Leserforum

Unsere Lehren aus Afghanistan

Wolfgang Hauskrecht und Susanne Sasse: Verzweifelter Kampf um Flug in die Freiheit; Im Blickpunkt 16. August, Kathrin Braun: Der Westen muss jetzt diesen Preis zahlen; Kommentar, Stimmen zu Afghanistan; Leserforum 21./22. August

In Sachen Afghanistan ist nun schon viel zum Versagen unserer Regierung geschrieben worden. Wie sieht es mit den Konsequenzen aus diesem Versagen aus? Mir völlig unverständlich ist die Frage, warum gegen die Verantwortlichen, die Versager, die letztlich auch die Gefahren für Leib und Leben von den Piloten, die die Evakuierungen in dieser jetzt außerordentlich schwierigen und gefährlichen Situation aus Afghanistan durchführen müssen, nicht ebenso ermittelt wird, wie gegen Landrat Jürgen Pföhler, der möglicherweise für nicht erfolgte Warnungen von Flutopfern verantwortlich gemacht wird. Meines Erachtens müsste nun gegen die verantwortlichen „Versager“, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Außenminister Heiko Maas, Innenminister Horst Seehofer und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Tötung, fahrlässigen Körperverletzung durch Unterlassen eingeleitet werden. Es ist beschämend und empörend zugleich, wie sich diese Verantwortlichen und ihr gesamter Unterbau einschließlich des BND herausreden und unumwunden zugeben, dass alles schief gelaufen ist. Keine(r) ist jedoch in der Lage oder gewillt, keine(r) hat den Charakter, die Konsequenzen aus dem Versagen durch Taten (Rücktritt) zu übernehmen. Schließlich geht es neben den Piloten auch um das Leben von allen dort (noch) anwesenden deutschen Personen und der Ortskräfte mit ihren Angehörigen. Ok, jetzt sind erst mal die Evakuierungen vorrangig wichtig, alles andere kommt danach. Die verantwortlichen Politiker müssen zur Rechenschaft gezogen werden, weshalb es sich für unseren Rechtsstaat gehört, deren Versäumnisse und Fehler zu ermitteln und die strafrechtliche Relevanz zu prüfen. Nur zu sagen, ich übernehme die Verantwortung, reicht schließlich nicht mehr aus, es müssen Konsequenzen geprüft werden.

Hugo Felber

Benediktbeuern

Die Taliban überrennen Afghanistan. Der längste Krieg seiner Geschichte. Die Taliban haben in den letzten acht Tagen die Hälfte der 34 Provinz Hauptstädte eingenommen. Als gedemütigte Verlierer nach einer Kapitulation ziehen die westlichen Gruppen ab. Der längste Krieg nach 20 Jahre Militäreinsatz, den die USA und ihre westlichen Verbündeten je geführt haben. Das Afghanistan Debakel: Insgesamt hat die Bundesregierung seit dem Jahre 2002 18 Milliarden Euro für Afghanistan gelassen, der Einsatz der Bundeswehr verschlang rund 12,5 Milliarden. 160 000 deutsche Soldaten leisteten ihren Dienst in Afghanistan. Talibans neuer Machthaber heißt Hibatullah Achundsada. Viele Afghanen haben Angst, denn ihm eilt der Ruf eines brutalen Hardliners voraus. Achundsada will die Macht, das Land beherrschen und fordert zugleich unbedingten Gehorsam.

Unsere Abschottungspolitik ist komplett gescheitert. Menschlichkeit ist in Europa leider zu einem Fremdwort geworden, die aktuelle Situation in Afghanistan muss man erwähnen. Die Konsequenz ist eine erneute Massenflucht. Verbrechen gegen Menschlichkeit werden begangen, ohne dass dafür jemand zur Rechenschaft gezogen wird. Bei den Zivilisten in Kabul herrschen Verbitterung, Enttäuschung und wachsende Wut, quasi der moralische Kompass, der hat sich nachhaltig verschoben.

Herbert Clasen

Obergriesbach

Es ist bemerkenswert und unglaublich reaktionsschnell, unsere Regierung lebensbedrohende Situationen sofort erkennt und entsprechende Maßnahmen ergreift. Da kann man beobachten, dass die Taliban über Afghanistan herfallen wie ein Feuersturm, und schon sitzen unsere Parlamentarier in Beratungsrunden zusammen, um zu überlegen, was man vielleicht tun könnte, am besten mit einer Abstimmung in einer Bundestag-Sondersitzung. Die Taliban stehen rings um Kabul, da schwadroniert unser Außenminister davon, dass man in den nächsten Tagen drei Bundeswehrmaschinen hinschicken will, um eventuelle Evakuierungsmaßnahmen einzuleiten. Ich verstehe nicht, dass er nicht selber hinfliegt, um mit den Taliban zu verhandeln! So ein Gespräch am runden Tisch mit einem leckeren mehrgängigen Menü schafft Ruhe und Einsicht. Voreilige Handlungen würden vermieden und die umzingelten Menschen hätten Zeit zur Flucht (wohin?). Armes Deutschland, mit solchen Führungskräften!

Hans Möckel

München

So schlimm, dass alles für die meisten von uns auch klingen mag, haben wir es doch mit einem Gesamtversagen der westlichen Welt zu tun. Gehen wir aber ganz an den Anfang, so ist festzustellen, dass der Ursprung mit den hinterhältigen Anschlägen auf das World-Trade-Center und das Pentagon vor über 20 Jahren zurückzuführen sind, für welche Al Quaida mit dem Wortführer Osama bin Laden mit seinen Verbündeten verantwortlich zeichnete. Die Racheaktion richtete sich gegen Osama bin Laden und die ihn unterstützenden Taliban mit den Ursprungsgebieten in Afghanistan und dem Hindukusch. Die Etablierung der Demokratie in zutiefst islamisch geprägten Teilen dieser Welt war nur ein Nebenprodukt. Mit der Eliminierung Osama bin Ladens war die Hauptmission als Rachefeldzug der USA erfüllt; das weitergehende Interesse der USA damit stark rückläufig. Neben Frankreich, Großbritannien und Italien hat sich auch die Bundesrepublik Deutschland als Bündnispartner diesen Vergeltungsmaßnahmen angeschlossen. In dem vermeintlichen Glauben, dass Demokratie und Menschlichkeit als zartes Pflänzchen Wurzeln geschlagen haben, wurde wider besseren Wissens ein abrupter Rückzug eingeleitet. Mit dem Einsatz nicht mehr zu zählender Milliarden und einer Vielzahl von Toten bei den westlichen Verbündeten (davon allein in Deutschland 59 getötete Soldaten) wurde die Mission beendet - und man muss sich fragen, ob nicht ein anders gearteter Rückzug das bessere Mittel der Wahl gewesen wäre. Im Rahmen einer Pressekonferenz des amerikanischen Staatspräsidenten, Joe Biden, hat dieser ganz treffend erklärt (ausgestrahlt über CNN), dass es nicht sein kann, dass „wehrfähige Männer” das Land Afghanistan verlassen und die westlichen Verbündeten eine Garantenstellung für Demokratie - damit deren Kampf übernehmen sollten. Fakt dabei ist, dass die afghanische Armee, die durch die westlichen Verbündeten über viele Jahre ausgebildet wurden, den Kampf für die Demokratie nicht führen wollte. Ein großer Teil dieser Personen sind schlichtweg - gut bewaffnet und ausgebildet – übergelaufen, um im strengen Patriarchat des Islamismus ein bequemes Leben zu führen. Wie erklären das bitte die in unserer Regierung Verantwortlichen den Hinterbliebenen unserer Soldaten oder den Kriegsheimkehrern mit Folgeschäden. Es ist zum Femdschämen und keineswegs zufriedenstellend. Jeder Versuch einer Erklärung, egal ob vom Bundeskanzleramt, dem Verteidigungsministerium oder dem Auswärtigen Amt kommt einer Bankrotterklärung gleich. Wollen wir nur hoffen, dass die angelaufenen Rückholaktionen besser zu Ende gebracht werden.

Rüdiger Reichelt

Haar

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