Nicht Studium für alle

Dirk Walter: Ansturm auf Unis sorgt das Handwerk; Titelseite 12. Oktober

Bildung für alle heißt nicht Studium für alle! 390 000 neue Erstsemester in Bayern – was wie ein großer Erfolg für das Hochschulsystem klingt, ist für das Handwerk wahrlich kein Grund zu jubeln, denn mit jedem Studienanfänger geht dem Handwerk ein möglicher Lehrling verloren. Zum Vergleich: In den 1960er-Jahren besuchten etwa 15 % der Schüler nach der Volksschule das Gymnasium, der Rest machte die Mittlere Reife oder begann eine Lehre. Heute liegt zumindest in unserer Gegend der Prozentsatz um die 60 %. Obwohl in vielen Handwerksberufen durch die fortschreitende Technik immer mehr Qualifikation gefragt ist, finden wir beispielsweise im Bereich Video- oder Netzwerktechnik immer weniger qualifizierte Lehrlinge und Handwerker. Die duale Ausbildung braucht dringend ein besseres Image. Wir müssen aufhören, Menschen ohne Studium wie Menschen zweiter Klasse zu behandeln und uns dafür einsetzen, dass das Handwerk wieder den hohen Stellenwert bekommt, den es verdient. Junge Leute durchs Abitur zu prügeln und sie unter Druck zu setzen, wenn sie anschließend nicht studieren, führt unser gesamtes Ausbildungssystem in eine Sackgasse. Schließlich braucht jeder irgendwann einen Handwerker und erwartet, dass dieser sofort und kompetent seine Heizungssteuerung, die Alarmanlage oder den tropfenden Wasserhahn repariert. Und wenn bald Handwerksbetriebe nahezu Akademiker-Gehälter zahlen müssen, um qualifizierte Mitarbeiter zu finden, werden zwangsläufig auch für den Verbraucher die Preise für eine Handwerkerstunde deutlich steigen. 

Rudolf Schmid Stockdorf

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