Mehr als bloße Berichterstatter

Georg Anastasiadis: Bedrängte Wächter; Kommentar 27. April

„Die Demokratie stirbt in der Dunkelheit“, so der neue Slogan der Washington Post. Wie wahr. Diktatoren und Autokraten schalten, wie in der Nazi-Zeit, die Medien gleich. Wer kritisch über politische und persönliche Machenschaften dieser Menschen berichtet, lebt in allergrößter Gefahr: Im Jahr 2016 wurden weltweit nach Angaben der Organisation Reporter ohne Grenzen mindestens 74 Journalisten getötet und 348 inhaftiert. Trump und seine Berater beispielsweise haben schnell begriffen, dass ihr medialer Populismus und ihre massenhaft verbreiteten Lügengeschichten via Twitter und per Pressebriefing, bei dem kritische Medien ausgesperrt werden, Wutbürger schafft. Er und alle anderen, die die Presse- und Informationsfreiheit verhindern wollen, möchten nicht, dass Medien die Bedrohung der gesellschaftlichen Grundwerte, die Würde des Menschen, die Wahrung der Menschenrechte, Freiheit, Gerechtigkeit u.v.a.m., thematisieren. Sie möchten den investigativen Journalismus, der nicht nur für Demokratien unentbehrlich ist, verhindern. Warum? Weil sie nicht wollen, dass auch nur ein Bruchteil der Wahrheit über ihr Tun und Lassen und ihre Absichten veröffentlicht wird. Sie beabsichtigen, zielgerichtet die Glaubwürdigkeit der unabhängigen Medien zu denunzieren, um das gemeine Wahlvolk am Denken zu hindern: Lügenpresse ist das wiederkehrende Schlagwort, die Kurzformel, die dem „primitiven Vereinfachungsbedürfnis der Bürger dient“. Schon Hitler wusste dies und hat in seiner Hetzschrift „Mein Kampf“ ausgeführt: …“die Aufnahmefähigkeit der großen Masse ist nur sehr beschränkt, das Verständnis klein … aus diesen Tatsachen heraus hat sich jede wirkungsvolle Propaganda auf nur sehr wenige Punkte zu beschränken und diese schlagwortartig solange zu verwerten, bis auch bestimmt der letzte unter einem solchen Worte das Gewollte sich vorzustellen vermag.“ Im Grunde ist ein solches Denken und Handeln Ausdruck für die Verachtung der Menschen, die man für seine politischen Vorhaben als Wahlvolk benötigt. Verwunderlich ist, dass selbst vermeintlich intelligente Menschen diese Manipulation ihrer Person nicht erkennen. Es ist für Demokratien überlebenswichtig, dass unabhängige Medien gerade in dieser Hoch-Zeit des Populismus, der gewissenlosen Hetze und Hetzer, des offenen und verdeckten Rechtsradikalismus und der Bedrohung unserer Werte mehr sind, als bloße Berichterstatter: Nämlich Sinnesorgane der Gesellschaft, die aufklären, warnen und zum Nachdenken anregen.

 Herbert Hartmann Oberhaching

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