Vor- und Nachteile der niedrigen Zinsen

Nullzinsen kosten jeden Bürger im Schnitt 2450 Euro; Titelseite, Georg Anastasiadis: Merkels Renten-Problem; Kommentar 11. April

Als ehemaliger Lehrer für Mathematik und Physik einige Anmerkungen: Es wäre schön gewesen, wenn in der prägnanten und prägenden Schlagzeile auch der Zeitraum angegeben worden wäre. Für welchen Zeitraum wurden die 2450 Euro berechnet? „Seit Beginn der Eurokrise“ steht im Artikel – bei 6 Jahren sind das nur noch zirka 400 Euro im Jahr. Dafür müsste man ein Barguthaben von zirka 80 000 Euro pro Person angelegt haben, was sicher nicht für jede Person zutrifft. Kann es sein, dass die DZ-Bank hier einiges außer Acht lässt? Kann es sein, dass die Mitarbeiter der Bank hier nicht ganz uneigennützig gerechnet haben? Es gibt auch einige sehr positive Aspekte für die Bürger: Zum Beispiel sind die Kreditzinsen für den Bau oder Kauf einer Eigentumswohnung auf einem sehr niedrigen Niveau, was vielen Bürgern viel Geld spart. Als Vermieter einer Eigentumswohnung spart man bei 100 000 Euro Darlehen aktuell zirka 4000 Euro im Jahr im Vergleich zum Zinsniveau vor 5 Jahren. Dafür kann man weniger von der Steuer absetzen, der Fiskus erhält mehr Steuern. Ein weiterer positiver Aspekt der geringen Zinsen ist die entsprechend niedrige Inflationsrate. Inflationsrate März 2016: 0,3 % – bei Tagesgeldzinsen von 0,7 % – ist doch besser als 2,5 % aufs Tagesgeld bei 3 % Inflation? Sparen lohnt sich, wenn das Geld nicht durch die Inflation entwertet wird. Nutzt die Niedrigzinsphase den Vermögenden oder denen, die wenig Bargeld besitzen?

Walter Bertl Fürstenfeldbruck

Die Kritik an der Politik der EZB nimmt zwischenzeitlich Ausmaße an, die zu Zeiten der Bundesbank unvorstellbar gewesen wären. Während man Draghi vorwirft bislang übliche Grenzen der Zentralbankpolitik - wohl gerade noch legal - zu überschreiten wird ein eherner Grundsatz mit Füßen getreten: Die Unabhängigkeit der Zentralbank vor politischer Beeinflussung. Ich weiß nicht, wie diese 2450 Euro – bezogen auf die letzten acht Jahre – berechnet sind. Jedenfalls ist festzustellen, dass kein Land Europas von den Zinsentscheidungen der EZB mehr profitiert als Deutschland. Allein der Staat hat bei zwei Prozent Zinsdifferenz seit 2008 weit über 300 Milliarden an Zinsen gespart, die sonst größtenteils hätten steuerfinanziert werden müssen. Bringt es einem Sparer etwas, wenn er drei Prozent Zinsen bekommt, fast ein Drittel davon als Steuer bezahlt und nur zwei Prozent Inflation herrschen. Damit stet er genauso bei Null wie jetzt, wo er nix kriegt, nix zahlt und keinen Inflationsverlust hat. Und dann gibt’s noch die Möglichkeit, Geld zu investieren, in Immobilien, in Rohstoffe, in Fonds, in Aktien. Das funktioniert in fast allen Ländern dieser Welt, nur nicht in Deutschland. Warum muss das denn so sein? Klar, das Bankgeschäft ist nicht einfacher geworden, Lebensversicherer haben es richtig schwer, aber dafür haben es Häuslebauer leichter. Und da haben die Deutschen einen riesigen Nachholbedarf. Die Eigentumsquoten im Süden sind teilweise doppelt so hoch wie bei uns und die eigenen vier Wände sind eine bessere Altersversorgung als Riester oder eine Lebensversicherung. Außerdem: Von keinem der Kritiker der EZB Politik habe ich bisher ein schlüssiges Alternativkonzept für die Bewältigung der Wirtschaftsproblem in der EU vernommen, Probleme, die es zum erheblichen Teil deswegen gibt, weil Frau Merkel und Herr Sarkozy vor acht Jahren unterschiedslos alle Banken Europas retten mussten. Wieso eigentlich hatte man nicht den Mut, die Kleinsparer zu schützen und diejenigen, die mit Risikogeschäften horrende Gewinne eingefahren haben, das Risiko auch mal spüren zu lassen?

Herwig Bahner Fürstenfeldbruck

Es ist wirklich an der Zeit, dass unsere Bundesregierung die Tragweite des Problems der Nullzinspolitik der EZB realisiert und endlich den EZB Chef Draghi zu einem Richtungswechsel in der Geldpolitik auffordert. Sie bedeutet in der Praxis doch nichts anderes, als dass die Finanzierung der europäischen Südländer, allen voran Griechenland, durch die de facto Enteignung der Sparerträge in den solventen Nordländern, allen voran Deutschland, erfolgt. Ob dahinter ein geheimer Deal steht, wie Georg Anastasiadis schreibt, können die deutschen Bürger nicht beurteilen, aber dass es um ihre Ersparnisse und ihre Renten geht, wird ihnen zunehmend klar. Dazu gehört nicht nur das Ausbleiben einer realen Verzinsung auf den beliebten, angeblich sicheren, Sparkonten, sondern eben auch die Versicherungsverträge für die Altersvorsorge. Die Deckung der von den Versicherern beim Abschluss zugesagten Mindestverzinsung kann nur noch aus Reserven erfolgen, die schnell erschöpft sein werden. Georg Anastasiadis weist zu Recht darauf hin, dass es letztlich um die Altersvorsorge einer ganzen Nation geht. Regelrecht tragisch ist dazu noch, dass die Nullzinspolitik Staaten ermutigt, sich weiter zu verschulden, statt überfällige, unpopuläre Reformen anzugehen. Auch die Bundesrepublik hat in ihrer Finanzplanung von der Situation historisch niedriger Zinsen profitiert. Die schwarze Null im Staatshaushalt, auf deren Erwirtschaftung Finanzminister Schäuble so stolz ist, verdankt ihr Zustandekommen zum guten Teil diesem Umstand. Ein schneller Politikwechsel ist daher unwahrscheinlich, auch wenn einige Politiker jetzt nervös zu werden scheinen.

Peter Hütz Krailling

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