So löst man die Probleme nicht

„Das G8 wird erneut reformiert“; Titelseite 14./15. Juli

Endlich beschweren sich auch die anderen Schularten, dass das Gymnasium ansonsten immer im Mittelpunkt der Reformen steht. Ca. 40 Prozent der Schüler von Realschulen werden über den Besuch der FOS/BOS auch das Abitur bzw. Fachabitur erhalten und die Universitäten besuchen. Diese müssen auf dem Weg zum allgemeinen Abitur zwei Notendurchschnitte von 3,5 und 2,8 passieren. Über Beschwerden der Fachoberschüler liest man nichts. Als Alternative zur einseitigen Ausbildung an der Fachoberschule/Berufsoberschule gibt es bereits Eintrittsklassen an verschiedenen Gymnasien. Wenn es zukünftig ein Intensivierungsjahr an den Gymnasien geben soll, wieso können dieses nicht auch Realschüler nutzen, um z.B. eine zweite Fremdsprache zu lernen oder Realschulstoff zu vertiefen und damit die Grundlagen zum allgemeinen Abitur ausbauen. Es gibt mindestens so viele gute Realschüler, die an den Realschulen unterfordert sind, wie es andererseits Gymnasiasten gibt, die an den Gymnasien überfordert sind. Auch an den anderen Schulen fällt Unterricht aus, und somit herrscht auch dort Bedarf für Lehrerreserven. Insbesondere sollten Sozialpädagogen an allen Schulen vorhanden sein. Leider ist auch der Kunst, Werk, Musik und Sportunterricht an Realschulen und Fachoberschulen bzw. Berufsoberschulen stark reduziert. Im Bildungsdschungel Bayern gibt es aber nur eine förderungsrelevante Schulart.
Brigitte Gruber
Walpertskirchen

Als angehender Gymnasiallehrer verfolge ich die Vorschläge zur Reform des G8 mit Interesse. Es ist unstrittig, auch über die Parteigrenzen hinweg, dass das G8 reformiert oder „weiterentwickelt“ werden muss, wie auch immer diese Veränderungen im Einzelnen aussehen sollen. Es kann einfach nicht sein, dass sich die größte Aufmerksamkeit in der aktuellen Debatte dabei auf den Vorschlag des Kultusministeriums richtet, in der Mittelstufe ein individuelles „Intensivierungsjahr“ zu ermöglichen. Es geht mir gar nicht darum, ob der Vorschlag positiv zu sehen ist oder nicht. Aber es kann niemand ernsthaft glauben, dass mit dieser geplanten Neuerung die bestehenden konzeptionellen und strukturellen Probleme am G8 gelöst werden können. Dieses zusätzliche Durchfallerjahr ist doch ein abseitiger und kurioser Nebenschauplatz. Momentan überdeckt er aber die für eine Verbesserung des G8 wirklich relevanten Themen: Die Lehrpläne müssen überarbeitet und entlastet werden. Noch immer fällt in Bayern zu viel Unterricht aus. Das Kultusministerium lässt seine Referendare im Dauernotprogramm arbeiten, während fertig ausgebildete Lehrkräfte im selben Fach nicht eingestellt werden. Dies sind Themen, die für das G8 von Bedeutung wären. Stattdessen redet alles nur vom ‚Intensivierungsjahr’, als entschiede sich hier das Schicksal der bayerischen Gymnasien.
Alexander Sperling
Einsbach

Irgendwie erinnert die G8- Debatte an die aktuelle Diskussion um den EURO. Die ursprünglichen Ziele waren durchaus richtig und zukunftsorientiert. Ohne die notwendigen Vorrausetzungen wurden beide Vorhaben jedoch auf Biegen und Brechen politisch durchgeboxt. Jetzt, nachdem die Konstruktionsmängel offenkundig sind, besinnt man sich erneut der politischen List und erklärt kurzerhand – aus wahltaktischen Gründen – die Problemlösungen zur Chefsache und versucht durch Aktionismus und vieler runder Tische zu retten, was nicht zu retten ist. Das föderale Schulsystem in Deutschland in Gänze ist für eine Kernsanierung längst überfällig. Obwohl jeder einzelne Schüler individuell gefördert werden sollte, ist dies nicht dadurch zu erreichen, dass jedes Bundesland und mittlerweile jede Schule sich sein eigenes Bildungsrezept zusammenköcheln kann. Das Schulsystem gehört längst bundeseinheitlich harmonisiert mit einheitlichen Lehrplänen, Bücher und Abschlüssen, inklusive 12 jähriger Schulzeit (G8) zum Erhalt der Hochschulreife. Die deutsche Hochschullandschaft und auch der qualifizierte Arbeitsmarkt ist längst in Europa angekommen, das Schulsystem hinkt diesem Prozess Jahrzehnte hinterher. Jetzt wurde ein zusätzliches freiwilliges Brückenjahr zur Reformierung des problembehafteten G8 in Bayern vorgeschlagen und beschlossen. Einzelheiten gibt es zwar noch nicht, aber die Einführung soll mit Beginn des neuen Schuljahres stattfinden. Da dürfte die Reformierung der reformierten Reform nicht lange auf sich warten lassen.
Helmut Hummler
Vater von zwei G8-Schülern
Wolfratshausen

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