Leserbriefe

Ein Frage der Einstellung

Dirk Ippen: Siebzigverweht …; Kolumne;Politik 10./11. Oktober

Ein wenig musste ich schon schmunzeln über Ihre Einschätzung der „Alten“ in Beziehung zur digitalen Welt. Es ist jetzt knappe 30 Jahre her, als die ersten Modems den Akustikkoppler ablösten und ich meine Vorgesetzten zu überzeugen versuchte, einen Teil meiner Arbeit von zu Hause aus zu erledigen. Die Reaktionen waren eindeutig, die Zeit war noch nicht reif für so etwas.

Heute bin ich 64 Jahre alt und seit Mai Rentner. Die Pandemie hat nun viele Firmen gezwungen, die bisherige Ignoranz zu diesem Thema neu zu überdenken, das Wort Homeoffice war auf einmal in aller Munde. Nun hat sich diese Ignoranz aber nicht auf eine Altersgruppe verteilt, sondern auf alle. Was ich damit sagen möchte, es ist nicht das Alter, sondern die Einstellung zur Sache. In meinem Berufsleben habe ich viele Menschen kennengelernt, die gerne neue Techniken ausprobierten und anwendeten und viele, die nicht wollten oder konnten. Einen Bezug zum Alter konnte ich aber nie feststellen. Wir Alten hatten den Vorteil, mit der Entwicklung der Systeme mitwachsen zu können. Und wer da heute nicht mehr mitkommt, hat bereits damals, als er jung war, kein Interesse gehabt.

Gunter Knothe

Kirchheim

Mit Vergnügen habe ich wieder Ihren Beitrag gelesen. Da fiel mir eine Kolumne ein, die ich vor 13 Jahren gelesen habe: Als der Philosoph Immanuel Kant 1774 seinen 50. Geburtstag feierte, wurde er von dem Festredner mit den Worten „Ehrwürdiger Greis“ angeredet. Wenn dieser Maßstab für das Beurteilen des Alters immer noch gelten würde, dann schreibt diese Kolumne ebenfalls eine „ehrwürdige Greisin,“ die ihren 50. Geburtstag schon um 43 Jahre überschritten hat.

Ich finde, dieses Zitat zeigt sehr schön, dass der Begriff des Alters sehr subjektiv ist. Dank des medizinischen Fortschritts und in vielen Fällen auch eines sensiblen Umgangs mit der eigenen Gesundheit kann dieses hohe Alter immer öfter in körperlicher und geistiger Frische erreicht werden. Wer von unseren Großeltern hätte sich das vorstellen können? Und was für ein Unterschied zu der Zeit Kants!

Mit 70 begann für mich noch ein neuer Lebensabschnitt. Wir lebten nach dem Motto des Lorenzo de Medici, der gesagt hat „Lebt und liebt in Jugendwonne, bald schon modern wir im Grunde, freue sich, wer kann, der Stunde. Keiner kennt die neue Sonne“. Es öffnete sich für uns eine breite Palette von Fähigkeiten und Kompetenzen. Wir durften mit den Enkeln viel Neues erfahren, und heute frage ich meine Urenkelin um Rat, wenn ich Schwierigkeiten mit WhatsApp habe. Wie Sie richtig sagen, sind wir heute nur Einwanderer in die digitale Welt, in der die Jungen zu Hause sind. Über die vielen positiven Zuschriften, die Sie in der letzten Zeit erhielten, habe ich mich sehr gefreut. Ich gehöre immer dazu! Bleiben Sie gesund und uns erhalten.

Ursula Spiekermann

Garmisch-Partenkirchen

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