Die Saat der Gewalt geht auf

„Attacken in der S-Bahn;“ Titelseite 26. Januar

„Es vergeht kaum noch ein Tag in unserem Land, an dem nicht irgendein unbescholtener Passant in öffentlichen Einrichtungen, sprich S- oder U-Bahn, von Randalierern oder alkoholisierten Jugendlichen angegriffen, verletzt, zum Krüppel geschlagen wird oder dabei sogar zu Tode kommt. Die Verantwortlichen aus Politik und öffentlichem Leben ringen die Hände und suchen vergeblich nach Erklärungen und Lösungen. Mir fällt dazu nur ein Satz ein: Die Saat der Gewalt geht auf. Die Medienverantwortlichen haben scheinbar in der Schule geschlafen! Denn schon die alten Griechen wussten: Wenn du einem Menschen tagtäglich Unrecht und Gewalt zeigst oder vorspielst, wird derjenige diese Untat auch wirklich irgendwann ausführen. Unsere Medien jedwelcher Art dröhnen die Menschen von früh bis spät sogar im Kinderfernsehen mit Gewaltszenen zu. Das Darstellen von normalen Lebensabläufen interessiert doch niemand. Es zählt nur Gemeinheit, Schießen, Schlagen und Töten. Eine ganze Industrie verdient sich mit der Herstellung und dem Vertrieb von gewaltverherrlichenden Elaboraten eine goldene Nase. Wer nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, kann im Fernsehen und im Internet lernen, wie man seine Mitmenschen terrorisiert. Spricht man dann die Verantwortlichen auf diese Zusammenhänge an, dann verweisen sie seelenruhig auf irgendwelche sogen. psychologischen Berater, die ja schon oft behauptet haben, dass einem normal entwickelten Benutzer solche Szenarien nicht schaden. Dabei übersehen diese Superberater: In unserer Gesellschaft gibt es eine Unzahl Unreifer, Heranwachsender, psychologisch Labiler, familiär Vernachlässigter und immer mehr zugedröhnter Typen. Letztere können bestimmt nicht zwischen dem fiktiven Machwerk und der Wirklichkeit unterscheiden, noch haben sie je etwas von Frustrationstoleranz, d.h. auch Kritik ertragen ohne gleich zuzuschlagen, gehört. So etwas lernt man heute nicht mehr zu Hause oder in der Schule. Bei meiner Kindheit, die ich erlebt habe, hätte ich schon einige Mitmenschen erschlagen müssen. Es ist schon ein gutes Gefühl, wenn so ein Jugendlicher nach schlimmer Kindheit wenigstens einmal im Leben vor seinen Kameraden durch seine Attacke als Held dasteht und öffentliches Interesse erfährt. Daher sehe ich als Ursache für diese beinahe täglichen Übergriffe die Gewaltverherrlichung in den Medien. Scheinbar gibt es dort keine verantwortungsbewussten Direktoren mehr, denn ihnen sind hohe Einschalt- und Umsatzquoten wichtiger, als die geistige und seelische Gesundheit ihrer Landsleute und besonders der Heranwachsenden! Auch die alten Römer haben diesen Zusammenhang von Vorführen und Ausführen von Gewalt erkannt und in diesem Satz ausgedrückt: Gatta cavat lapidem d. h.: Steter Tropfen höhlt den Stein.“

 Bernhard Kunz Steingaden

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