Gehälter in der Altenpflege müssen angehoben werden

Sebastian Horsch: Dauerpatient Pflege; Politik 3. Januar

Es ist mehr als erstaunlich, dass ein derart interessanter und uns alle existenziell betreffender Artikel keinerlei Nachhall bei den Lesern auslöst. Sind wir Meister der Verdrängung oder sind wir des Themas Pflegenotstand müde, bevor es aktuell zu werden droht? Es gab das vollmundige Versprechen unserer Noch- und/oder Noch-nicht-Kanzlerin im Wahlkampf, das sie in einer Diskussion einem jungen Altenpfleger gab, dass die Gehälter in der Pflege spürbar erhöht würden. Aber es kann auch eine Bundeskanzlerin keine Flächentarifverträge für den Öffentlichen Dienst canceln und sie kann nicht allein die Gehälter in der Altenpflege erhöhen – so wünschenswert es wäre –, und es täte vielen Beschäftigten niedriger Tarifgruppen in anderen Diensten genauso gut. Also dies Wahlkampfversprechen musste von vornherein ein Wunschtraum bleiben. Im Artikel ist auch nicht davon die Rede, wie unglaublich viel Pflege durch Angehörige und hier vor allem von Ehefrauen, Schwestern, Töchtern und Schwiegertöchtern geleistet wird und wie sehr die staatlichen Kassen entlastet werden. Da können die 5,80 Euro oder 29,00 Euro pro Monat an Zusatzrente für mindestens 10 Stunden Pflege pro Woche bei Pflegegrad 1 bzw. Pflegegrad 5 nur ein bescheidener Anfang einer winzigen Würdigung sein. Es müssen überdies neue Wege erprobt werden von Seniorenwohngemeinschaften bis zu teilstationären Projekten oder Mitwohnprojekten in Fremdfamilien: Förderung der vorstationären Pflege muss das Motto lauten! Denn die Zahlen im Artikel, die professionellen Pflege betreffend, sind schwindelerregend: 270 000 stationäre Pflegeplätze bis 2030, und dafür werden 180 000 neue Stellen geschaffen werden müssen. Die Gehälter in der Altenpflege müssen um bis zu 30 % angehoben werden, damit das ausgebildete Personal bleibt, aber die Ausbildungszahlen schmelzen dahin. In der Tat kenne ich sozial engagierte junge Leute, welche die Ausbildung abbrechen oder nach wenigen Jahren aussteigen. Der Grund für das Scheitern von Engagement und hoher Motivationshaltung sind die bestehenden Strukturen. Unter anderem insbesondere das niedrige Ansehen und die gestörte Wahrnehmung das ganzen Problemkreises: So steht auch im Artikel, dass bei uns Hilfskräfte pflegen können und sollen, am besten billige ausländische oder Migranten, während in anderen Ländern Pflege ein Studienfach ist. Oder es wie in der Schweiz selbstverständlich zum Studium gehört, dass ein Medizinstudent während des Studiums einige Monate in einem Seniorenheim ein Praktikum ableistet. Davon sind wir weit entfernt. Mir drängt sich als sozialer Praktiker allmählich den Eindruck eines versteckten Vorwurfs auf: Unsere pflegbedürftigen Senioren werden genauso wie das Pflegepersonal nur noch als Kostenfaktor wahrgenommen, eine ungeheuer große und überdies versteckt Anklage, die damit umso tiefer greift. Vergessen wird, was die Einen für uns geleistet haben und einen Anspruch auf Würde im Alter haben und dass die Anderen unendlich viel für die einzelnen Senioren, die Allgemeinheit und unser Staatswesen leisten. Wir alle gehören zusammen im Miteinander, nur wenn ein schneller Bewusstseinswandel stattfindet, kann diese riesige Aufgabe gemeistert werden. 

Valentin Niedermeier Wörth

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