Mein Opa war kein Nazi

Geistige Tieffliegerei; Leserforum 22. Mai

Mein Großvater, Jahrgang 1910, wurde in der Schweiz geboren und wuchs dort auf. Sein Vater war Deutscher, daher war mein Opa auch Deutscher. Er betrieb bis zu seinem 29. Lebensjahr ein kleines Geschäft in Basel. 1937 heiratete er eine Schweizerin. 1937 wurde auch seine Tochter, meine Mutter, geboren. Nach dem Kriegsausbruch 1939 wurde er nach Deutschland abgeschoben und wurde sofort zwangsweise in die Wehrmacht eingezogen. Die Schweiz hatte er bis zu diesem Zeitpunkt noch nie verlassen. Ohne richtige militärische Ausbildung wurde er als Nachschubfahrer an der Ostfront eingesetzt. Ende 1944 wurde er verwundet und kam an die Westfront. Dort kam er Ende 1944 in (zum Glück) britische Gefangenschaft und war noch ein paar Jahre in Großbritannien. Als deutscher Wehrmachtssoldat durfte er während des Krieges nicht in die Schweiz reisen, daher folgte ihm seine Frau, die 1954 starb, mit der Tochter nach Deutschland nach. Als ehemaliger Wehrmachtssoldat erhielt er aus der Schweiz auch keine Rente. In Deutschland erhielt er mangels Beitragsjahren auch nur eine kleine Rente, so dass er bis zum 75. Lebensjahr arbeitete. Mein Opa war kein Nazi und kannte Deutschland 1939 nur von der Karte. Er erzählte uns Kinder immer, er hoffe, dass er im Krieg nie jemanden verwundet oder gar getötet habe. Er habe immer versucht vorbei zu schießen. Er erzählte oft nüchtern und ohne Verherrlichung von seiner Zeit bei der Wehrmacht. Er erzählte auch von vielen deutschen Wehrmachtssoldaten die keine Nazis waren. Ich war selber 12 Jahre lang Zeitsoldat bei der Bundeswehr und stand wie mein Opa immer fest auf dem Boden des Grundgesetzes. Ich denke heute noch oft mit guter Erinnerung an den zwangsverpflichteten Wehrmachtssoldaten Obergefreiter Paul Junger, der trotz dieser Erlebnisse immer freundlich und vergnügt war. 

Roger Gebhardt Petershausen

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