Leserforum

Afghanistan

Georg Anastasiadis: Der Undank des Westens; Kommentar, Die afghanische Tragödie; Leserforum 17. August

Ich glaube, dass es ein hoffnungsloses Vorhaben ist bzw. war, einen Staat wie Afghanistan mit militärischer Hilfe zu einem Staat westlicher Prägung umzugestalten. Nach 20 Jahren hat es im Prinzip keine wirklichen Verbesserungen nach unseren Vorstellungen gegeben. Wenn ich persönlichen Berichten von Leuten glaube, die in Afghanistan länger vor Ort waren, dann waren in diesem Land insbesondere die amerikanischen Soldaten mehr als unbeliebt – nicht nur bei den Taliban.

Deutsche Hilfen waren sicher willkommen, können aber keine Umgestaltung der Gesellschaft bewirken. Dass wir nun nach 20 Jahren und gigantischen Aufwendungen ein solches Desaster erleben müssen, ist schrecklich. Und dass die reguläre afghanische Armee trotz der Unterstützung nicht in der Lage ist, den Taliban auch nur etwas Paroli zu bieten, entspricht leider meinen Erwartungen. Also haben wir eine komplette Fehleinschätzung der Lage durch den Westen. Dass nun auch noch die Bundesrepublik nicht in der Lage ist, adäquat zu reagieren und unsere eigenen Leute und die uns dort verbundenen Ortskräfte und deren Familien in Sicherheit zu bringen, macht die Katastrophe komplett. Leider schon wieder ein Beispiel, dass unser Staat in schwierigen Lagen nicht mehr wirklich handlungsfähig ist.

Volkmar Döring

Unterwössen

Dieses ist doch die gleiche Tragödie wie in Vietnam, zuletzt 1975 in Saigon. Wenn ich einen Hubschrauber Bell UH1 noch am Himmel mal sehe, denke ich immer an Vietnam. Jeder Krieg ist nur eine Tragödie und sinnlos. Dieser Hubschrauber war der Beste übrigens, und hat wenigstens noch viele Leben gerettet.

Peter Altenberger

Bad Heilbrunn

Es ist kaum auszuhalten. Seit Langem wusste auch unsere Regierung, dass der Präsident der USA die Militärs aus Afghanistan abziehen wird. Anstatt in Folge rechtzeitig, den (für mich umstrittenen) geordneten Rückzug für alle im Land lebenden Deutschen, als auch für deren jahrelangen Helfer, die afghanischen Ortskräfte, schnellstmöglich mitsamt ihren Familien einzuleiten und diese damit in Sicherheit zu bringen, scheint jedoch bisher kaum etwas geschehen. Nun ist man wieder einmal auf die Unterstützung der Amerikaner und der Türken angewiesen. Die einzige Überlegung der sich verschärfenden Situation und im umgekehrten Sinn, war der Beschluss unseres Innenministers, niemanden im Moment nach Afghanistan abzuschieben. Eine an sich löbliche Aktion, wenn nicht auch gefährliche Straftäter damit gemeint sind, die sich nun gleichermaßen in deutscher Sicherheit wiegen dürfen und uns damit in Zukunft forciert große Sorge bereiten werden. Andererseits sieht man nun verzweifelte Menschen, die sich in Panik zum Rollfeld des Kabuler Flughafens drängen und erfolglos versuchen, in das rettende Ausland mitgenommen zu werden. Gleichzeitig fassungslos muss man über sich ergehen lassen, wie ein bisher farbloser deutscher Außenminister, gemeinsam mit einer betont sachlichen und fast lethargischen Bundeskanzlerin den deutschen Zuschauern lapidar erklärt, dass „man die Lage falsch eingeschätzt“ hätte und „man es leider nicht mehr in der Hand hält“. Was damit gemeint ist, wissen beide vielleicht selbst noch nicht so genau. Die derzeitige Verteidigungsministerin jedenfalls hat sich vorsichtshalber erst gar nicht sehen lassen und der ahnungslose Kanzlerkandidat Laschet fordert gar „soziale Hilfe vor Ort“; dümmer geht’s nimmer. Hingegen muss nun zugesehen werden, wie Afghanistan ein neuer Stützpunkt für al-Qaida und den Islamischen Staat werden könnte. Bekommt der Satz des verstorbenen Verteidigungsministers Peter Struck, „die Sicherheit Deutschlands werde auch am Hindukusch verteidigt“, nun wieder einen fatalen Anstrich?

Ruth Dietze

Weilheim

Als Reserveoffizier der Bundeswehr, weiterhin mit zahlreichen Kontakten ins Bundeswehrmilieu und ehemaligen Afghanistan-Kämpfern, war mir spätestens 2011 – also nach 10 Einsatzjahren – klar, dass dieses Mandat oder der Kampfeinsatz völlig sinnlos war, solange man keine vernünftige Strategie hatte, nämlich die Einbeziehung der Kultur, Bevölkerung und die Ausschaltung der korrupten angeblichen Eliten. Von der US-Administration war und ist das bis heute sowieso nicht zu erwarten, siehe Vietnam- und Irakkrieg. Leider kann man nun nur das Fazit ziehen: außer Spesen (12 Milliarden Euro), nichts gewesen.

Franz-Josef Müller

München

Man konnte sich immer fragen, was wir in all den Jahren in Afghanistan verloren hatten. So viele deutsche Soldaten in den Tod zu schicken, war ein Wahnsinn. Von den in den Sand gesetzten Milliarden Euro mal ganz abgesehen. Und jetzt zum Schluss muss der überforderte Westen verwundert feststellen, dass er den ausgefuchsten Taliban nicht das Wasser reichen kann und in eine beispiellose Katastrophe geschlittert ist. Tolle Bilanz! An diesem Einsatz hätten wir uns niemals beteiligen sollen.

Dr. Aglaia Gietl

Karlsfeld

Bestätigung fand ich durch die US-Generalität, die der afghanischen Armee bei bestmöglicher Ausbildung und Ausrüstung jegliche Disziplin und Kampfmoral absprach. Die Folge ist nun die Einnahme Afghanistans durch die Taliban im Handstreich.

Harald Heinz

München

Was wir nun in Afghanistan sehen, sollte nun die ganze westliche Welt aufhorchen lassen. Die Islamisten feiern jetzt weltweit und sie glauben, sie sind Gott und werden bald die ganze Welt bestimmen. Da die Islamisten über ein weltweites Netz verfügen und nun erlebt haben, wie einfach es ist, an Waffen zukommen und Menschen in die Knie zu zwingen, muss die westliche Welt dringend auf der Hut sein vor großen Anschlägen. Ich hoffe, dass dieses Vorgehen mit einem solchen Gedankengut unsere Politik nicht noch tiefer in den Schlaf fallen lässt. Ein guter Rat an Herrn Außenminister: Treten sie zurück! Lächerlicher kann sich ein Außenminister nicht machen. Ihr Amt findet in der Realität statt und nicht als Film auf der Leinwand.

Ingeborg Deubler

Unterhaching

Sehr geehrter Herr Jäger, Ihre SPD-Feindlichkeit in Ehren, aber die Fakten sind anders: Nach 2000 (bis 2005) waren Scharping und Struck die einzigen SPD-Verteidigungsminister. Ab 2005 waren sie ausschließlich CDU/CSU Mitglieder. Zur Erinnerung: Der NATO-Bündnisfall in Afghanistan nach 9/11, (2001) wurde zwar von Kanzler Schröder (SPD) und Scharping mitgetragen. Der Einsatz in Irak 2003 (kein Nato-Fall) jedoch von Schröder/Struck abgelehnt. Davon ganz abgesehen: Diese Afghanistan-Tragödie ist höchst ungeeignet für parteipolitisches Gezänk.

Dr. Sven Nissen-Meyer

Seefeld

Jetzt überweist doch bitte den Taliban die 400 Millionen Entwicklungshilfe, damit wir ihnen ihre straffällig gewordenen Landsleute zurückschicken können!

Theodor Herzog

Neufahrn

Die ganzen Leserbriefe zum Thema Afghanistan, dass unsere Regierung das Chaos einfach verschlafen hat, vertreten zu 100 % meine Meinung. Ich hätte erwartet, dass sich unser Außenminister und unsere Verteidigungsministerin über die ätzend langwierige Prozedur der Genehmigung durch die gesetzlich zuständigen Gremien schon frühzeitig mutig hingesetzt und den Befehl erteilt hätten, sofort zu starten und unsere Landsleute und unsere dortigen afghanischen Helfer sofort herauszufliegen. Jetzt wird sich zeigen, wie viele Opfer wir beklagen müssen, weil zwei unfähige Minister (und deren Berater) geschlafen haben.

Gunnar Eckardt

Germering

So einfach ist das mit der Übernahme von Verantwortung für das politische Versagen in Afghanistan. Die dafür Verantwortlichen einigen sich auf eine Kollektivschuld und schon ist man in der Öffentlichkeit für ein persönliches Versagen nicht mehr angreifbar. Quasi unschuldig schuldig, also wie eine Tragödie im aristotelischen Theater. Leider kostet diese Tragödie in letzter Konsequenz zerstörte Hoffnungen und Menschenleben.

Rainer Nicodem

Fahrenzhausen

Die russische Botschaft in Kabul berichtete, dass der flüchtende Präsident mit vier Autos, voll beladen mit Geldbündeln, zum Fluchthubschrauber zum Flugplatz raste. Der Versuch, alles Geld in den Hubschrauber zu stopfen misslang und ein Teil des Geldes musste zurückgelassen werden und flatterte nun über das Rollfeld. Als ich das las, dachte ich mir: Gott sei Dank ist das nicht unser Steuergeld!

Harald Heinz

München

Was mich sehr erschreckt: Die lustlose, herumlungernde afghanische Armee wird fast nie gezeigt. Hat die internationale Presse Angst, die EU und Landespolitiker abzuwerten? Die Stärke der Taliban Wehrkräfte, ihre Energie, ihr systematisches Vorgehen, ihre Bewaffnung sind vorbildlich. Weniger vorbildlich ist, dass die Waffen von den USA Ausrüstungen des afghanischen Militärs stammen. Ich stimme der FDP zu: Maas, Kramp-Karrenbauer, Seehofer haben „auf ganzer Linie versagt“. Wie konnten alle politischen Entscheider in Deutschland übersehen, dass es einen afghanischen Widerstand der Armee nicht gibt? Was haben unsere deutschen Experten dort eigentlich wahrgenommen? Nichts. Das ist etwas zu wenig für die vielen Milliarden €, welche die deutschen Steuerzahler dort investieren mussten.

Dr. Horst G. Kaltenbach

Gröbenzell

Der Beginn der Tragödie liegt 20 Jahre zurück und begann mit der Fehleinschätzung der damaligen Bundesregierung unter SPD/Grünen Schröder und Fischer. Die Frauen und Mädchen tun mir leid, denn ihre eignen Männer, Väter, Brüder sind nicht bereit für sie zu kämpfen. Die männliche Afghanistan - Armee, 20 Jahre ausgebildet und gut ausgerüstet, übergibt den Taliban kampflos ihr Land. Das ist die eigentliche Katastrophe. Die Helfer sollten wir nach sorgfältiger Prüfung unterstützen. Die Begründung der Helfer „sie haben Deutschland geholfen“ ist falsch, zeigt aber deren Einstellung. Nicht die Helfer haben Deutschland, sondern Deutschland hat dem Heimatland Afghanistan der Helfer geholfen. Der Abzug der Truppen war richtig und seit Monaten bekannt, darauf hätten sich auch die Afghanen einstellen müssen, den der überwiegende Teil der Afghanen ist nicht bereit für ihr Heimatland gegen die Taliban zu kämpfen. Nicht der Abzug ist falsch, sondern der Einzug vor 20 Jahren. Ich wünsche den Afghanen*innen alles Gute, denn nur sie können die Zukunft ihres Landes gestalten.

Bernd Hunck

Grünwald

Der Truppenabzug aus Afghanistan ist seit vielen Monaten allgemein bekannt. Das wurde als logistische Meisterleistung in den Medien verbreitet. Die kleinere Meisterleistung war die würdelose Begrüßung unserer Soldaten zu Hause. Was danach folgte, kann nur als Schande bezeichnet werden: Die Militärausrüstung ist zurück in Deutschland. Deutsche Staatsbürger und die Unterstützer der Bundeswehr wurden vergessen, ihre Sicherheit sträflich gefährdet. Die Experten im Verteidigungsministerium haben eklatant versagt bei der Lageeinschätzung nach Bundeswehrabzug. Sie haben indirekt viele Menschenleben gefährdet; die Zukunft wird das zeigen. Verantwortlich Ministerin AKK. Der Herr Maas war mit Abstimmung der Passangelegenheit für die Unterstützer der Bundeswehr befasst und nicht in der Stimmung, die akute Gefährdung zu erkennen, geschweige entsprechende Maßnahmen gemeinsam mit der Bundeswehr unverzüglich zu treffen. So kam es denn, dass am 13.8. in Berlin geschwafelt statt gehandelt wurde. Alle verfügbaren Flugzeuge der Bundeswehr (wie wenige es such sind) hätten in den Nachbarländern stand by sein müssen. Die USA haben sich wie in Vietnam blamiert und feige zurückgezogen.. Dass Deutschland im Gefolge der USA keinen Deut sich besser gezeigt hat und seine eigenen Bürger plus die Unterstützer gefährdet, ist ein Skandal. In einem demokratischen Staat ist es üblich, solche Fehlleistungen deutlich zu sanktionieren. Im Klartext heißt das sofortiger Rücktritt der Verteidigungsministerin und des Außenministers.

Dr. Christoph Unterberg

Forstern

Nun ist das Geschrei bei uns angesichts der Vorgänge in Afghanistan wieder groß. Dabei kommt dem aufmerksamen Beobachter die neueste Entwicklung grundsätzlich nicht überraschend, allenfalls das Tempo, mit dem die Taliban das Land unter ihre Kontrolle gebracht haben. Seit Jahren musste Deutschland bei anhaltender Erfolglosigkeit des Einsatzes in Afghanistan mit dessen Scheitern rechnen. Die konservativen Stammesverbände der Paschtunen, der wichtigsten Bevölkerungsgruppe (insbesondere Durrani im Süden und Ghilzai im Osten des Landes), waren immer ein Zufluchts- und Ruheraum für die Taliban. Die grenzüberschreitende Logistik (Waffen!) aus Pakistan lief dort immer problemlos. Die Machtübernahme der Taliban wird man vor allem unter den Paschtunen mit Genugtuung registrieren, werden doch die alten patriarchalischen Verhältnisse wieder hergestellt. Allgemeine Wahlen, demokratisches Gedankengut etc. waren den Stammesführern immer ein Dorn im Auge. Der Zerfall des afghanischen Streitkräfte überrascht nicht. Der Westen hat es während der fast 20-jährigen Ausbildung der Soldaten versäumt, ein verantwortungsbewusstes Führerkorps heranzubilden, das selbstständig und erfolgreich militärische Aktionen plant und durchführt. So aber war die afghanische Armee nach Abzug der westlichen Kontingente führerlos. Ihr Zusammenbruch war zwangsläufig. Es darf daher nicht verwundern, dass das internationale Militär schon früh als Besatzer empfunden wurde. Dies galt auch für die Bundeswehr, die bald nach der frühen Ausstattung mit neuen Uniformen von den verhassten US-Streitkräften nicht mehr zu unterscheiden waren und so ihre positive Wahrnehmung in der Bevölkerung verloren. Das Hauptproblem des Westens, vor allem auch der Bundesrepublik aber war, dass man konzeptionslos nach Afghanistan ging und auch im Laufe der Präsenz keine Strategie entwickelte, schon gar keine Exit-Strategie. Dieses völlige Versagen müssen sich Regierung, Parlament, militärische Führung und Nachrichtendienste ankreiden lassen. Man darf auf die personellen und politischen (Mali!) Konsequenzen dieses Desasters gespannt sein.

Karl Streif, Oberst a. D. Miesbach

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