Unwort „Lügenpresse“

Dirk Walter: Der Grundschul-Schock; Kommentar 14/15. Oktober

Es gibt Begriffe, die sofort klar machen, dass derjenige, der sie benutzt, kein Interesse an einer differenzierten und konstruktiven Auseinandersetzung hat. „Lügenpresse“ ist so ein Unwort, das nur eine diffamierende Absicht verfolgt und eine destruktive Emotion bedient, anstatt sich um einen vielfach durchaus berechtigten kritischen Umgang mit der Presse zu bemühen. Ganz ähnlich steht es um den Begriff „Kuschelpädagogik“, der gerne benutzt wird, wenn es darum geht, die Gründe für irgendetwas Unerfreuliches im Bereich Schule festzumachen. Und wenn auch niemand genau weiß, was z.B. auch Herr Walter unter einer „kuschligen Grundschulpädagogik“ versteht, er kann sich ziemlich sicher sein, dass er von vielen Seiten Zustimmung erhalten wird. „Ja, genau, früher ist das doch auch gegangen und da waren die Kinder nicht so frech und nicht so verwöhnt und da muss dringend wieder Disziplin und Strenge herrschen, damit aus den Fratzn was wird.“ Na dann: Lebwohl Individualisierung und Differenzierung. Schluss mit Empathie, Motivation und Inklusion. Adieu Methodenvielfalt und Schülerorientierung, das geht dem hurtigen Lernerfolg doch offenbar nur im Weg um. Ignorieren wir doch einfach auch mal die Erkenntnisse aus Psychologie und Pädagogik und Hirnforschung. Wer traut schon diesen seltsamen neunmalklugen Forschern, wenn doch ohnehin jeder qua Lebenserfahrung ein Experte in Sachen Schule und Lernen ist. Lernen als Ergebnis gelungener Beziehungsarbeit. So ein Quatsch, Lernen soll wieder die gelungene Mischung aus dem „Triumph des Willens“ und dem „Schweiße deines Angesichts“ werden, was es schon früher eben nicht war. Schon vergessen? Früher war einfach (auch) ganz vieles nicht gut. Das war dann auch immer der Grund für Bestrebungen, den Zustand des „Früher“ zu verändern. Und eigentlich auch kein Geheimnis: Es gab und gibt in den letzten Jahrzehnten massive gesellschaftliche Verschiebungen, die natürlich unmittelbare Wirkung auf Schüler und Schule haben. Familienstrukturen haben sich geändert, Lebenswirklichkeiten, Alltagsabläufe, Umgangsformen, technische Möglichkeiten, Erziehungsstile (wenn denn überhaupt noch irgendwo erzogen wird), auch Flucht und Migration nehmen einen immer größeren Raum ein. Da wird es meiner Ansicht nach wohl nicht genügen, wieder mehr Diktate zu schreiben, um die Kids zurück in die Spur zu bringen (die meisten sind übrigens gar nicht allzu weit aus der Spur). Ich empfinde es als unangemessen und ignorant die Frage nach einem vermeintlichen deutschlandweiten Leistungsabfall in den Grundschulen damit beantworten zu wollen, dass dies ursächlich an einer Schar fehlgeleiteter Gutmenschen-PädagogInnen liegt, die nicht den Mumm und die Kompetenz besitzen, Pflichtbewusstsein und Leistungsbereitschaft beim Schüler herauszubilden. Gäbe es nicht genug handfeste Aspekte, die man auf dem Weg zu einer besseren Schule (und vor allem auch Grundschule) genauer beleuchten und umsetzen müsste. Mehr Lehrerstellen (z.B. für Doppelbesetzungen oder für Inklusionsaufgaben), weniger Unterrichtsverpflichtung für Lehrkräfte, bessere räumliche und finanzielle Ausstattung, Ausbau der Ganztagsschulen, mehr Schulsozialarbeit, gezieltere Unterstützungsmöglichkeiten für Eltern und Schüler …, diese Liste ist hier noch lange nicht zu Ende. Möglichkeiten und Notwendigkeiten zu Handeln gäbe es genug. An dieser Stelle ein kurzer Hinweis, nur dass er nicht vielleicht von manchen übersehen wird: Vielleicht wäre das ja ein Ansatzpunkt für seriöse journalistische Arbeit, damit unsere Schulen wirklich besser werden. Luft nach oben gibt es mit Sicherheit. Ein Letztes: An der Schule, an der ich unterrichte, erlebe ich jeden Tag, dass die überwiegende Mehrzahl der Schüler mit großer Freude kommt, dass sie sich (auch durch kompetente, engagierte und professionelle Unterstützung ihrer Lehrer) im Rahmen ihrer Möglichkeiten Stück für Stück entwickeln, sie wachsen, sie lernen, sie lachen, sie probieren aus, sie fassen Mut, sie erwerben Kenntnisse und Fertigkeiten, sie gewinnen Freude und Vertrauen. Diesen Prozess bei so vielen Kindern zu begleiten ist außergewöhnlich komplex, interessant und herausfordernd. Ich bin mir sicher, dass viele meiner KollegInnen in Berlin und Bremen dies ebenso sehen und ihr Möglichstes machen, was eben die Bedingungen zulassen. Aber vielleicht täusche ich mich ja auch und alles wird gut, wenn wir endlich wieder Nachschriften pauken. Auch ich hätte es gerne, wenn die Welt einfacher wäre. Aber lieber Herr Walter, so einfach wie sie sie gerne machen wollen, ist sie leider nicht! 

Stefan Riedl Greiling

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