Nicht ganz klar

„Seehofer setzt Merkel unter Druck“; Titelseite 21. Oktober

In der bisherigen Diskussion über Transitzonen ist mir nicht klar, genau wie sie organisatorisch, logistisch und mengenmäßig gehandhabt werden sollen. Ein paar Eckpunkte glaube ich vernommen zu haben: Asylbewerber kommen an diese Zonen als erstes nach Grenzübertritt (oder direkt davor) an. Sie werden zunächst mit Fingerabdruck und deren Speicherung in einer europaweit abrufbaren Datenbank registriert und stellen ihren Antrag dort auf Asyl. Innerhalb von wenigen Tagen, etwa zwei, soll durch kompetente Prüfer entschieden werden, ob der Bewerber zurückgeschickt wird oder zu einem weiteren Lager geleitet wird. In diesem soll dann im Detail sein Antrag geprüft und entschieden werden. Das kann 3 bis 6 Monate dauern, heißt es. Unter diesen Prämissen ergibt sich die Frage, wie der Durchfluss an Menschen durch eine Transitzone funktionieren soll? Nach einem eingeschwungenen Gleichgewichtszustand muss die gesamte Abflussgeschwindigkeit an Bewerber so groß sein wie die Zuflussgeschwindigkeit, sonst gibt es innerhalb der Transitzone einen Stau, in dem die Menschen nicht komprimiert und nicht vernichtet werden können! Um dies zu bewerkstelligen, müssen sehr, sehr viele Ausgänge mit Prüfern rund um die Uhr besetzt sein. Beispiel: Angenommen zirka 4300 Menschen pro Tag (= ca. 3 Menschen/Minute, 24 Stunden/Tag) kommen an. Unter den obigen Annahmen müssen dann 48 x 60 x 3 = 8640 Ausgänge mit Prüfern 24 Stunden/Tag, 7 Tage/Woche, besetzt sein. Das heißt bei vollem Schichtbetrieb müssen 8640 x 4,2 = 36 288 Prüfer rund um die Uhr arbeiten. Dies ist unter der Annahme, dass die Prüfung eines Bewerbers einen Prüfer 2 Tage permanent beschäftigt. Kann ein Prüfer mehrere Anträge gleichzeitig bearbeiten? Ich weiß es nicht. Gegebenenfalls könnte dadurch die Zahl der Prüfer und der Ausgänge gekürzt werden, vielleicht auf ein Viertel, wer weiß? Aber die Zahlen sind immer noch sehr hoch. Liegt hier ein Denkfehler vor? Mir scheint eine effektivere und menschenwürdigere Lösung wäre, die Bewerber beim Grenzübertritt nur zu registrieren (Fingerabdruck mit abrufbarer Speicherung sowie Ausstellung eines nummerierten Ausweises, noch ohne Namen, aber mit Verknüpfung zum gespeicherten Fingerabdruck) und anschließend sofort (bzw. nach einer Erstversorgung) weiterzuleiten an kleinere Aufnahmestellen dezentral verteilt über das ganze Land. Dort würde die ganze Prüfung und Aufnahme mit Namen, Geburtsdatum, Heimatland, gegebenenfalls mit Ausstellung eines Reiseausweises für Flüchtlinge nach Artikel 28 der Genfer Flüchtlingskonvention geschehen, oder aber die Abschiebung erfolgen. Und nur dort wären dann Entscheider nötig und nicht in den Transitzonen.

 Dr. Sven Nissen-Meyer Seefeld

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