Die Stimmung, die wir uns selber machen

„Ein großer Teil wird bleiben“; Politik 22. März

Selten war die Atmosphäre hierzulande dünner, selten war der Umgang rauer, selten war das Misstrauen untereinander größer, selten wurde der Terminus „Flüchtling“ sooft gebraucht und war doch Schimpfwort zugleich. Kurz: Noch nie sahen wir uns einer solchen Krise und einer solchen Problematik gestellt. Doch dies möchte ich jetzt vorweg sagen, nämlich, dass wir uns nicht darüber beklagen soll-ten, weil wir einiges in letzter Zeit und über Jahre hinweg selber provoziert haben. Die AfD läuft nicht nur den etablierten Parteien den Rang ab, sie ist sogar drittstärkste Partei im Land, die Hetzkommentare im Netz gegen Asylanten, Flüchtlinge, Fremde nehmen zu und Nachrichten über Anschläge überschatten gerade unser alltägliches Leben. Bei den Anschlägen von Brüssel und Paris im vergangenen Jahr war es die Schlagzeile über „die Gefährdung der Einigkeit Europas“, die die Runde machte. Doch genau das ist das erste Problem. Selten habe ich mehrmals gehört oder den Anschein gehabt, dass die Welt aus genau 26 Ländern besteht. Wir reden über 26 Länder. Dabei bietet unsere Welt so viel mehr. Wir machen aus der Krise ein europäisches Problem, dabei sollte es ein globales sein. Ein Mitglied einer großen Gemeinschaft hat Probleme, also hilft man. Und zwar ein Jeder, der helfen kann, will, muss. Ein jeder. Nicht nur ein kleiner Teil, der sich Sonderrechte heraus nimmt. Bei der frühzeitigen Feststellung und Hilfeleistung des Konflikts in Syrien, Libanon und Irak haben wir als Welt- und Gemeinschaftsverbund versagt. Das ist offensichtlich. Wir können nur noch unterstützen, aber nicht mehr helfen. Wir sehen uns mit dem Resultat eines Konflikts konfrontiert. Dafür konnte der hass und Streit in den Ländern zu tief wachsen. Einst waren wir stolz auf Freiheit und Rechte, die wir uns erkämpfen mussten und für die wir oft eintreten mussten. Und genau diese holen uns jetzt ein. Die Attentäter von Brüssel waren schon lange bekannt, wo sie sind wusste jeder und sie konnten sich frei bewegen, weil dies die höchsten Prinzipien Europas sind. Ich sage nicht, dass Europa ein Fehler ist. Es war nur zu voreilig, wenn man sich auf der Welt noch nicht mal 24 Stunden freiwillig irgendwie verträgt. Die Freiheiten von einst werden uns zum Verhängnis. Dies erklärt auch die AfD. Ist sie gefährlich? Gefährdet sie unsere Demokratie? Sicher. Wir machten sie aber möglich und daher müssen wir sie ernst nehmen, verstehen und anhören. Unsere Gesetzesbücher und unser Grundgesetz sehen die freie Meinungsäußerung und das gründen von Parteien vor. Dass diese Parteien auch noch einen Nährboden finden ist nur weiter unserem Verschulden zuzuschreiben. Wir versteifen uns darauf Europa zu retten, versuchen für die 26 Länder gleichzeitig zu denken, wobei wir erst jetzt feststellen, dass wir alle zu verschieden sind und unsere eigene Gesellschaft dabei vernachlässigen. Und die Angst, dass wir uns verlieren, teilen viele und wird von ein paar Parteien aufgegriffen. Es ist kein Wunder, nur eine Selbstverständlichkeit. Und wenn bisher kein Reden notwendig war, jetzt sollten wir daran denken. Doch auch das Reden wird mittlerweile schwierig, da wir gerade die rechtspopulistischen Thesen nur zu gut kennen und in Kommentaren und Posts lesen. Dies fällt auch in die Meinungsfreiheit, deshalb hilft hier auch kein Jammern. Und wir können und dürfen es auch unzensiert, darauf müssen wir stolz sein. Doch wie wir damit umgehen sollte hinterfragt werden. Die Verbreitung rechtspopulistischer Thesen geht weit über die sozialen Netzwerke hinaus. Die „Kommentar-Funktion“ macht dies auf jeder Seite, auf jeder journalistischen Seite, möglich. Dabei ist die Pressefreiheit ein weiteres Gut, das es zu erkämpfen galt. Die objektive Berichterstattung wird durch die Kommentare gestört. Und die Verbreitung ihres Gedankenguts bietet nur einen weiteren Nährboden, die wiederum Hass und Missmut in unserer Gesellschaft schürt. Wie Rawls sagte: Um die Freiheit aller zu gewährleisten, darf man eine andere Freiheit durchaus beschneiden. Lassen wir diese Leute ihre Meinung in den sozialen Netzwerken äußern und entscheiden dann selber, ob wir das lesen möchten. Aber geben wir der Presse und der Gesellschaft die Objektivität wieder. Lernen wir Zusammenhalt auf der großen Ebene, bevor wir es im Kleinen versuchen, helfen und unterstützen wir dort, wo wir können und machen es vor Ort und suchen wir Dialog und Absprache, be-vor wir diese Energie in das beklagen und hetzen stecken. Sind diese Vorschläge perfekt? Nein. Aber nur, weil der Mensch nicht perfekt ist. Doch wir können unsere Fehler erkennen, analysieren und unser Handeln anpassen, Das unterscheidet uns und definiert den Mensch und zeichnet seit jeher unsere Entwicklung aus.

 Norbert Pany München

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Konsequente Merkel
Ein Herz und eine Seele?; Politik 22. Mai
Konsequente Merkel

Kommentare