Missglückte Reform

Friedrich Denk: „Die Fehler der Politik bei der Rechtschreibreform sind ausgebügelt“; Gastkommentar Politik 27. August

Die Ausführungen von Ex-Kultusminister Johann Zehetmair in der ZEIT vom 30. Juli 2015 fordern tatsächlich zu Einspruch, ja Widerspruch heraus. Zehetmairs fataler Fehler war, dass er bereits kurz nach dem Bekanntwerden der Reformpläne bei einem Symposium der Süddeutschen Zeitung die Forderung der zahlreichen Anwesenden nach einem Reformstop mit einem zynischen „Zu spät! Zu spät!“ abschmetterte. Bis heute fragt sich die Sprachgemeinschaft, wie es überhaupt zu einer derart missglückten Reform kommen konnte, die ein mir bekannter Parlamentarier als , die größte Dummheit’ bezeichnete, die sich die deutsche Politik in den letzten 20 Jahren geleistet hat. Bis heute fragt sich die deutsche Sprachgemeinschaft, aus welchen Gründen die starken Bedenken und massiven Proteste so vieler Persönlichkeiten, Institutionen und Initiativen gegen das Reformwerk von den Verantwortlichen in den Wind geschlagen wurden. Man denke an die deutschen und österreichischen Schriftsteller (darunter die Nobelpreisträger Elfriede Jelinek und Günter Grass), die unzähligen Sprach- und Literaturwissenschaftler an in- und ausländischen Universitäten, die Initiative von 70 Professoren der Rechtswissenschaften von Rang (darunter Prof. Wolfgang Däubler, Ehemann von Ex-Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin, und Prof. Andreas Voßkuhle, derzeitiger Präsident des Bundesverfassungsgerichts), die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung sowie weitere 10 bedeutende Akademien, den Deutschen Elternverein, vor allem jedoch an das eindeutige Votum des Deutschen Bundestags vom 26. März 1998 („Die Sprache gehört dem Volk“). Auch die Bundespräsidenten Roman Herzog, Johannes Rau und Horst Köhler standen der Reform ablehnend gegenüber. Nicht unerwähnt bleiben dürfen die zahlreichen Bürgerinitiativen sowie Tausende und Abertausende von Leserbriefen in den Tageszeitungen. Im August 2000 sprachen sich 98 % von 95 236 Lesern von sechs bedeutenden Zeitungen in einer Abstimmung der „Initiative für eine vernünftige Rechtschreibung“ für eine Rücknahme der Reform aus. Geradezu unglaublich, ja unbegreiflich, der Umgang der Politik mit dem Bürgerwillen nach dem Volksentscheid in Schleswig-Holstein im September 1998. Ex-SPD-Bundesgeschäftsführer Franz Müntefering: „Sollte ein Land ausscheren, wäre die Reform gescheitert.“

Erwin Dötsch München

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