Angst vor Armut

Wenn jemand nur 1000 Euro im Monat hat, ist er in der heutigen Zeit schlicht und ergreifend arm, da es dann hinten und vorne nicht reicht!

Wenn Politiker oder irgend- welche Organisationen festlegen, dass wer über 848 Euro monatlich zur Verfügung hat, nicht arm ist, so zeigt das schon den blanken Unsinn solcher dümmlichen Aussagen. Wenn man Geld in erster Linie an fremde Hilfsbedürftige in irrer Höhe verteilt, ohne vorher für das Wohl des eigenen Volkes gesorgt zu haben, ist das schlicht und einfach eine große Schweinerei. Charakter und Anstand sowie das Arbeiten mit Zahlen, die der Realität entsprechen, ist für deutsche Politiker leider ein absolutes „No-Go“.

 Joachim Weiss Freising

Die statistischen Zahlen hat Herr Schneider sicherlich korrekt interpretiert – Sir Winston Churchill hielt allerdings die Statistik als solche für unbrauchbar, weil missbrauchbar. Die ARD zeigte unlängst diesen vergnügten Arbeitslosen im Schneider-Wibbel-Sitz im Studio – die Mitdiskutierer gaben ihr Bestes, ihn von der schönen Seite geregelter Arbeit für sich selber, seine Familie mit Kindern zu überzeugen. Gut ausgebildet war er überdies und offene Stellen gibt’s so viele wie noch nie. In Berlin und neuerdings auch in Bremen kursiert angeblich die Aussage eines lange arbeitslosen Vaters an seinen ins Leben tretenden Sohn: Junge, wenn sie jemals versuchen sollten, dir einen Hammer in die Hand zu drücken, dann wirf ihn so weit weg, wie du nur irgend kannst! Berechtigte Hoffnung, die führende Sportnation im Hammerwurf zu werden.

Hans Steidl Vaterstetten

Die Sozialsysteme stehen vor dem Kollaps, Angst macht sich bei den Bürgern breit. Es gilt, systemische Fehler zu erkennen und zu korrigieren, jenseits von politischen Standpunkten. Die Mitteilungen und Statements der jeweiligen Interessenvertreter gehen jedenfalls diametral auseinander. Die arbeitgeberfreundlichen Stimmen beteuern, dass es den Menschen, den arbeitenden wie den anderen, besser denn je ginge, eine Altersarmut weit hergeholt sei und die sozialen Auffangnetze die besten in der Welt seien. Ganz anders sieht es der Paritätische Wohlfahrtsverband. Dort existiert sichtbare Armut, immer mehr Menschen stehen bereits in der Armut oder stolpern unaufhaltsam in diese hinein. Die Wahrheit liegt wohl wie meistens in der Mitte. Einen Königsweg hat noch keine Seite präsentiert. Statistische Quer- und Fehlschüsse kennen wir aus der Politik seit langem, das ist nichts Neues. Wenn allerdings offenkundig mit mehr als fragwürdigen Aussagen auf die allgemein unterstellte Dummheit der Bevölkerung gesetzt wird, geht dem Verfasser der Hut hoch. Letztes Beispiel: Es wird behauptet, dass derjenige die Armutsgrenze erreicht, der weniger als 60 % des Durchschnittseinkommens in Deutschland unterschreitet. Demzufolge wären alle Teilzeitbeschäftigten, alle Mini-Job-Inhaber, alle Hartz IV-Bezieher und mehr als 90 % aller Rentner in der Armut gelandet, hinzuzuzählen wären noch deren Familienangehörige. Dies ist so sicher nicht ganz richtig. Es ist wie bei dem Vergleich zwischen dem Bettler und dem Millionär. Der eine hat nichts, der andere eine Million, statistisch besitzen jedoch beide eine halbe Million. Dies scheint das Bestreben der Medien zu sein, alles über einen Kamm zu scheren, Gleichmacherei um jeden Preis, und dies dürfte auch die politische Zielsetzung vieler Parteien in Deutschland sein, die im nächsten Jahr wieder um die Stimmen der Wähler buhlen werden. Die mediale Welt überschlägt sich in der Darstellung unbewiesener Szenarien; wir leben über unsere Verhältnisse, immer mehr Rentner müssen von immer weniger Beschäftigten finanziert werden, der demografische Wandel, das überforderte Renten- und Sozialsystem ist nicht mehr finanzierbar, hingegen fließen in Form von Realüberweisungen sowie durch Übernahme von Garantien und Bürgschaften Unsummen aus dem Fundus unseres Staates. Das Lamento über die Ungerechtigkeiten unseres Sozialsystems findet seinen Höhepunkt in der Forderung, dass endlich alle in die Sozialkassen einzahlen sollten. Dies hieße Abschaffung der Beitragsgrenzen. Damit würden auch die unseligen Unterschiede zwischen Beamten und Angestellten beseitigt, es wäre ein kleines Friedenssignal und ein immenser Schritt nach vorne. Wir befinden uns in einer Überschussgesellschaft, geprägt von Überproduktion und unstillbarer Gier nach mehr. Die Bevölkerung spaltet sich durch ein spürbar zunehmendes Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich immer mehr, neue Belastungen durch die Energiewende kommen auf uns zu, der Eindruck einer Umverteilung von unten nach oben bleibt weitgehend unwidersprochen. Sprüche wie soziale Hängematte, Schmarotzer und weitere diskriminierende Äußerungen werden heute ohne zögern verwendet. Im Vorfeld politischer Wahlen im kommenden Jahr werden Versprechungen im sozialen Bereich gegeben, die einfach nicht mehr glaubhaft, weil auch nicht mehr finanzierbar sind. Opfern wir unseren Wohlstand durch stures Beibehalten alter Zöpfe, zu denen auch unser Sozialsystem gehört? Wir wollen wieder Exportweltmeister werden, die Produktivität immer weiter erhöhen, die Rentabilität muss stimmen. Gleichzeitig wird von politischer Seite endlos über weitere soziale Wohltaten debattiert. Der Normalbürger wird mit Aussagen konfrontiert, die ihm Angst machen, die nicht mehr nachvollziehbar und auch nicht mehr verstehbar sind. Wie passt dies alles zusammen?

Heinz Schmid Berg

Georg Anastasiadis: „Noch ein Armutsbericht“; Kommentar, „Viel Not in großen Städten“; Politik 21. Dezember

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