Russland und Amerika

Friedemann Diederichs: Kopfschmerzen; Kommentar, Russlands Stärke; Leserbriefe 31. Dezember/1. Januar

Friedemann Diederichs schreibt, „Obama verhängt frische Sanktionen gegen Moskau, Putin denkt an Gegenschläge“, obwohl Putin bereits unmissverständlich klar gestellt hat, dass er dies nicht tun werde. Gegenschlag klingt natürlich sensationeller, aber ist das nicht unnötige Panikmache? Und warum? 

 Jürgen Brendel Dachau

Ich bin weiß Gott alles andere als eine Putin-Verehrerin. Jemanden zu bewundern, der zum Zwecke seines Machtausbaus keinerlei Skrupel hat, einen Massenmörder wie Assad zu unterstützen, ist mir nicht gegeben. Barack Obama muss sich allerdings die Frage gefallen lassen, wie groß seine Mitschuld am Leid der Menschen in Syrien ist. Er hat gedroht, würde die rote Linie überschritten, könne das nicht ohne Folgen bleiben. Als es dann so weit war, blieben diese jedoch aus. Kein Präsident einer Weltmacht darf drohen und sich im Ernstfall schwach zeigen. Zudem hat Obama Putin mehrmals gedemütigt und provoziert – unter anderem mit seiner Äußerung, Russland sei nur eine Mittelmacht. Wozu diese Mittelmacht imstande ist, hat sich dann sehr schnell gezeigt und mittlerweile kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass nicht Amerika, sondern Russland die erste Weltmacht ist. Der scheidende Präsident Amerikas ist bedauerlicherweise zu eitel und zu arrogant, um Putins Intelligenz und Schlauheit zu erkennen! Wahrscheinlich dachte er, mit der Ausweisung russischer Diplomaten würde er zum Abschied noch einen großen Coup landen. Was aber macht Putin? Lächelt milde und lädt die Kinder der US-Diplomaten zur Weihnachts- und Neujahrsfeier in den Kreml ein. Wer von den beiden hat nun den großen Coup gelandet? 

Annemarie Fischer Wielenbach

Als Obama vor einiger Zeit ohne direkten Grund Putins Russland öffentlich zu einer „Regionalmacht“ degradierte, da war das eine gezielte Beleidigung. Nun hat Putin geantwortet. Er hat auf die Strafmaßnahmen Obamas wegen der vorgeworfenen Hacker-Angriffe – als ob die USA nach den NSA-Affären selbst eine weiße Weste hätten – schlicht weg nicht reagiert. Schlimm genug, aber das reicht nicht. Anstatt mit Gegenmaßnahmen zu antworten, wie es sich nach internationalen Spielregeln gehört und wie es sein Außenminister vorschlug, hat er die Kinder der US-amerikanischen Diplomaten in Moskau im Gegenzug zu den Weihnachts- und Neujahrsfeiern in den Kreml eingeladen. Das ist eine Ohrfeige, die umso weher tut, als sie Obama der Lächerlichkeit preisgibt. Die Strafe der Vereinigten Staaten beantwortet Putin mit einem Geschenk für deren Kinder. So endet die Zeit des US-Präsidenten nicht mit seinem messianischen Versprechen: „Yes, we can.“, sondern mit dem aus Moskau zugerufenen deutschen Sprichwort: Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Das wird dem erneut ausgebrochenen Kalten Krieg leider nicht den Frieden bringen. Aber seien wir froh darüber, dass der Kalte Krieg durch dieses völlig unnötige Diplomatie-Scharmützel wenigstens nicht weiter angeheizt wird. 

Germut Bielitz Grainau

Ich stimme zu, dass das russische Volk geduldig und friedlich ist. Dass die letzten 70 Jahre Frieden und Freiheit gebracht haben, zumindest in Westeuropa ist nicht allein Russland zu verdanken. Marschall-Plan und Nato haben neben vielen Institutionen und sonstigen Kontakten den Frieden erhalten und ein menschenwürdiges Leben in Europa ermöglicht. Allzu oft wird vergessen, was in den letzten Jahrzehnten geschehen ist und Gutes geleistet worden ist. Wenn man die letzten Jahre zurücksieht, dann ist es nicht als Stärke zu sehen, wenn ein Flugzeug (Malaysia Airline) vom Himmel geholt wird mit unschuldigen Menschen ohne aktive Aufklärung zuzulassen oder die Menschen in Syrien malträtiert werden und die Städte in wesentlichen Teilen aussehen wie Stalingrad 1942. Ab und zu verschwinden Systemkritiker und Oppositionsführer in bestimmten Staaten oder es werden Sportler für internationale Wettkämpfe mit unerlaubten Praktiken bevorteilt bzw. gedopt. Offiziell wird dementiert etwas damit zu tun zu haben. Das sind keine Stärken. Es erscheint mir so, als wäre es der Versuch, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Bei allem Respekt, in den USA läuft auch nicht alles rund, aber die Stärken und Leistungen unserer amerikanischen Partner bzw. der atlantischen Allianz dürfen nicht gering geschätzt werden. Ein Vergessen wäre ein einfacher Weg – aber nicht gerecht. Mir macht die zunehmende Feindlichkeit gegenüber der Regierung und den Bürgern der USA Sorgen. Die Verharmlosungen der Taten von gewissen Politikern anderer Staaten sind System und genau das Gegenteil, was eine Aufklärung von Fakten behindert. Die Russische Föderation ist mächtig und ernst zu nehmen. Deutschland ist Nachbar unserer russischen Freunde und genießt Brückenfunktion. Nach den Katastrophen der letzten Kriege bin ich froh, dass Deutschland zu vermitteln versucht und nicht nachgibt, Transparenz zu schaffen. Seien wir ehrlich, der Friede muss immerwährend dadurch gesichert werden, in dem man im Gespräch bleibt und Störer an den Pranger gestellt werden. Naivität ist hier fehl am Platz. Um eine vernünftige menschenwürdige Politik am Ende sicherstellen zu können, ist der Kontakt zu den Regierenden in Ost und West weiterhin intensiv zu führen und auch zu veranlassen, Störern den Spiegel vorzuhalten, die gegen die Regeln verstoßen. 

Das ist Stärke! Robert Schiebel Bernried

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