Es handelte sich aufgrund der sog. Bene(s)-Dekrete zwar um die kollektive Ausbürgerung, die unmittelbar daran in der kollektiven Vertreibung nahezu aller Deutschen gipfelte. Völkerrechtlich gibt es keine Kollektivschuld und auch keine entschädigungslose Enteignung als Folge dieser Vertreibung. Alle Vertreibungen sind völkerrechtswidrig; sie waren es bereits 1945, 1946 und 1947. Der bis heute erhobene Kollektivschuldvorwurf vieler Tschechen gegen die Sudetendeutschen ist nicht überzeugender als der Kollektivschuldvorwurf der Nazis gegen die Juden. Die Rechtsprechung des Int. Militärtribunals in Nürnberg verurteilte die von den Nazis durchgeführten Vertreibungen zu Recht als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit. Darum stellen die Vertreibungen der Deutschen, gemessen an denselben Prinzipien ebenfalls Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit dar. Dass im Zuge dieser Vertreibung zahllose Verbrechen durch die tschechischen sog. Revolutionsgarden begangen worden sind, ist eine Tatsache. Dass Edvard Bene(s) diese Verbrechen an Deutschen durch eines seiner Dekrete straflos gestellt hat, ist ein weiteres Negativum in der tschechischen Geschichte. Diesem Politiker hat die tschechische Regierung vor dem Prager Außenministerium ein Denkmal errichtet. Darüber hinaus sind seine völkerrechtswidrigen Dekrete bis heute Teil der tschechischen Rechtsordnung. Ich und viele andere fragen sich deshalb, gehört die Tschechische Republik, die Vertreibungen sanktioniert, zu Recht der Werteordnung der EU an. Lieber Herr Junghans, seit dem 10. Jahrhundert lebten Deutsche in Böhmen und Mähren, dessen Herrscher dann im 13. Jahrhundert viele Handwerker, Bauern und Bergleute ins Land riefen. Durch die Vertreibung wurde ein in Jahrhunderten gewachsenes Zusammenleben von Slawen und Deutschen leider zerstört. Auch ich wurde als 9-Jähriger aus meiner Heimat, dem Egerland vertrieben. Zum Schluss: Sie möchten erklären, warum nicht alle Deutschen „ausgebürgert“ worden sind. Meine einfache Antwort: Der CSSR fehlten geeignete Fachkräfte und das Fachwissen, um die enteigneten Betriebe, Fabriken und Bergwerke weiter betreiben zu können. Erst 1968 konnten die Betroffenen Ausreiseanträge stellen. Nicht alle haben von dieser Möglichkeit, aus welchen Gründen auch immer, Gebrauch gemacht.

Dr. Egon Ziegler Planegg

Die Sudetendeutschen wollten nicht Bürger der ersten tschechoslowakischen Republik werden. Es gab keine Abstimmung. Gegenüber dem damaligen amerikanischen Präsidenten Wilson erklärte der tschechische Präsident Masaryk, eine zweite Schweiz zu gründen. Es entstand aber der Nationalstaat der Tschechen. Die Abtretung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich 1938 erfolgte mit Zustimmung Englands und Frankreichs. Auf Grund der Benesch-Dekrete wurden die Sudetendeutschen 1945 entrechtet und vertrieben. Bleiben durften sogenannte Spezialisten, die momentan zum Unterhalt von lebenswichtigen Betrieben gebraucht wurden. Familien wurden getrennt. Meist waren die Männer wegen Zugehörigkeit zu einer NS-Organisation oder Beiseiteschaffen von Eigentum u.a. in Haft oder Lager. Die deutschen Verantwortlichen für Gräueltaten (1939-1945) im Protektorat wurden von den Tschechen hingerichtet. Gräueltaten von Tschechen an Deutschen nach 1945 wurden amnestiert und bis heute nicht verfolgt. Die Benesch-Dekrete gelten noch immer. Es heißt, sie werden nicht mehr angewandt. Die Mehrheit der Tschechen glaubt immer noch, dass die Vertreibung und Entrechtung der Deutschen richtig war. Der gleichen Meinung ist offenbar auch der Leserbriefschreiber Herr Junghans. Warum verwendet er nicht das Wort „Vertreibung“? Ausbürgern klingt etwas humaner! In Tschechien soll es das Wort „Vertreibung“ nicht geben, sondern nur „Abschub“. 1938 war ich 10 Jahre alt. Die Tragödie habe ich miterlebt. Das hält mich aber nicht ab, dass ich seit Jahren zur Kur nach Marienbad fahre. Leider sehe ich nicht den Willen der tschechischen Politiker, die Geschehnisse nach 1945 aufzuarbeiten. Es findet sich keine politische Mehrheit, die Benesch-Dekrete abzuschaffen.

Anton Schilbach Grafrath

Der Bericht des Herrn Johann John über seine Jugenderlebnisse in den Nachkriegswirren im damaligen Sudetenland hat mich tief berührt, weil er mich in vielen Details an mein eigenes Schicksal als Elfjähriger erinnert. Ich hätte diese schreckliche Zeit vor der „Ausbürgerung“ (ohne Eltern!) sicher nicht überlebt, wenn mich nicht ein russischer Offizier als jüngsten „Verbrecher“ aus einem Lager geholt und beschützt hätte. Die seelischen Narben brechen zeitweilig wieder auf; die körperlichen Spuren liebevoller Behandlung durch fanatisierte tschechische Jugendliche aber schmerzen nicht mehr. In den Leserbrief-Reaktionen auf die Ausführungen des Herrn Junghans kommt fast alles in richtig- stellender Weise zum Ausdruck. Ein Aspekt bedarf jedoch zusätzlich der Erwähnung, der meiner Ansicht nach die Hauptursache der noch unbewältigten Vergangenheit zwischen Tschechen und Sudetendeutschen darstellt: Im § 1 des Gesetzes Nr. 115/1946 (Teil der Benesch-Dekrete) werden Handlungen bis zum 28. Oktober 1945 – also bis zu einem halben Jahr nach Kriegsende – straflos gestellt, deren Zweck es war, einen Beitrag zum Kampf um die Wiedergewinnung der Freiheit zu leisten oder die gerechte Vergeltung für Taten der Okkupanten oder deren Helfershelfer zum Ziele hatten. Das heißt, der gewaltsame Tod durch Erschöpfung, Folter, Mord und Totschlag von über 200 000 Menschen nach dem Krieg ist damit gerechtfertigt. Was haben die vorwiegend aus Müttern, Kindern und Greisen bestehenden Opfer getan, dass man sie wahllos auf den Todesmarsch von Brünn, zur Massenexekution von Postelberg oder in Aussig zusammentreiben und unter Beschuss über die Elbebrücke werfen durfte? Was mich und viele Landsleute heute noch umtreibt, ist die Tatsache, dass die Schergen von damals – soweit sie noch leben – unter dem immer noch bestehenden gesetzlichen Schutz ein unbescholtenes Leben führen können. Die Opfer hingegen hatten nie die Möglichkeit, sich zu rechtfertigen oder gar ihre Unschuld zu beweisen.

Hubert Müller Ohlstadt

Es ist wohlfeil und entspricht nicht den geschichtlichen Tatsachen, die Vertreibung der Sudetendeutschen nur als eine Folge des Zweiten Weltkrieges einzustufen. Denn der Wunsch, sich der Sudetendeutschen zu entledigen, bestand bei den Tschechen lange vor Hitler und den Nationalsozialisten. So schwadronierte etwa der erste Staatspräsident der 1918/19 gegründeten Tschechoslowakei, Tomas Masaryk, bereits am 10. Januar 1919 in einem Interview mit der französischen Zeitung „Le Matin“ von einer „sehr raschen Entgermanisierung“ der sudetendeutschen Gebiete. Noch deutlicher wurde Edvard Benes, tschechischer Außenminister und Nachfolger Masaryks im Präsidentenamt. In einer Rede am 3. Juni 1945 im tschechischen Tabor hetzte er: „Werft die Deutschen aus ihren Wohnungen und macht den Unsrigen Platz! Alle Deutschen müssen verschwinden! Was wir im Jahre 1918 schon durchführen wollten, erledigen wir jetzt! Damals schon wollten wir alle Deutschen abschieben. Deutschland war aber noch nicht vernichtet und England hielt uns die Hände, jetzt aber muss alles erledigt werden.“ Nun, die Tschechen „erledigten“ auch alles. Denn es wurden selbst sudetendeutsche Antifaschisten vertrieben oder durften, wie die Familie des ehemaligen Vorsitzenden der bayerischen SPD, Volkmar Gabert, die vor den Nationalsozialisten nach England geflohen war, nicht mehr in die sudetendeutsche Heimat zurückkehren. Um einen Zusammenbruch der Wirtschaft zu verhindern, waren lediglich einige betriebswichtige Experten mit ihren Familien von der Vertreibung ausgenommen. Man hielt sie, jahrzehntelang auf vielen Gebieten diskriminiert, sozusagen als Arbeitssklaven zurück. Schließlich noch eine Bemerkung zur Wortwahl im Leserbrief. Da ist im Zusammenhang mit den Sudetendeutschen verniedlichend von „Ausbürgerung“ die Rede. Diese „Ausbürgerung“ bedeutete die Entrechtung, Enteignung, Verpflichtung zur Zwangsarbeit (ab dem 14. Lebensjahr) und die brutale Vertreibung von über drei Millionen Menschen, von denen etwa

260 000 den Tod fanden.

Dr. Walter Kreul Germering

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