Leserbriefe 

Zur Situation der Gymnasien

Dirk Walter: Pfeilerim Meer des Mittelmaßes; Kommentar 2. Juli

Mit einem vorläufigen Eckpunkte-Papier informierte die Gymnasialabteilung und Kultusminister Michael Piazolo (FW) am 1. Juli 2020 die Schulleiter von Gymnasien, Abendgymnasien und Kollegs in Bayern als Zwischenstand von Beratungen einer Arbeitsgruppe seit 2019.

Dirk Walter hebt hervor, dass alle mit dem künftigen G 9-Abitur zufrieden seien. Bei so viel Vorschusslorbeeren lohnt sich ein differenzierter Blick auf den erreichten Kompromiss, der dem Grundsatz der KMK folgt, weniger zu regulieren, sondern mehr zu ermöglichen. Dabei muss offenbleiben, wie sich die Methodik mit dem KMK-Anspruch auf ein annähernd vergleichbares inhaltliches Abiturniveau in 16 Bundesländern verträgt: Welche Qualitätskriterien treten folglich an die Stelle des Vorrangs von Bildungsinhalten?

Aufschlussreich ist deshalb das am 2. Juli aktualisierte Rundschreiben, in dem der Berufsverband der Gymnasiallehrer zu den Eckpunkten wohlwollend Stellung bezieht, wobei offenbleibt, wer diesen Verband in der KM-Arbeitsgruppe fachlich vertreten hat. Konkret fragt sich ein Hüter einer grundständigen gymnasialen Bildung nach der Umsetzung in den nun anstehenden Lehrplangruppen, die auch über künftige Schulbücher befinden sollen. Auffallen muss jemand, der noch weiß, wie gymnasiales Niveau (Bundesebene) definiert ist, dass in den Eckpunkten keine Differenzierung des Anforderungsniveaus (Leistungsfach/ Grundfach/Kernkompetenzfach) erwähnt wird, während wiederholt von Möglichkeiten der Wahl mit und ohne Substitution eines Faches die Rede ist. Ferner fällt auf, dass eine Fachbereichserweiterung vorgenommen wird: Geschichte, Politik, Gesellschaft (neu), Wirtschaft und Recht, Geografie, Religion/Ethik oder dass jedes Fach auf erhöhtem Niveau Teil der Abiturprüfung sein könne, obwohl einzelne Kernfächer wie Latein oder Französisch gar nicht erwähnt werden.

Willi Eisele

OStD i.R., Wolfratshausen

Sachsen und Bremen haben bei der Bewertung des heurigen Mathematikabiturs die Ergebnisse geliftet, Bayern hatte sich letztes Jahr aus guten Gründen dagegen entschieden. Mathematik scheint also ein großes Problem zu sein, sodass Interessierte sich dafür einsetzen, Mathematik als Abiturfach vermeiden zu können. Dies soll nun ab 2026 in Bayern möglich werden, wenn man dafür in zwei Naturwissenschaften das Abitur ablegt. Schülervertreter, Landes-Elternvereinigung der Gymnasien in Bayern, Direktorenvereinigung und Philologenverband bilden die gymnasiale Schulfamilie. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband kritisiert von außen. Staatsminister Piazolo hat den mit dem Kultusministerium erarbeiteten Kompromiss vorgestellt. Der ist verbesserungsbedürftig. Das Hauptproblem liegt im Angebot an Leistungsfächern. In einem Workshop des Arbeitskreises Bildung der Freien Wähler (FW) hat man die Vielfalt der Möglichkeiten in der Abiturprüfung erfreut gesehen, auch dass man Mathematik ersetzen kann. Warum auch nicht. Aber warum müssen alle Schüler in Deutsch und Mathematik die gleichen Abituraufgaben wählen – ob vertieft oder nicht?

Aus Angst vor einer Rolle rückwärts zum ehemaligen G9 mit zwei echten Leistungsfächern hat man leider nur ein einziges echtes Leistungsfach kreiert und bei Deutsch und Mathematik lediglich Vertiefungen gestattet. Als ehemaliger Lehrer für Mathematik und Physik kenne ich die Vorzüge der damals sogar sechsstündigen Leistungskurse. Und deshalb muss statt einer Vertiefung die Schülerschaft in Deutsch und Mathematik getrennt werden – man muss eines der beiden Fächer als echtes Leistungsfach wählen dürfen. Insbesondere in Mathematik sind die Leistungsunterschiede der Schüler zu groß – die einen sind unterfordert, die anderen scheinen Intensivierungsstunden zu bekommen. Es ist zwingend erforderlich, Mathematik und Deutsch als echte Leistungsfächer zu ermöglichen.

Walter Bertl

Gymnasiallehrer i. R.

Fürstenfeldbruck

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Vergleichbare Ergebnisse?
Georg Anastasiadis: Souverän(er) durch die Pandemie; Kommentar 8./9. August
Vergleichbare Ergebnisse?
Gott bewahre!
Walter-Borjans: „SPDsteuert auf Rot-Rot-Grün zu“; Politik 10. August
Gott bewahre!

Kommentare