Günter Grass und Israel

Mit Günter Grass und Rolf Hochhuth versuchten zwei selbst ernannte Moralapostel auf sich aufmerksam zu machen: Ein Grass, der seine Waffen-SS-Mitgliedschaft verschwieg – bis er ertappt wurde.

Warum nutzte er nicht die vielen Jahre vorher, um seine Mitgliedschaft ehrlich zu bekennen? War sie ein Fehltritt, hätte ein aufrichtiges Bekenntnis wohl Verständnis gefunden. Meines Wissens fehlte es, so dass sich der Verdacht aufdrängt, sein SS-Beitritt entsprach doch seiner Gesinnung. Ein Hochhuth, der sich wegen Grass schämt, Deutscher zu sein. Warum schämte er sich nicht, als er seinen Wohnsitz in die steuergünstigere Schweiz verlegte? Dass er seinen – sicherlich lukrativen – „Stellvertreter“ nicht zurück- zog, obgleich Historiker längst das Gegenteil der in Hochhuths Stück behaupteten Thesen feststellten und jüdische Zeitzeugen auf die vielfältigen stillen Hilfen Pius’ XII. zu Gunsten von Juden hinwiesen? Auch als 2007 der ehemalige rumänische Geheimdienstgeneral und Insider Pacepa offenlegte, Hochhuth habe sich gefälschten Materials der sowjetischen KGB-Desinformationsabteilung bedient?

Max Baumgartner Kochel am See

Leserbriefe spielen in der Medienlandschaft eine wichtige Rolle. Man sollte sie nicht unterschätzen, aber auch nicht überschätzen. Wenn sie gelingen, sind sie wichtig für die öffentliche Meinungsbildung, wenn sie danebengehen, gehören sie in den Papierkorb. Das gilt auch dann, wenn der Schreiber Günter Grass heißt und behauptet, es handle sich um ein Gedicht. Das ist es nicht, wird es nicht und bleibt es nicht. Wenn er allerdings dieses Kunstwerk in Anführungszeichen, das über Moral auf Stammtisch-Niveau und bare Selbstverständlichkeiten nur schwer hinauskommt, mit Walther von der Vogelweide und Goethe auf eine Stufe stellt, dann bin ich selbst Alexander der Große und Bismarck in einer Person.

Germut Bielitz Grainau

Diejenigen, die Gift und Galle spucken gegen Günter Grass und sein Gedicht, sollten ihre Energie lieber darauf verwenden, die Vereinten Nationen so zu stärken, dass diese in der Lage sind, den Frieden in der Welt sicherer zu machen. Es läuft nach dem alten Muster ab: Wer keine Argumente hat, der greift die Person an. Im Bericht ist erwähnt, dass Günter Grass ein braunes Jackett und eine hellgrüne Cordhose getragen habe. Gibt es etwas Unwichtigeres? Es ist doch jedem klar, dass die Lage im Nahen und Mittleren Osten gefährlich ist und dass daraus ein Weltkrieg entstehen kann. Wichtiger als die Farbe und Beschaffenheit von Kleidungsstücken ist die Frage, wer verhindert, dass die Vereinten Nationen ein wirksames Instrument erhalten, strittige Grenzen verbindlich festzulegen und zu garantieren. Dann bräuchte niemand Atomwaffen und Kriege wären überflüssig. Es ist bedauerlich, dass Menschen, die sich um die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit sehr verdient gemacht haben, sich als unfähig erweisen, die Probleme der Gegenwart und Zukunft kraftvoll anzupacken. Die mächtigsten Staaten sind Mitglied der Vereinten Nationen. Warum geht nichts vorwärts? Solange jeder die Schuld auf den anderen schiebt, wird sich nichts ändern. Jammern und schimpfen hilft nicht. Alle Bürger müssen nach ihren Möglichkeiten Verantwortung übernehmen und aktiv werden.

Alfons Schwarzenböck Aschau am Inn

Mit Ihrem Kommentar zum Grass-Pamphlet haben Sie mir aus der Seele gesprochen, man kann jedes einzelne Wort unterstreichen. Die reinste Labsal beim Lesen, erfrischend frei heraus formuliert, goldrichtig und exakt dosiert, nicht zu viel, nicht zu wenig, einfach perfekt. Volltreffer!

Wolfgang Knauer Tutzing

Da sind sie nun alle versammelt, die friedensbewegten Gutmenschen, gutbürgerlichen „Die-Juden-sind-selbst-schuld“-Antisemiten, rechten „Antizionisten“ und „Bloß-ohne-uns“-Beschwichtigungspolitiker. Sie scharen sich um das Banner einer literarischen pseudomoralischen Ikone, um eine schlecht gedichtete Botschaft zu verteidigen, die besser mit „Was wir schon immer mal sagen wollten, uns aber nicht getraut haben“ überschrieben worden wäre. Was sie alle dabei vereint, ist eine haarsträubende Mischung aus Naivität und Bösartigkeit, die sich zudem durch eine souveräne Unkenntnis der strategischen Lage im Nahen Osten auszeichnet. Denn die iranischen Nuklearambitionen haben nur wenig mit Israel zu tun, sondern sind vor allem Ausdruck der Bemühungen eines sozial- und wirtschaftspolitisch gescheiterten Regimes, seine Existenz nach innen und außen abzusichern und eine regionale Dominanz aufzubauen, deren Programmatik die Theokraten nahtlos vom Schah-Regime übernommen haben. Da spielen weder die Atomwaffen Israels oder seine verfehlte Besatzungspolitik in Palästina noch das Schicksal des Libanon irgendeine relevante Rolle, außer bei Bedarf als propagandistisches Feigenblatt für machtpolitische Motive zu dienen. Und auf der anderen Seite steht Israel mit seiner Staatsräson, nie wieder die Möglichkeit einer existenziellen Bedrohung des jüdischen Volkes zuzulassen – eine Grundmotivation, die Deutsche aus naheliegenden Gründen zumindest nachvollziehen können sollten, auch wenn man vermuten darf, dass mittlerweile das Geheule nach einem „Schlussstrich“ an den Stammtischen immer lauter wird. Das israelische Nukleararsenal ist schon aufgrund der geostrategischen Lage des Landes tatsächlich strikt defensiv und kann nicht als Legitimation für eine iranische Atombombe dienen. Wer sollte die Existenz Israels im Zweifel verlässlich garantieren außer den Israelis selbst? Die Vereinten Nationen? Die USA? Die EU? Deutschland? Wenn man sich ansieht, was die internationale Gemeinschaft dem Iran bereits alles an Bonbons geboten hat, von Handelserleichterungen bis hin zu einer Rundumerneuerung der iranischen Infrastruktur einschließlich Flughäfen und Raffinerien, wird deutlich, dass es ein grundsätzliches Glaubwürdigkeitsproblem der iranischen Führung gibt, die eine Verhandlungslösung als wenig aussichtsreich erscheinen lässt. Die militärische Drohung vom Tisch zu nehmen, die aus israelischer Sicht auch unabhängig von der populistischen Betonkopf-Politik Benjamin Netanjahus logischerweise irgendwann wohl kommen muss, heißt nichts anderes, als die iranische Atombombe zu akzeptieren – und mit ihr einen nuklearen Rüstungswettlauf im Nahen Osten, wo zumindest Saudi-Arabien und Ägypten, vielleicht sogar die Türkei, einem nuklear bewaffneten Iran nicht untätig gegenüberstehen wollen. Ein bilaterales Abschreckungssystem zwischen Israel und dem Iran wäre angesichts der geostrategischen Ungleichgewichte, der innenpolitischen Spannungen sowie der ideologischen Differenzen langfristig kaum möglich und die Folgewirkungen auf andere Staaten der Region extrem gefährlich. Das zentrale Problem eines Militärschlages gegen das iranische Atomprogramm ist deshalb, dass er nicht schon längst stattgefunden hat – und zwar deshalb, weil Israel seit Jahren auch auf die Weltmeinung Rücksicht genommen hat. Si tacuisses, Herr Grass!

Prof. Dr. Ralph Rotte Neuried

Ein Einreiseverbot in Israel für einen ehemaligen SS-Mann? Verständlich. Denn: Kann er neutral für den Frieden werben? Wir haben den Juden zu viel Leid und Unrecht angetan. Man sieht es ja an der „Friedensbewegung“, die sich so stark hinter Grass stellt. Sie beanstandet Sanktionen gegen den Iran, hat aber keine Antwort darauf, welche friedlichen Mittel gegen ein Land, das Israel vernichten will, angemessen sind. Im Gegenteil, sie sieht in jenen nur Kriegstreiberei. Sie unternimmt auch nichts gegen Verfolgung von Christen, von denen im Nachbarartikel der Zeitung berichtet wird. Christus ist eben der einzige glaubwürdige Friedensfürst.

Helmut Kissel Pastor i. R., Bad Tölz

Günter Grass hat sich krass zu einem Thema geäußert, bei dem man sich zumindest als Deutscher nur eine blutige Nase holen kann. Was bewog einen Literaturnobelpreisträger, ein solches Risiko einzugehen? Vielleicht ein letztes deutliches Lebenszeichen angesichts eines biologisch nahen Todes mit der Absicht, der Nachwelt die Ausrede zu erschweren, man habe von nichts gewusst und schon gar nicht etwas ahnen wollen. Wäre es so, hätten seine Thesen einen Sinn und müssten all jene beschämen, die ihm jetzt metaphorisch entgegen- schmettern: „Hättest Du geschwiegen, wärst Du ein Dichter geblieben!“

Gerd Liebchen München

„Einreiseverbot für Grass“; Politik, „Umstrittenes Gedicht“; Leserbriefe 10. April, Michael Schleicher: „Eitel, peinlich, unbedarft“; Kommentar 7./8./9. April

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