Mindestlohn – ja oder nein?

Mindestlohn, das ist nicht so einfach, wie es aussieht.

Hier ein gut gemeinter Beitrag zu Ihren Überlegungen. - Soll Johanna weiter für einen Lohn arbeiten, mit dem sie nicht leben kann, auch nicht im Wald? Johanna will nicht nur für Freude arbeiten? Sollen Sie und ich, die Steuerzahler, weiter die Differenz zu einem auskömmlichen Lohn über das Sozialamt bezahlen? Können wir nicht etwas mehr für Johannas Produkte bezahlen und Johanna das Sozialamt ersparen? Konkurrenz wird es auch beim Mindestlohn geben und Billiganbieter auch. Konkurrenz und Leistungsfähigkeit hängen nicht allein vom Lohn ab. Die Freie Wirtschaft hat es nicht geschafft, Arbeit menschenwürdig zu bezahlen. Unternehmensberichte zeigen, dass Arbeit geringer bezahlt wird, als was sie wert ist. Neben Ihrer Kolumne heißt es in Ihrer/unserer Zeitung: Armut wächst. Und warum? Was kann man besser machen? Wo sind konkrete Vorschläge, nicht allgemeine Ratschläge?

Hans Hermann Reiters Direktor a.D. Industrie, Riemerling

Zum Thema Mindestlohn wurden schon viele Meinungen geäußert und Schlachten geschlagen, aber niemand konnte bisher eine zufriedenstellende Lösung anbieten. Ausbaden müssen diese Situation die Arbeitsnehmer mit dem geringsten Einkommen. Es muss doch normal sein, dass man mit einer Vollzeittätigkeit ein menschenwürdiges Leben führen kann, auch mit einer Familie und später eine auskömmliche Rente hat. Ich begann meine Berufstätigkeit Mitte der 50er Jahre in der metallverarbeitenden Industrie. Die meisten Betriebe wurden seinerzeit inhabergeführt. Die Besitzer kannten in vielen Fällen noch ihre Mitarbeiter persönlich. Sie waren ihrem Unternehmen eng verbunden und hatten eine große soziale Kompetenz. Auch bei den Großunternehmen wie Siemens wurde das Geben und Nehmen gelebt. Leider wurde die soziale Marktwirtschaft seit den 90er Jahren Schritt für Schritt aufgekündigt bis hin zu unserer heutigen Ich-Gesellschaft und dem herrschenden Raubtierkapitalismus. Trotz anderslautender Beteuerungen haben sich nicht nur die Manager (von Unternehmern will ich nicht sprechen) sondern auch die Politiker von einer ganzen Bevölkerungsschicht verabschiedet. Herrn Ippen möchte ich bitten, sich in seinem Ort dafür zu verwenden, dass seine Mitbürger mehr in dem Dorfladen einkaufen, damit nicht nur Johanna einen vollwertigen Lohn erhalten kann, sondern auch die lobenswerten Betreiber.

Manfred Husmann Geretsried

Das am Wochenende zur Verfügung stehende Mehr an Lesezeit nutze ich gerne, um mir die durch die in der Woche betriebene reguläre SZ- oder FAZ-Lektüre festgesetzte Gedanken-Welt gerne auch mal rechts-konservativ durcheinanderwirbeln zu lassen. (Das Verlockendste ist jedoch, wenn ich aufrichtig bin, Ihr Journal-Teil. An der Einbindung und Aufmachung der Gedichte könnten sich andere Zeitungen wirklich mal ein Beispiel nehmen!) Könnte ja sein, dass ich neue Sichtweisen hinzugewinne, die mir so noch nicht erzählt wurden. Ihr Kommentar zum Mindestlohn aber hat mich doch gewaltig enttäuscht.

Dabei ist dazu jetzt wirklich alles gesagt und geschrieben worden. Das letzte Aufbäumen der Gegner und das aktuelle, oftmals panisch-hektische nochmalige Aufwirbeln des Themas in den TV-Talkshows bedeutet sicher nur, dass der Mindest-Lohn - und zwar der zu 8,50 Euro - jetzt endlich kommt. Für alle und überall in Deutschland - und das ist gut so! Gegen die Pille, den Sicherheitsgurt und bei vielen anderen, weitaus wichtigeren Themen hatten wir ziemlich ähnliche Diskussionen. Grundsätzlich will der Mensch eben keine Veränderung – und vor allem der Deutsche nicht. Leider konnten auch Sie in Ihrem Kommentar keine neuen Argumente dagegen beschreiben. Und mal ganz ehrlich: Johanna ist nun wirklich gar kein Argument!

Dabei sollten Zeitungen und Journalisten – und vielleicht ganz besonders auch Verleger – nach dem Grund für gewisse Entwicklungen fragen und uns Lesern Hintergründe liefern. Da wären Antworten auf viele Fragen meinerseits sehr ersehnt:

Wie konnte es überhaupt soweit kommen, dass die Mehrheit jetzt doch für den Mindestlohn ist (sogar viele Arbeitgeber)? Warum gab es bei den jahrelang eben nicht oder auch bereits reglementierten Lohnmodellen so viel Missbrauch, gerade in den letzten Jahren? Warum wurde eigentlich bei den dann doch schon geregelten Abkommen so geringfügig kontrolliert? Und warum diskutieren wir nicht doch heftiger über das bedingungslose Grundeinkommen, wenn wir Arbeiter, die von ihrem Lohn nicht leben können, sowieso gesamtgesellschaftlich aufstocken? Warum leistet sich ein Land, das sich christlich nennt und gewissermaßen doch gerade jetzt seine Stärke anderen Weltreligionen gegenüber überzeugender darlegen sollte, so viel Beschäftigung, von der Menschen nicht würdig leben können? Warum gibt es in einem solchen Land eine immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich? Und warum fallen die Lohnsprünge oben stets so viel deutlicher aus als unten? Und warum überhaupt werden Banker immer noch so viel besser bezahlt als die doch dringend gesuchten Erzieherinnen und Pflegerinnen (wenn denn Ihr so gepriesenes Marktmodell funktioniert)? Und warum überhaupt musste das Dorfgasthaus schließen, befindet sich der moderne Einzelhandel auf der grünen Wiese und nicht mehr in der Stadt? Warum kann er sich dort riesige Flächen leisten und ganze Innenstädte veröden?

So viele Fragen und keine Antworten! Auch weil leider die Presse den Verantwortlichen eben nie diese Fragen stellt. Vielmehr immer öfter einfach nur die bereits vorgefertigten Presserklärungen weiterreicht. Ich hätte aber schon gerne, dass die, die viel Geld für ihre Arbeit bekommen, diese auch im Ergebnis überzeugender abliefern als ich es derzeit so mitbekomme. Und Ihre Wochenend-Ausgabe ist wirklich randvoll mit Themen, die genau das Gegenteil belegen. Wer zum Beispiel IT-Wirtschaft abwandern oder absterben lässt, darf sich doch am Ende nicht wundern, wenn er diese auch nicht mehr beherrscht oder von anderen dabei vorgeführt wird. Du meine Güte, wir hatten den weltgrößten Standort der Telekommunikationswelt doch mal in München. Weg! Und jetzt wird sich darüber gewundert, wenn die Kanzlerin von anderen abgehört wird! Noch schlimmer ist ja nur, dass wir das vor Snowden noch nicht einmal so richtig gewusst haben.

Es gibt keine Argumente gegen den Mindestlohn, eben auch nicht in den Gesellschaften, die ihn längst eingeführt haben. Und in der Wissenschaft finden sich, wie immer, Unterstützer und Ablehner. Also können wir den Versuch damit auch in Deutschland starten. Vielleicht sollten wir nur endlich dazu übergehen, jedes neue Gesetz auch mit einer Verfalls- oder zumindest Überarbeitungsfrist zu versehen. Meinetwegen 5 Jahre. Danach muss stets neu bestätigt werden!

Ihnen aber sei noch die Lektüre von „Landkarte des Glücks“ empfohlen, wo sich Eric Weiner aufmacht, in verschiedenen Ländern der Welt nach den zufriedensten Menschen zu suchen und vielleicht auch nach unterschiedlichen Glückskonzepten. Am Ende des Kapitels über den Aufenthalt in Moldawien heißt es dort: „Lektion Nummer eins: ‘Nicht mein Problem’ ist keine Philosophie, sondern eine psychische Erkrankung. Ähnlich wie Pessimismus. Die Probleme anderer sind unsere Probleme. (...) Mit anderen Worten: Es ist besser, ein kleiner Fisch in einem sauberen Teich zu sein, als ein großer Fisch in einem verschmutzten See.“ Und dieses Bild gefällt mir als Christ ganz besonders. Wenn sich alle darauf besännen gäbe es auch die leidige Diskussion um den Mindestlohn nicht.

Torsten Zink München

Ich staune, dass ausgerechnet ein Mittelständler wie Sie sich gegen den Mindestlohn ausspricht, denn gerade solche Unternehmer haben in der Regel nicht nur einen sehr engen Kontakt zu ihren Mitarbeitern, wissen deren Leistung zu schätzen und speisen sie nicht mit Almosen ab! Ganz im Gegenteil zu den gierigen Großkonzernen, die sich aller Mittel bedienen, um die Lohnkosten - also die Einkünfte aus Arbeit - zu minimieren und wenn es sein muss, mit Hilfe sogenannter Leiharbeiter; denn Hauptsache der Shareholder Value entwickelt sich ständig nach oben – koste es was es wolle! Dass Sie ausgerechnet die Krämerläden als Beispiel dafür nehmen, dass Mindestlöhne Hunderttausende aus dem Arbeitsleben herausdrängen, ist schon sehr bemerkenswert. Die sogenannten Tante-Emmal-Läden sind in allererster Linie Opfer der Billigketten wie ALDI, LIDL, KICK etc. geworden, dadurch wurden nicht nur Hunderttausende Arbeitsplätze vernichtet, sondern sie zahlen den Arbeitnehmern meistens nur „Hungerlöhne“. Deshalb ist es sehr erfreulich, dass immer mehr Gemeinden in Deutschland versuchen, diesen Entwicklungen ein Ende zu setzen, indem sie diesen Ketten mit ihren überwiegend hässlichen „Flachmännern“ keine Baugenehmigungen mehr erteilen. Außerdem sollte nicht unberücksichtigt bleiben, dass in diesem Zusammenhang unser Wirtschaftssystem eine mitentscheidende - wenn nicht sogar die alles entscheidende - Rolle spielt, denn bekanntlich teilt sich die Arbeit und das Kapital die Einkünfte der jährlichen gesamtwirtschaftlichen Leistung. Da jedoch aufgrund eines „Konstruktionsfehlers“ im bestehenden Geldsystem die Ansprüche des Kapitals, bedingt durch den ständigen positiven Zinseszinseffekt und zwar leistungslos, immer größer werden, müssen die Einkünfte aus Arbeit zurückgefahren werden, weil inzwischen das Wachstum des BSP dies inzwischen nicht mehr ausgleichen kann. Dies hat weiterhin zwangsläufig zu Folge, dass die Superreichen immer reicher und die Armen immer zahlreicher werden, wie dies auch der Kurzbeitrag „Armut wächst - Alleinerziehende stark betroffen“ direkt neben Ihrer Samstagskolumne bestätigt!

Axel C. Baumgart Rottach-Egern

Dirk Ippen: „8,50 Euro Mindestlohn – aber Johanna muss gehen“; Kolumne Politik 26./27. Oktober

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