Tsipras, der Wendehals

Takis Tsafos/Hubert Kahl: „Die Kehrtwende des Alexis T.“; Politik, Lorenz von Stackelberg: „Vertagt“; Kommentar 11./12. Juli

Tsipras räumt vor seinem Parlament ein: „Ja, wir haben Fehler gemacht.“ Das ist ehrlich oder raffiniert. Der Überzeuger überzeugt sein Parlament, ihm wieder zu folgen, auch wenn das eine 180-Grad-Wende zu seiner Oxi-Kampagne der vergangenen Tage bedeutet und sich seine Parteikollegen und die sich betrogen fühlenden Menschen auf den Straßen Athens gegen ihn wenden. Mittlerweile spricht das restliche Europa nicht mehr über Hilfen in Höhe von sieben Milliarden, nicht über die von Tsipras geforderten 30 Milliarden, nicht über die vom IWF ins Spiel gebrachten 50 Milliarden, sondern anscheinend über sagenhafte 74 Milliarden Euro. Geht’s noch? Die Schuldenmilliarden, deren Rückzahlung weit in die Zukunft verlagert werden sollen, bis sie (bei eventueller doch Rückzahlung) inflationsbereinigt weniger als die Hälfte betragen werden. Dies muss man als versteckten Schuldenschnitt bezeichnen. Der IWF bekommt dabei natürlich als Einziger sein Geld fristgerecht, abgelöst von den 18 Euro-Geberländern. Tsipras ist ein Meister des rotzfrechen Verhandelns – Hut ab. Er zieht den europäischen Politikern die Milliarden mit einer bemerkenswerten Kaltschnäuzigkeit aus der Nase. Was nun, wenn wir erkennen müssen, dass sich unsere Politiker wieder einmal irren, indem sie dem maroden Griechenland um jeden Preis erlauben, in der Eurozone zu bleiben? Ich verstehe unsere Kanzlerin beim besten Willen nicht mehr, wenn sie da mitmacht. Ich habe in die Griechen kein Vertrauen mehr, jedenfalls nicht, wenn es um so viel Milliarden Euro geht. Was ist, wenn Tsipras in wenigen Tagen wieder eine 180-Grad-Wende hinlegt? Jeder deutsche Bundestagsabgeordnete sollte sich genauestens überlegen, ob er bei dieser Form der Griechenlandrettung mitmacht. Solidarität ist ein sehr wichtiger Baustein Europas, aber diese darf nicht mit politischer Naivität gepaart werden.
Dipl.-Ing Rudolf Brandl
Erding

Bei Griechenland handelt es sich um eine Abwägung zwischen Verbleib im Euro mit weiterer Finanzhilfe und Erfüllung der NATO-Aufgaben Griechenlands für Europa. Wahrscheinlich sind alle beteiligten Regierungen davon überzeugt, dass der Austritt Griechenlands aus dem Euro für die verbleibenden Länder kein Nachteil wäre. Niemand wird glauben, dass Griechenland in Zukunft die erhaltenen Kredite vollständig zurückzahlen wird. Vermutlich werden die wenigsten Länder annehmen, dass Griechenland unter Tsipras vertragliche Zusagen einhalten wird. Den meisten Ländern ist bewusst, dass es mehr als 20 Jahre dauert, bis Griechenland ein normaler europäischer Staat ist hinsichtlich Steuerwesen, Katasterwesen, Gerichtsbarkeit, Attraktivität für Investoren u.v.a.m. Der Verlust für Deutschland wird angeblich bei vollständigem Zahlungsausfall 80 Milliarden Euro betragen (Hinweis: Deutschland hat mehr als 2000 Milliarden Euro Staatsschulden), der sich durch den Entfall des EZB-/Bundesbankgewinns über viele Jahre (z.B. 20 Jahre) ratierlich im Staatshaushalt bemerkbar macht. Würde Griechenland seine EU-Nato-Verpflichtungen nicht mehr wahrnehmen, wäre es nicht nur eine finanzielle Belastung für die EU-Länder, sondern auch eine personelle durch zusätzlich notwendige Soldaten.
Dieter Lewig
Holzkirchen


Griechenland hat sich nach langem Hin und Her als „failed state“ erwiesen. Es ist sinnlos, in dieses Fass ohne Boden gutes Geld schlechtem hinterherzuwerfen. Und viele EU-Mitgliedsstaaten wie im Baltikum, der Slowakei oder Slowenien, wo die Löhne und Renten weit niedriger sind als in diesem bisher mit insgesamt 500 Milliarden Euro subventionierten Griechenland haben – drastisch ausgedrückt – genug von diesem Kasperltheater, aufgeführt von Politclowns, gewählt von einem Volk, das ganz offenkundig nicht in der Lage (oder willens) ist, sein eigenes Desaster zu erkennen und Maßnahmen zur Selbsthilfe zu ergreifen. Die Schuld wird immer auf andere geschoben. Dieser „failed state“ muss unter UN-Verwaltung gestellt und einer Mandatsmacht unterstellt werden. Hier bietet sich Großbritannien an, das jahrhundertelange Erfahrungen im mediterranen Raum besitzt und für seine neutrale Haltung und eine ausgeprägte Fähigkeit zum Aufbau einer funktionierenden Verwaltung (insbesondere im steuerlichen Bereich) berühmt ist.
Dr. Christian Herrmann
Erding


An Frau Merkel, an die Bundesregierung und an alle Abgeordnete: Sie haben kein Mandat, unsere Steuergelder an die griechische Regierung zu verschenken. Wenn Sie das dennoch tun, ohne vorheriges Referendum, ist das Diebstahl zum Schaden des deutschen Volkes, und Diebstahl ist eine Straftat. Daher führen Sie eine Volksabstimmung durch und handeln so, wie das Volk es bestimmt. Da die griechische Regierung innerhalb einer Woche eine Volksabstimmung organisiert hat, wird das bei uns wohl auch möglich sein. Das ist Demokratie. Nicht wahr, Frau Merkel?
Sighart Seidel
Steinhöring

Fassen wir mal die Fakten zusammen. Ein Volk lebt seit fast 30 Jahren auf Pump. Die Schulden erreichen eine unerträgliche Höhe. Die frei gewählten Regierungen machen einfach so weiter. Als es eng wird, wird eine Regierung gewählt, die verspricht, kein Sparen, sondern auf Kosten anderer weiterhin mehr auszugeben als zu erwirtschaften. 5 Monate Verhandlungen über neue Kredite ohne Vorschläge, wie man diese zurückzahlen will. Die Verhandlungen werden zum lächerlichen Spiel. Dann eine Volksabstimmung über Sparmaßnahmen, die mit 60% abgelehnt werden. Trotz dieses Ergebnissen werden jetzt, da die Banken vor dem Kollaps stehen, genau diese Sparmaßnahmen akzeptiert. Welcher Narr würde hier vertrauen, dass das Angekündigte umgesetzt wird und die neu geforderten 75 Mrd. Kredit kein verbranntes Geld sind. Das Wort Kredit kommt von credo = glauben. Den Glauben an ihre Seriosität und damit den Kredit haben die Griechen verspielt. Vertrauen ist schnell zerstört und schwer wieder aufzubauen.
Tom Bernthamer 
Glonn

Auch ich zähle mich zu den enttäuschter Liebhabern Griechenlands. Haben wir doch am Gymnasium die wahren Werte des antiken Hellas in uns "aufgesaugt" und müssen nun feststellen, dass ein undurchschaubarer Demagoge namens Alexis Tsipras die griechische Tragödie in schlimmster Form neu zu erschaffen schien. Γεώργιος Χατζημαρκάκης; = Jorgo Chatzimarkakis wies gestern im Interview bei N 24 auf den "Zauberkünstler nach dem Referendum" hin, nämlich Tsipras, der das, was in der FAZ schon vorvor zwei Wochen zu lesen war, als letzte Chance sah, nämlich: nicht nur seine Wahlversprechen 100%-ig zu brechen sondern mit Hilfe der Opposition und Verlust des linken Flügels eine große Mehrheit des griechischen Parlaments zu bekommen. Das könnte gelingen, denn Intelligenz setzt sich meist auch unter widrigen Umständen durch. Und dieser clevere Schachzug würde dem "Zauberkünstler" gut zu Gesicht stehen. Nicht so sehr aber den extremen Linken und Kommunisten.
Volker Scheidemandel Grasbrunn

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