An ausländische Konzerne verscherbelt

Dirk Ippen: Linde AG + Praxair – ein Lehrstück deutscher Mitbestimmung; Samstagskolumne Politik 29./30. April/1. Mai

Über Ihre Samstagskolumne bin ich genauso entsetzt wie über das verantwortungslose Verhalten des von mir bisher sehr geschätzten Herrn Reitzle. Als unabhängiger Betriebsrat habe ich immer die Gewerkschaften kritisiert, die mit ihrem undifferenzierten Beharren auf Rechten und überholten „Besitzständen“ die Unternehmen zu solchen Ausweichmanövern treiben. In diesem Fall muss ich ihnen aber, wenn auch zum Teil aus anderen Beweggründen, recht geben. Die für Sie offensichtlich ausreichende „feste Überzeugung“ der Vorstände und Aufsichtsräte rührt vor allem daher, dass sie keine klassischen Unternehmer mit Verantwortung für die Zukunft ihrer Nachfahren, ihrer Belegschaft und ihres Landes sind, sondern Angestellte, die für sich persönlich in ihrer relativ kurzen Amtszeit möglichst viel herausschlagen wollen, nach dem Motto: „Nach mir die Sintflut“. Bleibt zu hoffen, dass diese dann auch Ihren Alterssitz auf den Bahamas überschwemmt. Aufgrund meiner Tätigkeit in einer anderen Konzernzentrale kenne ich genügend Beispiele, was passiert, wenn eine Perle der deutschen Industrie – die Grundlage unseres Wohlstands – an ausländische Konzerne verscherbelt wird. Diese sehen die deutschen Betriebe und deren Mitarbeiter nur noch als Manövriermasse, aus denen man nach Belieben mit immer niedrigeren Löhnen immer mehr Leistung herauspresst. Nach ein paar Jahren, wenn die von Ihnen erwähnten Standort- und Beschäftigungsgarantien ausgelaufen sind, werden sie dann zugunsten von Ländern mit billigeren Arbeitskräften oder einer lascheren Gesetzgebung (soziale, Umwelt-, Qualitäts- und Sicherheitsstandards) fallengelassen, wenn sich die deutschen Arbeitnehmer nicht auf das niedrigere internationale Niveau drücken lassen. So verschenken wir leichtfertig die für unsere Zukunft unentbehrliche Verfügungsgewalt über unser Know-how und unsere Arbeitsplätze. Nicht nur die Beispiele Mannesmann oder Höchst, von denen ich eine Reihe persönlicher Schicksale kennengelernt habe, sprechen für diese Einschätzung. 

Herbert Uhl Baldham

Mit Interesse und auch meist mit Zustimmung lese ich regelmäßig Ihre Samstagskolumne, so auch dieses Wochenende. Zu der angestrebten Fusion von Linde mit Praxair möchte ich meine abweichende Meinung und die Argumente dazu ausnahmsweise schriftlich äußern.  Nachdem damit zu rechnen ist, dass Praxair, zwar umsatzmäßig kleiner aber ertragsmäßig erfolgreicher, über kurz oder lang die Führung übernehmen wird (der amerikanische CEO ist ja schon als Vorstandsvorsitzender der neuen Gesellschaft designiert), fehlt mir der Patriotismus, den Sie sonst durchaus haben. Diese Holding wird ihren Sitz auch nicht nur deshalb in Irland, England oder den Niederlanden haben, weil es sich um einen neutralen Standort handelt, sondern vermutlich, weil damit eine Steuerersparnis zulasten Deutschlands erzielt werden kann. Die Garantie für die Arbeitsplätze gilt nur bis Ende 2021. Auch wenn anschließend für die langjährigen Mitarbeiter finanziell etwas getan wird, der Verlust des Arbeitsplatzes kann selten aufgewogen werden. Haben die derzeit Studierenden bei Linde noch eine Chance? Möglicherweise verschwindet auch wieder ein Urgestein unter den Aktiengesellschaften aus dem Dax (MAN findet man auf dem Kurszettel nur noch unter den bayerischen Werten, nachdem es von VW geschluckt wurde). Tradition spielt bei Linde schon seit der Zeit keine große Rolle mehr, als Herr Reitzle mit der Kältetechnik die Urzelle von Linde verkauft hat, weil sie nicht die von anderen Geschäftssparten gewohnte hohe Rendite gebracht hat. Ihr Erfinder und Firmengründer Carl von Linde wird sich im Grab umgedreht haben. Die Produktion von Gabelstaplern wurde verkauft, weil Diversifikation strategisch unmodern wurde. Ist das Zusammengehen mit einem amerikanischen Unternehmen unter dem neuen unberechenbaren Präsidenten derzeit überhaupt erstrebenswert? Muss man unbedingt der Größte und Profitabelste am Weltmarkt sein und dafür seine Eigenständigkeit aufgeben? Genügt nicht ein organisches Wachstum, wenn man exzellente Produkte und Mitarbeiter hat, sowie hin und wieder der Zukauf eines kleineren ausländischen Unternehmens? Ist es eine Katastrophe, wenn jetzt wieder der Konkurrent Air Liquid die Nase vorn hat? Frankreich gehört auch zur Europäischen Union, zu der sich aus guten Gründen immer noch die meisten bekennen. Die ursprünglichen Betreiber der Fusion sind wahrscheinlich nicht einmal die Aufsichtsratsmitglieder mit ihrem Vorsitzenden selber, sondern sie werden getrieben von Großaktionären wie Investmentgesellschaften oder gar Hedgefonds, die einen schnellen Kursgewinn erzielen wollen und sich dann wieder verabschieden, bevor ein Flurschaden offenbar wird. Praxair-Aktionäre müssen in einer außerordentlichen Hauptversammlung zustimmen, bei Linde heißt es im Aktionärsbrief dagegen nur: „Wir gehen davon aus, dass der geplante Zusammenschluss nur dann umgesetzt wird, wenn eine qualifizierte Mehrheit von voraussichtlich 75 % aller Linde-Aktionäre hinter der Transaktion stehen und das Umtauschangebot (in Aktien der neuen Holding) annehmen“. Aber vielleicht finden sich in der bevorstehenden Hauptversammlung Kleinaktionäre, die ihren Unmut über diese Behandlung äußern und vielleicht sogar Rechtsmittel einlegen. Die Verwaltung will ja gnädigerweise immerhin informieren und Fragen zulassen.

 Gerhard Haider München

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