Rausch im demoskopischen Karussell

Die politische Meinungsforschung, auf eine Krankheit anspielend „Umfrageritis“ zu nennen, deutet an, dass Horst Seehofer ein Problem bewusst geworden ist.

Vor der letzten Bundestagswahl äußerte sich ein verdienter Sozialdemokrat, Erhard Eppler, ebenfalls kritisch über die Flut von Zahlen: Die Politiker würden permanent auf sie schielen. Wenn es vor Wahlen ernst wird, fragten Journalisten gar nicht mehr, für welche Ziele eine Partei stehe, sondern gierten nach Kommentierungen der Prognosen. So liefert der Betrieb derzeit die altbackenen Selbstvergewisserungsparolen der FDP. Die bayerische SPD betreibt Kult um ihren Christian Ude. Über kurz oder lang sind auch die anderen wieder mit ihren Befindlichkeiten dran. Antworten gibt es dagegen keine: Ein CSU-Innenpolitiker kneift bei der Frage, wie viel Verfassungsschutz-Etat im braunen Sumpf verschwindet. Ein „tourismuspolitischer Sprecher“ der SPD hält die Luftverkehrsabgabe für falsch, hat aber keine anderen Vorschläge. Ein FDP-Wirtschaftsminister kann nicht erklären, warum die Schulden einer Flughafengesellschaft keine Staatsschulden sein sollten. Transparenz und Bürgerbeteiligung ist etwas anderes. Das nährt Zweifel, ob diese Politiker überhaupt Bürger wollen, die bei Wahlen und Abstimmungen einer sachlichen Einschätzung folgen.Ein erster Schritt gegen den Rausch im demoskopischen Karussell wäre, die öffentlich-rechtlichen Sender hörten auf, Umfragen wie die „ARD-Sonntagsfrage“ oder einen „Bayern-Trend“ in Auftrag zu geben. Mit den Rundfunkgebühren soll journalistische Arbeit bezahlt werden. Nicht auszuschließen, dass sich nun ein Medienpolitiker meldet und meint, „der Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen schließe ja auch die Unterhaltung ein“.
Markus Hiereth
Eching

Christian Deutschländer: „Seehofer plagt die Umfrageritis“; Politik 5. Januar

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