Im Herzen

Dirk Ippen: Auf unseren Friedhöfen; Kolumne Politik 17./18. Juni

Mit Interesse las ich Ihre in der Wochenendausgabe erschienenen Gedanken zum Thema Friedhof und durfte mit Freude feststellen, dass auch Sie ein Nordlicht sind. Quasi auch eine Nordseekrabbe wie ich. Im Juli letzten Jahres zog ich mit meiner bald offiziellen Ehefrau (Hochzeit im September) aus Cuxhaven nach München. In meiner neuen Heimatstadt fasste ich Fuß bei einem kleinen Blumen- und Friedhofsgärtnerbetrieb, wo ich mit meiner fünfzehnjährigen Erfahrung im Garten- und Landschaftsbau hilfreich zur Seite stehen kann. Meine Kolleginnen teilten mir mit, dass sich durchaus ein Trend abzeichne, der weniger Erdbestattungen beinhaltet und somit scheinen Sie mit Ihrer Beobachtung recht zu haben. Ich selbst sehe Grabanlagen nicht als für mich zum Gedenken meiner Ahnen notwendig an. Jetzt, da ich nach dreiundvierzig Jahren Leben in Deutschlands größtem Nordseeheilbad, endlich in die Nähe „meiner“ Berge gelangen durfte, ist die Grabstätte meiner Großeltern und meines viel zu früh verstorbenen Vaters achthundertundfünfzig Kilometer entfernt und somit zum Gedenken eher ungeeignet. Ich weiß, dass meine Vorfahren in meinem Herzen sind und ich kann mich sowohl in Freude als auch schwerer Stunde an sie wenden, ohne, dass ich einen materiellen Bezugspunkt benötige, wobei ich gerne einräume, dass sich meine Beziehung zu Friedhöfen im Allgemeinen und zum Grab meiner Familie im speziellen durchaus gewandelt hat, war es doch in jungen Jahren die Regel, den Friedhof und das Grab zu meiden, was sicherlich mit dem großen Schmerz durch den frühen Verlust aufgrund des plötzlichen Todes meines Vaters zusammenhängt. Ich war eine sehr lange Zeit nicht am Friedhof anzutreffen. Wenn man mit neunzehn Jahren innerhalb von dreihundertundzwanzig Tagen vier seiner geliebten Menschen durch Tod verliert, ist es sicherlich auch verständlich, sich von der Stätte der Tränen zu entfernen. Allerdings kann ich nun mit dem Abstand von Jahren und auch durch Veränderungen in mir selbst sagen, dass Friedhöfe etwas ruhiges, beinahe schon meditatives ausstrahlen, das man nicht unterschätzen sollte. Sie können einem Kraft und Halt geben. Im Zwiegespräch mit Verstorbenen und/oder Engeln, der Mutter Maria, Jesus Christus oder sogar Gott wohnt eine Kraft inne, die scheinbar aus der Ruhe des Ortes kommt, die einem nur bedingt ein Gotteshaus bieten kann, werden diese doch (gerade in München) oft nur zu touristischem Zwecke besucht, wodurch sich ein hoher Lärmpegel ergibt, der der Kontemplation entgegenwirkt. Ich denke schon, dass es immer Friedhöfe geben wird, auch, wenn ich Ihre Beobachtung der anscheinend geschichtsloser gewordenen Zeit durchaus teile, woraus sich für mich allerdings nicht zwingend die Folgerung einer Reduzierung der Gottesäcker ergibt. Für mich selbst kann ich derzeit sagen, soll es keine Erdbestattung geben, was aber daran liegt, dass mir der Gedanke, in einem Loch liegen zu müssen, anstatt frei in den Weltmeeren umherzuwandern, schier unerträglich ist. Leider ist es hierzulande verpönt, die Asche im Wind auszustreuen, sodass mir nur die Seebestattung bleiben wird, sollte nicht doch noch ein Umdenken stattfinden, bevor ich dem Irdischen Adieu sage. Wunderbar finde ich die Vorstellung, frei wie der Adler in großer Höhe über die Welt zu fliegen und somit wieder Eins werden zu können mit den Bergen, den Seen, den Wäldern und Auen; ein Teil seiner Selbst lässt sich vielleicht im Tautropfen auf einer Lupine in bergigen Höhen nieder, wohingegen andere Aschepartikel vom Wind weitergetragen werden und das reflektierende Glitzern der Sonnenstrahlen auf dem Gipfelkreuz erwärmt ebendiese, während sie ihre Reise fortsetzen und so wird das eigene gewesene Sein zur Unendlichkeit, eingebunden in den materiellen Kreislauf des Werdens und Vergehens. Nun ja, bis dahin soll schon noch eine gehörige Portion Wasser die Isar hinunterfließen. 

Richard Staffl München

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