Leserbriefe

Europa zwischen Russland und Amerika

Georg Anastasiadis: Ostsee-Pipeline: Es geht um Europa; Kommentar, Marcus Mäckler: Ärger um Putins Gas; Politik 15. Januar

Unverständlicherweise wird immer wieder behauptet, Russlands Möglichkeit, uns das Gas zuzudrehen, wäre bei der Pipeline durch die Ostsee größer, als wenn das Gas durch die Ukraine fließt. Wer soll das verstehen? Bei beiden Lösungen kommt das Gas aus Russland und in Russland kann jederzeit zugedreht werden, also dürfte da kein Unterschied sein. Sieht man das ganze als Wirtschaftsprojekt, ist Nord Stream 2 zu bevorzugen, weil für den Verbraucher Milliarden von Transitgebühren durch die Ukraine wegfallen. Transitgebühren werden immer auf den Verbraucher umgelegt. Warum sollte also Deutschland darauf bestehen, Transitgebühren durch die Ukraine bezahlen zu müssen?

Walter Herzog
Otterfing



Aus dem Kommentar schimmert die Illusion, es gäbe noch Unabhängigkeiten im heutigen Netzwerk der Globalisierung. Mangels eigener Ressourcen sind wir zwangsläufig auf fremde Energie-Lieferungen angewiesen. Bei wem wir Kunde sein wollen, wird allerdings zur ideologisch geprägten Entscheidung: Überteuertes Gas vom „guten Freund und Helfer“ aus Übersee oder preiswerteres vom suspekten „Schmuddelknaben“ aus der östlichen Nachbarschaft? Tja, wer aus dem deutschen Politik-Farbtopf kann sich bei dieser Frage allein oder im Verbund durchsetzen? Die Grünen als vermeintlich naive Blumen-Kinder, die sich in der Opferrolle gefallenden Roten, die Linken als gefühlte 5. Kolonne Putins oder voraussichtlich die Schwarzen als Besitzer der ultimativen Weisheit (mit dem winzigen Makel einer AKK, der die Merz’sche Ökonomie-Kompetenz leider nicht zu Eigen ist)? So ganz abschließend konnte oder wollte auch Herr Anastasiadis sein Gefangenen-Dilemma nicht lösen, und so bleibt vorerst wohl nur die eher märchenhafte Hoffnung, dass irgendwo in unserer Nähe ein Hotspot ähnliches Naturgebilde seine bislang verborgenen Energieschätze politisch neutral freigibt.

Gerd Liebchen
München


Hier muss ich widersprechen: Nein es geht nicht um Europa, es geht um die USA. Und: Natürlich sind wir Trumps Vasallen. Sein Botschafter und die fehlende Reaktion machen es überdeutlich. In altbekannter Attitüde versucht uns Herr Anastasiadis, Angst vor Russland einzujagen. Herr Mäckler assistiert mit Warnungen vor „Putins Gas“. Anscheinend hat der Deutsche noch nicht genügend Angst, um sich statt billigem russischen Gas, doppelt so teures amerikanisches Fracking Gas aufdrängen zu lassen, als Sicherheitsdividende, mehr Kosten, mehr Sicherheit. Das sollen wir glauben. Dass wir seit 40 Jahren mit Putins Gas ohne Ärger heizen, muss uns ausgeredet werden. Ärger gab es eher mit saudischem Öl, mehrere Kriege, die bis heute andauern, Flüchtlinge und zerstörte Länder. Ohne Northstream 2 wäre unsere Abhängigkeit von den USA perfekt, wer kann das wollen? Hat Putin schon einmal mit wirtschaftlicher Zerstörung gedroht? Wir haben gemeinsame Interessen mit Russland. Das nennt sich Politik. Abhängig geworden sind wir durch Öl, Saudi Arabien und Katar haben erhebliche Anteile an deutschen Firmen erworben. Und für die gepriesene digitale Revolution stört es unsere Elite nicht, dass kein einziger Computer mehr in Europa hergestellt wird. Da sind wir zu 100 von China und Indien abhängig. Das ängstigt mich mehr als russisches Gas. Was soll die Aufrüstung gegen Russland einem Land bringen, das so viele oberirdische Atommülllager hat, dass wenige konventionelle Bomben es unbewohnbar machen könnten? Die Propaganda für künstliche Intelligenz kaschiert nur schwach die mangelnde natürliche Intelligenz unserer Elite.

Dr. Wolfgang Doster

Erding

Die Besorgnis, Nord Stream 2 würde die Abhängigkeit Deutschlands von Gas aus Russland erhöhen, ist unlogisch. Zum Einen brauchen wir auch heute russisches Gas. Die Versorgung funktioniert störungsfrei auch bei politischen Konflikten. Bei Nord Stream 2 handelt es sich um eine zusätzliche Leitung: Eine Leitung mehr kann schon logisch die Abhängigkeit nicht vergrößern, sondern macht die Belieferung sicherer. Dass die Leitung über die Ukraine nicht sicher ist, haben wie bereits zu spüren bekommen. Nord Stream 2 liegt also im deutschen Interesse. Dessen Wahrnehmung ist nicht gerade eine Stärke unserer Regierung. Ist es vielleicht besser, den amerikanischen kommerziellen Wünschen den Vorrang zu geben, oder osteuropäischen Transitländern einen Platz am Gashahn einzuräumen? Die Abhängigkeit von Russland wird nicht kleiner, wenn die Leitung durch Polen läuft, es kommt nur eine weitere Abhängigkeit dazu.

Peter P. Solloch

Deining



Als Bundesbürger ist es beschämend zu lesen, dass wir uns von einem amerikanischen Botschafter vorschreiben lassen, was unsere Firmen zu tun und zu lassen haben. Ein Staat mit einem Deppen an der Spitze, der weniger als mein 10-jähriger Neffe an Allgemeinbildung in der Birne hat, möchte Deutschland Vorschriften machen? Was ich aber aus den Zeilen entnehmen kann mit Erfolg! Die deutsche Regierung kneift mal wieder ihre Arschbacken in ihrer Unfähigkeit zusammen. Wie so oft!

Das einzige Wahre ist bei der Ami-Anmache: Dass Deutschland mit Europa endlich unabhängig von der USA werden muss. Es führt, zu weit hier auszuführen, ob Europa bzw. Deutschland noch eine Verteidigungsarmee benötigt? Ich glaube nein! Oder glauben sie das ein Russe heute noch mit seiner Armee Europa überfallen könnte? Man muss die Bevölkerung politisch immer für dumm verkaufen, um dieses Märchen aufrecht zu erhalten.

Der Ami möchte seine zukünftigen Weisheiten für sich behalten. Die deutsche Regierung sollte den Diplomaten in die Schranken weisen und sein Chef sollte seine geistigen wirren Gedanken für sich behalten. Es ist für mich schlimm zu wissen, daß am Startknopf über Atomraketen jemand sitzt, der in der Birne nicht mehr ganz dicht ist! Eines ist für mich klar, diese Staatsregierung gehört mit CDU/CSU und SPD sowie auch FDP, die sich absolut nicht verjüngen wollen und an ihrem nur weiter so festhalten auf den Müll der Geschichte. Siehe Österreich, es geht auch anders! - Wir benötigten eine neue Partei, die anstatt viel daher zu reden gleich taten folgen ließe.

Peter Schlink

München

Erdgas ist zweifelsohne als Primär-Energie-Quelle und als Rohstoff wichtig für Europa. Schon seit Jahrzehnten bezieht Europa Erdgas aus Russland, der Anteil im deutschen Erdgasmix lag schon zu Zeiten des Kalten Krieges bei einem guten Drittel. Richtig ist auch, dass alle bisherigen Pipelineprojekte mehr oder weniger politisch waren. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren die Pipelines nicht nur ein Geschäft für Russland sondern auch über die sog. Transitgebühren ein Transportgeschäft für osteuropäische Länder, diese Transitgebühren dürften im Falle der Nord-Stream-Leitung entfallen. Die Bedarfsdeckung mit Erdgas ist schon immer ein kompliziertes Geschäft und nach dem Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie und aus der Kohle dürfte die Deckung des Primärenergiebedarfs noch etwas komplizierter geworden sein. Herr Trump möchte vor allem die neuen, auf Fracking basierenden US-Erdgasvorkommen vermarkten, er wittert einen Megadeal auch für die zum Transport notwendigen Schiffe. Das alles sind komplizierte wirtschaftliche und technische Überlegungen, deren sinnvolle Machbarkeit in den Sternen steht. Erdgaslieferverträge haben in der Regel Laufzeiten von mehreren Jahrzehnten, da gehen tagespolitisch bedingte Kraftmeiereien schlicht ins Leere.

Peter Schröder

Höhenkirchen-Siegertsbrunn

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mehr Lehrer
Georg Anastasiadis: Die nächste Lektion; Kommentar 19. Juli
Mehr Lehrer
Den Damen die Daumen drücken
Georg Anastasiadis: Merkels Manöver; Kommentar,Wirtschaft warnt von der Leyen; Titelseite, Politposse oder Sieg für die Frauen?; Leserforum 18. Juli
Den Damen die Daumen drücken
Von der Leyens Nachfolgerin
Georg Anastasiadis:Merkels Manöver;Kommentar,Werner Kolhoff und Mike Schier: Antreten für AKK; Politik, Politposse oderSieg für die Frauen?;Leserforum 18. Juli
Von der Leyens Nachfolgerin
Pflicht zur Rettung Schiffbrüchiger
Sebastian Horsch: „Merkel muss das zur Chefsache machen“, Interview mit Migrationsexperte Gerald Knaus; Marc Beyer: Der Kreislauf der libyschen Krise;Politik 12. und 10. …
Pflicht zur Rettung Schiffbrüchiger

Kommentare