Primitiv, humorlos und verletzend

Erlaubt ist, was gefällt versus erlaubt ist, was sich ziemt – eine Auseinandersetzung bei Altmeister Goethe in seinem Tasso. Also ein altes Problem, das sich sicher bis in frühe Zeiten menschlichen Zusammenlebens erstreckt.

Trotz Gegenzitats des genialen Tucholskys, dass Satire alles dürfe, sollte darüber nachgedacht werden. Denn zur Darbietung des Herrn Böhmermann ist zu sagen: Die Einbettung in einen Kontext, der darauf hinweisen will, dass die angekündigten Reime der Kategorie des Nicht-Zulässigen angehören, ist lediglich als feige Hülle zu bezeichnen. Es ist dies so (auf Bairisch) hinterfotzig, wie man jemandem beteuert, dass er sicher nicht verrückt sei, als es ihm auf direktem Wege zu sagen, was man von ihm hält. Zum Inhalt des Schmähtextes wäre anzumerken, dass sein Autor mit Anal- und Vaginalausdrücken des perversen Bereichs hausiert, die, auch wenn er es auf Reim bringt, mit Kunst nichts zu tun haben. Nicht alles, was sich reimt, ist auch schon ein Gedicht. Der Auswurf dieses Herrn ist (wieder auf Bairisch) eine Sauigelei. Kommt noch hinzu, dass er mit diesem Machwerk dem autokratischen Herrn Erdogan die Möglichkeit verschafft, sich in Deutschland juristisch aufzuspielen.

Dietrich Kothe Hohenfurch

Wir müssen einen wackeligen Deal mit Erdogan einschlagen, ob wir alle es wollen ist eine andere Frage. Er sitzt nun leider am längeren Hebel. Wenn er die Grenzen aufmacht, dürfen wir uns auf weitere Millionen Flüchtlinge einstellen, weil sie nur nach Deutschland wollen, das ist Realität. Ob unsere  Satiriker und Kabarettisten dann mithelfen, diese Menschen zu versorgen, wage ich zu bezweifeln! Manchmal ist Reden Silber und Schweigen Gold, besonders wenn Reden unter die Gürtellinie geht. Ich glaube, dass Böhmermann in seiner Selbstherrlichkeit gar nicht checkt, was er angerichtet hat.

Rosi Wendler Fürstenfeldbruck

Wenn Erdogan gegen Böhmermann durchkommt wird er seine Attacken gegen die türkische Presse als von Deutschland gedeckt und abgesegnet hinstellen.

Christof Kettner Heimstetten

Brav, der Mann, sehr lobenswert! Ihr Kommentator Rudolf Ogiermann hat noch Anstand, verschont uns vor den Schweinereien von Jan Böhmermann. Nicht einmal in Auszügen zitabel sei Böhmermann, weist Ogiermann lüsterne Münchener Merkur-Leser in die Schranken. Doch im Innern des Blattes unter dem Titel „Kunstfreiheit und Politik“ dann der Schock. Nichts ist’s mehr mit einem Ziegenficker-freien Münchner Merkur. Quasi als Zitat des Axel-Springer-Verlagschefs Mathias Döpfner, der seinerseits begeistert den nicht zitablen Böhmermann zitiert, steht dort das schlimme Ziegenficker-Wort. Jetzt bin ich enttäuscht und entsetzt.

Peter Kühn München

Ich habe den Auftritt von Herrn Böhmermann im Internet gesehen und bin bestimmt kein Freund von Herrn Erdogan. Was sich aber Herr Böhmermann mit seiner „Satire“ gegen Erdogan geleistet hat, hat mit Spaß, Satire oder sonst was nichts zu tun. Das war nur unterste Schublade, primitiv, humorlos und verletzend. Es erschreckt mich, dass viele Kollegen von Herrn Böhmermann dies akzeptieren und gutheißen. Dies ist bezeichnend für die sinkende Niveaulosigkeit und Menschenverachtung, die sich unter dem Deckmantel Satire, künstlerische Freiheit etc. in gewissen Kreisen breit macht. Wäre Herr Böhmermann über mich so hergezogen, würde ich ihn auch anzeigen.

Wolfgang Steinhart Bad Tölz

Was hier euphemistisch „Satire“ genannt wird, ist nichts anderes als der Erguss eines medialen Dummschwätzers der meint, sich als Künstler Fäkalausdrücke und handfeste Beleidigungen gegen alles und jeden erlauben zu können. Wer in diesem Land einen Polizisten „Bulle“ nennt oder ihm den Stinkefinger zeigt, muss mit Anzeige wegen Beleidigung rechnen; ständig fühlt sich jemand durch ein deutliches Wort beleidigt und irgendein Schwerverbrecher in seiner Menschenwürde, die ihm großzügig zugebilligt wird, verletzt - wenn aber ein medialer Pöbelbruder einen ausländischen Staatsmann grundlos einen Kinderschänder und Sodomiten nennt, findet das höhnische Zustimmung. Sitten und Umgangston verkommen zusehends, was offenbar auch allseits akzeptiert wird.- Wenn der Provokateur Böhmermann scheinheilig bekanntgibt, dass man dies und jenes in Deutschland nicht sagen dürfe, es aber dann doch tut, so ist er ein Gerichtsfall, auch ohne Erdogans Beschwerde.

Eberhard Koenig Baiern

Da lebt in der Türkei ein gewisser Herr Erdogan, ein Despot wie aus dem Bilderbuch und er meint, er könne die ganze Welt beherrschen und ihr seinen Willen aufzwingen. Ich finde das Gedicht von Böhmermann auch geschmacklos und wenig intelligent, aber dass der Türke von der Kanzlerin verlangt, sie möge für eine scharfe Strafverfolgung sorgen, ist eine arge Einmischung in die Innenpolitik unserer Bundesrepublik. Die Kanzlerin sollte sich eine derartige Einmischung verbieten und im Gegenzug von ihm verlangen, die Mörder der 10 deutschen Touristen von dem Mordanschlag in Istanbul endlich zu fassen und vor Gericht zu stellen. Oder sind 10 unschuldige Tote und viele verletzte Deutsche weniger wert als die Satire von Böhmermann? Doch das sonderbare Verhalten unserer Kanzlerin schiebt sie den weltweiten Werteverfall noch weiter an. Vor Urlaub in der Türkei muss gewarnt werden.

Hans-Joachim Kropsch Schliersee

Komisch, alle bedauern den armen Herrn Böhmermann, keiner die vor Erdogan „kuschende“ Frau Merkel. Dabei ist sie mit Sicherheit auch keine Freundin von Herrn Erdogan, aber sie muss nun mal mit ihm verhandeln und es ist ihr tatsächlich gelungen, mit der Türkei zu einer Einigung zu kommen, die den Flüchtlingsstrom nach Deutschland in Zukunft mindern soll. Und das ist es doch, was alle wollen, oder? Da trägt genau in diesem Moment Herr Böhmermann sein Gedicht vor. Primitive, widerliche, ekelerregende Verse, dazu noch so schlecht gedichtet, dass es weh tut. Das ist nicht Schmähung (die in uralter Zeit mit Verfluchung zu tun hatte), sondern nur grottenschlechter Geschmack bis tief unter die Gürtellinie. Eines Böhmermann zutiefst unwürdig. Und auch unwürdig all derer, die einen öffentlichen Sender mit bezahlen, Herrn Böhmermann also erst seine Plattform ermöglichen. Dass sich dann die gesamte Medienwelt hinter einen solchen „Dichter“ stellt - wegen unserer so gerühmten Meinungsfreiheit – und meint, es brauche ein solches Gedicht, um zu zeigen „was für ein Mensch Erdogan ist“ (Giovanni di Lorenzo in Deutschlandradio Kultur), enttäuscht mich zutiefst. Hält man uns denn für unfähig, uns unsere eigene Meinung zu bilden, und hilft uns eine Anschauung von Herrn Erdogans „Gelöt“, damit wir seine Politik besser beurteilen können? Das einzige, was Frau Merkel tun konnte, war, sich in unserem Namen dafür zu entschuldigen. Und allen Böhmermann-Unterstützern würde ich wünschen, dass sie sich einmal intensiv mit unserem Meinungsfreiheits-Paragrafen und seinen Schranken (Absatz 2) beschäftigen. Eben weil diese Freiheit ein so hohes Gut ist, sollten wir lernen, besonnen damit umzugehen.

Christiane Wagner Gauting

Es geht mir überhaupt nicht um die Beleidigung eines Staatsoberhaupts, doch sehr um die schwere Verletzung der Würde eines Menschen. Und um die Art, wie Menschen im 21. Jahrhundert miteinander umgehen sollten. Auch wenn man den türkischen Präsidenten Erdogan, seine Politik und seinen Umgang mit Gegnern aufs Entschiedenste ablehnt – so wie Jan Böhmermann kann man nicht mit ihm umgehen. Man kann oder muss sich mit Erdogan politisch knallhart auseinandersetzen, darf über den Politiker auch Witz und Spott ausgießen – aber man darf den Menschen Erdogan nicht seiner Würde berauben. Und genau das hat Böhmermann mittels zitierter Ziegen, Schafen und Schweinefurz usw. getan. Böhmermanns zahlreiche Unterstützer rufen jetzt, das sei doch alles Satire und Kunst und mithin erlaubt. Böhmermann hat für sein Schmähgedicht Reime aus den widerlichsten Zonen unterhalb der Gürtellinie zusammengeklaubt; irgendwelche Spuren von Kunst kann ich da nicht einmal im Nano-Bereich entdecken. Und auch Satire darf nicht alles. Wir brauchen sicher nicht länger einen Strafparagraphen 103, der eigens die Ehre ausländischer Staatsoberhäupter schützt. Aber wir brauchen Schutz vor Künstlern, die unseren öffentlichen Raum als Kloake für ihre verbalen Absonderungen ansehen, die unsere geistige Umwelt verschmutzen und die mit schmieriger Lust Menschen und ihre Würde besudeln. Wir brauchen wieder mehr Gefühl für die Würde anderer – und für die eigene. Dazu gehört auch die Bereitschaft, sich politisch wie intellektuell solidarisch vor unsere Bundeskanzlerin zu stellen, wenn sie im Ausland (siehe Griechenland 2015) verunglimpft wird.

 Peter Maicher Zorneding

Sehr geehrter Herr Ogiermann, Sie liegen mit Ihrer Ansicht falsch wie viele andere Satiriker, die jetzt auf dem Zug aufspringen und sich grenzenlose Freiheit für ihre Äußerungen verschaffen wollen. Leider bin ich der Ansicht, mit Ausdrücken wie „Ziegen ficken“ – und das ist einer der milderen – sind die Grenzen der Satire weit überschreiten. 1988 wurde der Karikaturist Herr Hachfeld, da er in einer Zeichnung (konkret Ausgabe 7/80) Franz Josef Strauß als kopulierendes Schweinchen darstellte (wobei jeder halbwegs politisch Interessierte unschwer erkennen konnte, das es hier um die Einflussnahme auf die Justiz ging). Herr Lerchenberg, haben Sie vergessen, dass Sie wegen einiger verunglückter Passagen Ihrer Rede mit Schimpf und Schande von der Politik verjagt wurden? Wenn Sie Mut haben, vervielfältigen Sie das Schmähgedicht, bezeichnen es als Satire (ohne jede weitere Erklärung) und verteilen Sie dies – versehen mit Ihrer Unterschrift – an alle Haushalte in Ihrer Festspielstadt Wunsiedel und warten die Reaktionen ab. Herr Springer, ich habe bisher jede Ihrer Sendungen mit Freude verfolgt, ich werde mir dies künftig verkneifen. Nein, lieber Leserbriefschreiber Herr Hoyer, zur Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhaupts muss sich dieser nicht im Inland aufhalten oder gar anwesend sein. Einfach auch mal den § 200 lesen. Wenn oben genannte Ausdrücke als Satire erlaubt sind, waren die angeblichen Beleidigungen der Frau Kinseher auf dem Nockherberg Streicheleinheiten für die Herren Politiker. Ich stelle mir die diplomatischen Verwicklungen vor, wenn Herr Böhmermann ähnliches über Herrn Trump – dessen Gedankengut nicht weit von Herrn Erdogan liegt – verfasst hätte. Die Kanzlerin ist gut beraten, Herrn Erdogan auf die Gewaltenteilung in unserer Demokratie hinzuweisen und ansonsten die Justiz entscheiden zu lassen. Der Merkur muss sich auch fragen lassen, warum er das Schmähgedicht nicht vollständig veröffentlicht. Nicht jeder macht sich die Mühe, dies über Google zu suchen. Vielleicht ändern dann manche ihre Ansicht, das Satire grenzenlos sei.

 Walter Amann Aufkirchen

Ein humorloser Herr Erdogan bezeichnet kabarettistische Gedichte als schweres Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Einer, der überhaupt nicht weiß, was Menschlichkeit bedeutet. Einer, der die Geschichte Millionen ermordeter Armenier und Christen schlichtweg verleugnet. Einer, der die Kurden verfolgt und bekämpft, nur weil sie eine Gefahr für einen herrschsüchtigen Nimmersatt bedeuten. Einer, der zahlreiche Kritiker, darunter auch Kinder, hinter Gittern verschwinden lässt, nur weil die nicht nach seiner Pfeife tanzen. Einer, der nach Recherchen inzwischen angeklagter Journalisten den IS unterstützt(e). Einer, für den Frauen Geschöpfe zweiter Wahl sind. Einer, der aktuell die Schließung und Enteignung von christlichen Kirchen in der Türkei verfügt. Die Liste wäre noch weiterzuführen. Dieser Erdogan soll bei seinen Leisten bleiben und sich in erster Linie um sein Land kümmern! Unsere freiheitliche demokratische Grundordnung (FdGO), zu der vor allem auch die Meinungsfreiheit zählt, geht ihn einen feuchten Kehricht an. Skandalös allerdings, dass nicht umgehend ein Schuss von unserem Kanzleramt in Richtung Türkei rausging, der dies unmissverständlich klarstellt. Zumindest hat der Satiriker mit seiner Aktion einiges deutlich gemacht und das Marionettentheater in Berlin bzw. in Europa vorgeführt. Schon alleine dafür sollte das Volk ihm dankbar sein. Davon auszugehen, dass unsere FdGO (noch) Bestand hat, wird Herr Böhmermann somit keine Konsequenzen zu fürchten haben, oder?

Radler Gisela Freising

Böhmermanns markige Worte; Leserbriefe 13. April, Rudolf Ogiermann: Ein Witz; Kommentar, Kristina Dunz: Kunstfreiheit und Politik, Tatjana Kerschbaumer: Krawallkomiker und Spießbürger; Medien 12. April

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