Vergesellschaftung vorgesehen

Lorenz von Stackelberg: „Übertrieben“; Kommentar 25. Januar

Ihr Kommentar zur Beobachtung der Partei „die Linke“ treibt mich - gegen meine Gewohnheit - doch zu einer Leserreaktion. Seit langem verfolge ich zunehmend irritiert bis beunruhigt, mit welcher Selbstverständlichkeit Politik und Medien Kritik am Wirtschaftssystem der BRD als extremistisch, verfassungsfeindlich, also staatsgefährdend bezeichnen und damit disqualifizieren. Auch Sie scheinen im Strom des Meinungs-Mainstreams mitzuschwimmen, wenn Sie die Idee einer „Rückführung der Produktionsmittel in gesamtgesellschaftliches Eigentum“ zu einem eindeutigen Indiz für Verfassungsfeindlichkeit erklären. Weder Politik noch Medien scheint die ihnen so bedroht erscheinende Verfassung halbwegs geläufig zu sein, sonst müsste doch irgendjemandem auffallen, dass Artikel 15 ausdrücklich die „Vergesellschaftung von Produktionsmitteln“ erlaubt. In einer Zeit, in der das kapitalistische Wirtschaftssystem (der Begriff wird gerne vermieden) gigantische Wertvernichtungen, Ökologie-, Finanz- und Staatskrisen sowie zunehmende Verarmung vieler bei obszön steigendem Reichtum weniger produziert, halte ich die Verteidiger dieses Systems für staats- und gesellschaftsgefährdender als diejenigen, die es wagen, kritische Fragen zu stellen. Eine Unterdrückung dieser notwendigen Diskussion ist angesichts der bestehenden Probleme völlig verantwortungslos und nur durch eindeutige Interessenlagen zu erklären. Daran sollten sich Medien, die etwas auf sich halten, nicht beteiligen. Nebenbei: Selbst der Gründer und Organisator des Weltwirtschaftsforums in Davos, der bisher jeder Kapitalismuskritik unverdächtig war, hält es in diesem Jahr für angebracht, die Systemfrage zur Grundthese der Veranstaltung zu machen. Ich würde mich freuen, wenn Sie meine Meinungsäußerung in Ihrer Zeitung zur Diskussion stellen würden.

 Joachim Steffenhagen Jachenau

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