Fasten versus Hungertod

Verzicht oder nicht?; und Hungerkrise in Somalia; Titelseite 1. März

Auf der ersten Seite des Miesbacher Merkurs vom 1. März ragt dem Leser groß oben in der Mitte ein frischer Salat entgegen. Die Beschreibung dazu lautet: „Verzicht oder nicht?“ Das Thema der Fastenzeit wird damit eingeleitet und es wird auf weitere Artikel in der Zeitung verwiesen, die sich mit dem freiwilligen Verzichten auf bestimmte Nahrungsmittel, wie es in unserer Gesellschaft in der Nachfaschingszeit üblich ist, befassen. Überfliegt man nun weiter die Seite, springt einem unten rechts die Überschrift „Hungerkrise in Somalia“ ins Auge. Dort wird von der lang anhaltenden Dürrekatastrophe berichtet, die den afrikanischen Staat aktuell in eine landesweite Hungersnot stürzt. Derzeit sind über 6 Millionen Menschen -ungefähr die Hälfte der Bevölkerung- auf humanitäre Hilfe angewiesen. Circa 70 000 stehen bereits akut vor dem Hungertod. Diese Zahlen sollte man sich erstmal zwischen zwei Bissen von seinem Frühstückscroissant, das man wegen der Fastenzeit jetzt ohne Nutella isst, auf der Zunge zergehen lassen. Die beiden Artikel haben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun. Aber erscheinen sie bei gemeinsamer Betrachtung nicht sehr paradox? Muss man sich hier nicht die Frage stellen, was in unserer Welt so grundlegend verkehrt läuft, dass sich manche Menschen über den freiwilligen Verzicht auf Essen Gedanken machen können, während andere an einem unfreiwilligen Verzicht qualvoll sterben? Ist das allein nicht schon beinahe sarkastisch, gar zynisch? Hinzu kommt, dass das Salatthema, oben mittig thronend, wohl von deutlich größerer Wichtigkeit und mehr Interesse zu sein scheint, als der Bericht unten im Eck über die Hungerskatastrophe. Die Prioritäten sind klar zu erkennen. Findet sich genau hier vielleicht der erste Ansatzpunkt für die Antwort auf die Frage, was in unserer Welt verkehrt läuft? Dass diejenigen, die es sich leisten können, sich lieber mit eigenen Luxusproblemen beschäftigen, als mit dem Leid anderer, dass sie sich lieber selbst mit Fastengeboten quälen, als andere vor Todesqualen zu bewahren, dass eine Zeitung das Bild eines Salatkopfes dem Bericht über das Aushungern eines Landes überordnet und auf das Erwähnen von Hilfsorganisationen oder Spendenmöglichkeiten gleich ganz verzichtet. Sind das nicht verzerrte Prioritäten der Menschen, die genug haben, und ihrem Bewusstsein davon, „was wichtig ist“ ? Dieses Bewusstsein zu sensibilisieren ist unter anderem Aufgabe der Medien und in diesem Fall der Zeitung, die mit der Artikelauswahl und Gestaltung ihrer Seiten viele Möglichkeiten hat, Prioritäten zu setzen und auf Wichtiges mehr oder weniger aufmerksam zu machen. In Anbetracht der Ausgabe des Miesbacher Merkurs vom 1. März möchte ich die Redaktion mit einem Augenzwinkern dazu auffordern, diesen Punkt nicht aus den Augen zu verlieren. 

Doreen Schmidts Hausham

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