Essen sollte uns mehr wert sein

Deutsche pfeifen aufs Kochen; Titelseite, Claudia Möllers: Mehr Lust!; Kommentar, Stefan Sessler: So isst und trinkt Deutschland; Im Blickpunkt 4. Januar

Die Deutschen kochen immer weniger selbst. Das liegt ganz einfach daran, dass immer weniger Frauen, aber auch Männer überhaupt nicht kochen können. Gerade die jüngere Generation interessiert das gar nicht. Ist viel zu umständlich und kostet Zeit. Zum Beispiel ein frisches Blaukraut, eine selbst gemachte Pizza oder einen Eintopf. Blaukraut gibt es doch im Glas, da schaut doch keiner auf die vielen Zusatzstoffe für Farbe und Haltbarkeit oder Geschmacksverstärker. Auch bei Pizza ist die Auswahl riesengroß in den Gefriertruhen der Supermärkte. Für alles andere gibt es Rouladen-Fix, Gulasch-Fix oder Eintöpfe aus Tüte oder Dose. Viel Schuld an dieser Misere haben auch die vielen Kochsendungen im Fernseher. Auf fast allen Kanälen gibt es sie. Die „Schmankerl oder Sterneköche“, wie sie so liebevoll genannt werden, kochen alle anders. Der eine legt die Entenbrust in die kalte Pfanne, der andere in die heiße. Einige Köche braten sie auf der Hautseite an, ein anderer schneidet die Haut runter und brät sie extra usw. Was soll der Zuschauer da noch glauben, was richtig ist? Also greift man immer mehr zu Fertigprodukten. Wichtig ist in den meisten Haushaltsküchen, dass es eine scharfe Schere gibt und der Dosenöffner funktioniert.

 Jürgen Hoffmann Gaißach

Da sieht man mal wieder, was man von Statistiken/Studien halten soll. Ich und alle meine Bekannten, samt Hausbewohnern, kochen täglich. Die sogenannte Fertigkost kann gar nicht so gut schmecken, wie ich mir mein Mittagessen koche. Vielleicht liegt es daran, dass die meisten Leute zu faul sind zum Kochen oder es nie gelernt haben. 

Ingrid Harbich-Klass München

Der Artikel der Titelseite „Deutsche pfeifen auf’s Kochen“ passt wunderbar zum Artikel der Seite 3 „So isst und trinkt Deutschland“. 33 % der Befragten greifen nur ab und zu zum Kochlöffel, 90 % derselben aber verlangen verbindliche Qualitätsstandards für Essen in Kitas und Schulen, selbstverständlich steuerlich begünstigt, d.h. von der Gesellschaft getragen. Dieselben Eltern, die keinen Wert auf’s Kochen legen, finden es sogar sehr wichtig, Ernährung als Schulfach zu lehren - gleichgesetzt mit den Fächern Mathematik und Deutsch. In vielen Bereichen unserer Gesellschaft finden wir die gleiche Haltung: Verantwortung abgeben und Forderungen stellen, die das Leben möglichst bequem machen, geleistet und finanziert aber von der Gesellschaft. Wenn Eltern Kinder in die Welt setzen, dann sollten sie wissen, dass sie verantwortlich sind für Ernährung, Betreuung und Erziehung des neuen Erdenbürgers, was auch bedeutet Mühe, Kosten und Verzicht in Kauf zu nehmen. Der Trend geht heute allerdings dahin, dies anderen Organen zu übertragen und sich zu beschweren, wenn nicht alles zur Zufriedenheit geschieht. Am Ende des Tages soll ein gut ernährtes, wohl erzogenes und inklusive Hausaufgaben möglichst lang betreutes Kind ins Elternhaus zurückkehren, fertig für das nachmittägliche Fernsehprogramm. Die Tiefkühlpizza oder schnelle Spaghetti runden den Tag ab. Das mag überspitzt klingen, aber in vielen Familien ist das Alltag. Ich habe jahrelang mit Jugendlichen Jugendherbergen aufgesucht. Dort gab es ausgezeichnetes Essen: Buffet mit Gemüsen, Beilagen, Salaten, Fleisch, Fisch, Nachspeisen usw. Ohne zu probieren haben viele Kinder von vornherein gesagt: „Das mag ich nicht“. Sie haben nicht einmal erkannt, um welche Gemüse es sich handelte, noch weniger waren sie ihnen aus der häuslichen Küche bekannt. Das Essen war ihnen fremd und suspekt. Wenn man dann nachgefragt hat, was sie denn essen möchten, was die Mama daheim so kocht, dann war vorwiegend von Pommes, Pizza und MC Donald die Rede. Was viele Eltern versäumen, ist ihnen selbst wohl nicht so ganz bewusst. Es geht ja nicht nur um die gesunde Ernährung, die man übrigens auch kostengünstig herstellen kann, sondern es geht auch darum, sich wenigstens ein- bis zweimal am Tag gemeinsam als Familie an einem nett gedeckten Esstisch einzufinden und zu verweilen. Es ergeben sich oft wichtige Gespräche, die so im Vorbeigehen gar nicht erst angestoßen werden. Es wäre schön, wenn die Welle der weltrettenden Veggie - Selbstverwirklichung wieder ein wenig zugunsten der gesunden, ausgewogenen Familienkost an Bedeutung verlieren würde. 

Karin Lange Dietramszell

Nun haben wir Wähler es wieder auf schwarz & weiss: Eine repräsentative Umfrage hat nun herausgefunden, dass der Deutsche es sich lieber mit dem Essen „bequem“ macht. Vor allem Jüngere mögen lieber Pizza, Dose & Co. Kein Wunder, denn täglich am Herd stehen ist nicht mehr „sexy“. Wir sind von der Kleinstkind-Betreuung über die Schule bis hin zum Berufs- und Studienleben vollkommen versorgt: Die Dienstleistung Catering ist in unserem Leben voll integriert. Warum also selbst sich hinstellen und was brutzeln? Vor allem muss das Essen billig und der Teller gut gefüllt sein. Fazit: Wir essen zu fett, zu süß, zu salzig und zu viel. Und das schon als Baby. Standards und Qualität spielen meist nur eine untergeordnete Rolle. Woher das Essen kommt und wie viele Ressourcen dafür verbraucht werden, stellt man sich lieber nach der Mahlzeit oder gar in den sozialen Netzwerken. Die Initiative, einen qualitativen Standard vor allem beim Schulessen einzuführen, ist löblich. Doch reicht dies längst nicht aus. Meines Erachtens ist vielmehr eine Unterstützung notwendig, um effektiv die „Frischküche“ zu fördern: das kann der Minister durch Coaching und finanzielle Förderung. Lebensmittel auswählen und verarbeiten - nicht nur in die TK-Kiste greifen und Convenience-Produkte verwenden. Hierbei stellt sich nämlich auch die Frage, was uns das tägliche (und nicht nur das „gute“) Essen wert ist! Also haben wir ein Defizit in der Wertevermittlung: Was ist das, was wir da täglich zu uns nehmen?! Worauf muss ich beim Einkauf achten?! Wie kann ich es verarbeiten? Warum auf die regionale Herkunft achten?! und siehe da: Es wird sich herausstellen, dass selbst gekocht nicht gleich Zeitverschwendung ist. Oftmals ist die Eigenkreation in der Küche schneller fertig, als so manche Wabbel-TK-Pizza im Ofen. Doch woher das Wissen?! Hier kommt die Vermittlung in Kita und Schule zum Einsatz. Ehrlich gesagt bezweifleich , dass allein ein Schulfach „Ernährung“ die Grundlagen vermitteln und eine Veränderung bewirken kann. Meist wird dann eher auf die theoretischen und abprüfbaren Einheiten vertraut. Aber wir sollen es doch selbst machen können! Daher wäre ein konstant angebotener Pflicht-Workshop mit starkem praktischem Bezug so wichtig! Da fängts bei der Herkunft an ( wer produziert das Lebensmittel = Bauernhof, was für Ressourcen werden eingesetzt, etc.), geht über Einkaufs-Coaching (worauf muss ich achten), zur Aufklärung über Zusatzstoffe, Nährwerte und Bezeichnungen (was ist drin, was heisst die Angabe auf dem Etikett, Qualitätskriterien), bis hin zur bewussten Kaufentscheidung (was will ich täglich essen, worauf muss ich achten, Info über Siegel, Labels, Info-Quellen). Diese Dinge haben wir „älteren“ noch daheim gelernt, da Mama, Oma oder Tante noch zuhause waren und das Essen noch einen ganz anderen Stellenwert hatte. In der heutigen Gesellschaft sieht es anders aus: Nahrung ist immer und überall und vermeintlich einfach und schnell zu haben. Fazit: Die Lebensmittelindustrie freut sich, verzeichnet seit Jahren stärkere Umsätze und drückt bei den Produzenten auf eine größere Quantität statt Qualität. Und natürlich auch auf den Erzeugerpreis. Ein Umdenken ist richtig und wichtig, denn Essen sollte uns mehr wert sein, und das nicht nur auf finanzieller Ebene! 

Dagmar Wagner Erlebnisbäuerin, Kreuzholzhausen

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