Nicht im Bilde

„Wulff geht in die Offensive“; Politik 23. Januar

Es gibt genügend Gegner der deutschen Regierungspolitik und damit der Kanzlerin, Gegner im In- und Ausland, in Politik und Presse. Deren Interesse ist es, diese Politik zu verhindern, zumindest zu schwächen. Am wirksamsten könnte dies gelingen, wenn an einer Schlüsselstelle mit Hebelwirkung angesetzt wird. Eingriff ins Netzwerk bei W mit der Fernwirkung bei M. So zumindest könnte der Ansatz gewesen sein. Wenn „Bild“ den Bundespräsidenten wissen lässt, dass sie während seiner gleichzeitigen mehrtägigen Abwesenheit im Ausland eine olle Karamelle aus seiner hannoverschen Zeit bereits am nächsten Tag zum Thema machen will, dann stellen sich Fragen: Warum zu diesem Zeitpunkt der Abwesenheit? Selbst in der Politik wird dann bis zur Rückkunft gewartet. Warum so hastig von heute auf morgen bei einem bekannten Streitfall? Warum ein Schnellschuss, der heute wegen seiner laufenden Nachträge den Eindruck oberflächlicher Recherche erweckt? Wollte „Bild“ Druck auf den Bundespräsidenten erzeugen, war der Zeitpunkt gut gewählt? Seine Intervention war wahrscheinlich, ja vorauszusehen. Jeder hätte sich unfair behandelt gefühlt. Unklar ist, ob der Betroffene dies als Krieg empfindet oder mit Krieg drohte. Warum also der ganze Presserummel? Klar ist, dass die Regierung bei dem Wellengang in der Europapolitik innenpolitisch leichter angreifbar ist. Gleichzeitig liegt der Koalitionspartner FDP nach Befragungsergebnissen mit zwei Prozenten flach am Boden. Die CSU kocht eigene Süppchen. Eine Schwächung des Bundespräsidenten käme seiner politischen Herkunft wegen einer Schwächung der Regierung gleich. Sein Rücktritt könnte das Ende der Regierung Merkel sein. Will eine Berichterstattung fundiert, solide, fair und ausgewogen daherkommen, muss sie bedacht vorgehen. Es mag für „Bild“ ein Erfolg sein, wenn sie Meinungsführerschaft beweist. Aber angeführt von „Bild“ muss nicht identisch mit im Bilde sein. Es wird einfach zu schnell geglaubt und zu wenig bezweifelt. Es mangelt an kritischem Denken bei Schreibern und Lesern. Ohne die schmerzlichen Erfahrungen beim und durch den Rücktritt des Bundespräsidenten Köhler wäre sein Nachfolger, Herr Wulff, länger weg vom „bellevue“. Immerhin 50 Prozent der befragten Bürger wollen auch deshalb keinen neuen Bundespräsident. Das hatte sich „Bild“ wohl anders vorgestellt.

Eric Heuscher Krailling

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